Für Léa, Elsa und Sara (v. l.) ist Mehrsprachigkeit kein Problem: Bei ihnen wird Französisch, Spanisch und Italienisch gesprochen.

Babylon – innerhalb der Familie

Der 21. Februar ist Welttag der Muttersprache. Doch je länger je mehr Menschen haben mehr als eine davon. Ein Einblick.

Mit nur einer Sprache durch die Kinderstube? Das war einmal! Gemäss Bundesamt für Statistik gelten in der Schweiz rund 16 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren als mehrsprachig. Das heisst, sie denken auch in diesen Sprachen und beherrschen sie sehr gut.Zu diesen 16 Prozent gehört auch Familie Mouzo in Cormondrèche NE: Denn da ist der Vater, der ursprünglich aus Spanien stammt, die Mutter, die aus Italien kommt, und die drei Töchter im Alter von vier bis sieben Jahren, die mit ihren Freunden und Lehrern munter auf Französisch drauflosplaudern. «Mit Léa, der Ältesten, haben wir ausschliesslich italienisch und spanisch gesprochen, bis sie vier Jahre alt war», erzählt Rosella Mouzo.
Doch mit dem Schuleintritt habe sich dies geändert. «Es ist einfach nicht logisch, ein französisches Sprachproblem auf Italienisch zu erklären – ausserdem braucht es unheimlich viel Zeit.» Von da an habe Französisch zu Hause an Bedeutung gewonnen: «Natürlich sollen die Mädchen unsere Muttersprachen perfekt verstehen, aber das Wichtigste ist, dass sie die französische Sprache beherrschen», stellt sie klar. «Sie sind schliesslich Schweizerinnen und leben hier in der Nähe von Genf.»

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Einfluss der Schule

Familie Mouzo ist damit kein Einzelfall. Die in der Schule gesprochene Sprache entwickelt sich meist zur Hauptsprache der Kinder. «Es ist eine Frage des Wortschatzes und des Sich-Wohlfühlens in einer Sprache», erklärt Hélène Delage, Koordinatorin des Masterstudiums in Logopädie der Uni Genf. «EinKind wählt die Sprache, mit der es am häufigsten in Kontakt ist.» Bei den Mouzos pflegt man dennoch die Vielfalt – es gibt Bücher und DVDs in drei Sprachen. «Innerhalb der Familie dominiert oft Französisch. Deshalb haben wir ein paar Tricks auf Lager, damit das Italienische und Spanische im Alltag mit den Kindern nicht zu kurz kommen.»

Verschiedene Sprachwelten

Was aber ist, wenn die Muttersprachen innerhalb einer Familie überhaupt keine Ähnlichkeiten miteinander haben? Ein Beispiel dafür ist Familie Iacomini aus Etoy VD: Bei dem aus Italien stammenden Giovanni, Nina aus Thailand und ihrem neunjährigen Sohn Luca prallen sozusagen Sprachwelten aufeinander: «Wir sprechen vorwiegend französisch», erzählt Nina Iacomini. «Als Luca noch klein war, habe ich oft thailändisch mit ihm gesprochen. Aber weil Giovanni so nichts verstand, habe ich bald damit aufgehört.» Jetzt habe sie wieder damit begonnen: «Luca versteht die Sprache zwar sehr gut, spricht sie aber nicht.»
Anders sieht es mit Italienisch aus: «Ich bin häufiger in Italien als in Thailand. Ausserdem habe ich Schulfreunde, die italienisch sprechen.» Luca grinst: «In dieser Sprache erzählen wir uns unsere Geheimnisse.» Auch Lucas Eltern nutzen die Vorteile von Fremdsprachen. «Wenn wir etwas besprechen, das Luca nicht verstehen soll, sprechen wir deutsch», sagt Giovanni. «Aber er lernt schnell. Es wird nicht mehr lange dauern, bis er alles versteht.» Das ist kein Zufall: Mehrsprachig aufwachsende Kinder haben es leichter, eine Sprache zu lernen – nicht zuletzt auch in der Schule.

Für die Eltern von Léa, Sara und Elsa ist klar: Das Wichtigste ist, dass die Kleinen die französische Sprache gut beherrschen.

Für die Eltern von Léa, Sara und Elsa ist klar: Das Wichtigste ist, dass die Kleinen die französische Sprache gut beherrschen.
http://www.coopzeitung.ch/Babylon+_+innerhalb+der+Familie Für die Eltern von Léa, Sara und Elsa ist klar: Das Wichtigste ist, dass die Kleinen die französische Sprache gut beherrschen.
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Das Wichtigste ist, dass Kinder die Muttersprache der Eltern lernen.»

Hélène Delage, Sprachwissenschaftlerin

Den Wortschatz pflegen

Einfach ist es indes nicht, zwei Sprachen in einem Haushalt am Leben zu erhalten. «Es ist ein täglicher Kampf», gesteht Ariane Gigon, die mit ihren beiden 14- und 11-jährigen Kindern in Zürich lebt. Dabei scheint es doch selbstverständlich zu sein, sich mit seinen Kindern in der eigenen Muttersprache zu unterhalten. «Bevor ich mich in dieser Situation befand, dachte ich das auch. Aber das stimmt nicht: Es ist leichter, sich anzupassen.» Da seien die Nachbarn, die Werbung... «Das Umfeld ist überhaupt nicht dafür gemacht. Ich muss mich wirklich bemühen, französisch zu sprechen.»
Die beiden Teenager reden untereinander schweizerdeutsch, so wie es ihr Vater und ihre Kollegen tun. «Aber mit unserer Mutter sprechen wir meist französisch», sagt der 11-jährige Basil. «Aber Deutsch ist irgendwie natürlicher», erklärt die 14-jährige Maxine. «Wir bewegen uns nun mal in einem deutschsprachigen Umfeld.» Ariane Gigon wendet daher verschiedene Tricks an, damit die für sie so wertvolle Muttersprache im Alltag lebendig bleibt. «Wir schauen uns gemeinsam französische Filme an und fahren oft in die Westschweiz. Das hilft.»
Das sei richtig, sagt die Sprachwissenschaftlerin Hélène Delage. «Das Allerwichtigste ist, dem Kind die Muttersprache seiner Eltern beizubringen», hält sie fest. «Die Sprache, die in der Schule gesprochen wird, lernt es automatisch, da kann man unbesorgt sein.»

«Fähigkeiten sind gleich»

Verändert die mehrsprachige Erziehung die Wahrnehmung eines Kindes?
Nicht unbedingt: Die kognitiven Fähigkeiten eines mehrsprachigen Kindes sind die gleichen wie bei einem einsprachigen Kind. Studien belegen jedoch, dass zweisprachige Kinder eine grössere geistige Flexibilität entwickeln. Es fällt ihnen leichter zu «switchen» – nicht nur in sprachlicher Hinsicht, sondern auch in anderen Bereichen. Man weiss auch, dass sie Grammatikregeln besser lernen.

Beherrschen diese Kinder eine Sprache besser als die andere?
Wir sprechen hier eher vom Vokabular. Die Anzahl der bekannten Wörter ist bei einem einsprachigen Kind gleich gross wie bei einem zweisprachigen, bei Letzterem aber in beiden Sprachen zusammen. Der Wortschatz des zweisprachigen Kindes ist also in jeder Sprache kleiner. Doch das kann mit der Zeit aufgeholt werden.

Was entscheidet, ob ein Kind eher die eine oder die andere Sprache bevorzugt?
Ein Kind kategorisiert die Sprachen – und insbesondere das Vokabular – aufgrund der Umgebung, in der es sie lernt. Es gibt den familienspezifischen Wortschatz zu Hause und den schulischen. Oft wählen die Kinder die Sprache, mit der sie am häufigsten in Kontakt sind – und das ist die Sprache, die in der Schule gesprochen wird. Im Verlauf der Zeit kann sich das ändern. Massgebend sind das SichWohlfühlen in einer Sprache und die Gesprächspartner. Je mehr Wörter das Kind in einer Sprache kennt, desto mehr verwendet es diese Sprache.

Sollten mehrsprachige Familien zu Hause Regeln aufstellen?
Nein, nicht speziell. Die Geschwister entwickeln sprachliche Praktiken aufgrund der Kommunikationsgewohnheiten, mit denen sie sich am wohlsten fühlen. Sie beginnen häufig einen Satz in der einen Sprache und beenden ihn in einer anderen. Man nennt das «Code-Switching». Das ist eine kontrollierte Ausdrucksform und hat überhaupt nichts mit Verwechslung zu tun.

Dr. Hélène Delage ist Koordinatorin des Masters in Logopädie an der Psychologischen und Erziehungswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Genf.

 

Familie Mouzo, Cormondrèche NE

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Welche Vorteile hat die Mehrsprachigkeit in Ihren Augen?
Unsere Mädchen können dereinst in allen drei Ländern reisen oder sogar wohnen. Und im Beruf sind die drei Sprachen eine absolute Trumpfkarte.

Gibt es auch Nachteile?
Nein, es gibt keine! Wir raten allen Eltern, ihren Kindern die eigene Muttersprache beizubringen – auch wenn es ziemlich schwierig ist, wenn diese erst einmal zur Schule gehen.

 

Familie Lacomini, Ètoy VD

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Welchen Vorteil hat es, wenn in der Familie beide Muttersprachen gesprochen werden?
Es ist sehr wichtig für ein Kind! Nur so kann es auch mit anderen Familienmitgliedern – zum Beispiel den Grosseltern – kommunizieren.

Was sind die Nachteile der Mehrsprachigkeit?
Es ist recht schwierig, eine Sprache wie Thai zu pflegen. Denn anders als das Italienische hört Luca es nirgendwo sonst. Aber es ist wichtig, also gebe ich mir viel Mühe damit.

 

Familie Gigon, Zürich

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Welchen Vorteil haben Ihre Kinder?
Sie verstehen nicht nur die französische Sprache, sondern auch die Kultur und die Lebensart: Die Sprache prägt schliesslich auch die Identität eines Menschen.

Wo liegt der Haken?
Es ist schwierig, eine Sprache zu pflegen, wenn das Umfeld vollständig von einer anderen Sprache dominiert ist. Manchmal ist man schon versucht, das Handtuch zu werfen.

Turm von Babel

Die Bibel berichtet von einem Volk, das die heilige Sprache spricht. Als es einen himmelhohen Turm bauen will, steigt Gott herab, um zu sehen, was für Pläne es hat. Er ist beunruhigt und glaubt, das Volk schrecke vor nichts mehr zurück. Gott verwirrt daher ihre Sprache und vertreibt sie über die ganze Erde. Die Arbeit am Turm endet gezwungenermassen, weil die Sprachverwirrung die Verständigung der am Turm bauenden Menschen unmöglich macht.

 

Welt: Vielfalt der Sprachen

6909 Sprachen existieren laut dem anerkannten Verzeichnis «Ethnologue» auf der ganzen Welt. Nebst «lebendigen» Sprachen wie Englisch oder Chinesisch finden sich dort rund
1700 Sprachen, die nur noch von weniger als tausend Menschen gesprochen werden. Laut den Forschern sind es in Europa über 230 Sprachen, in Asien gar 2197.

 

Sprachen weltweit: Mandarin Nummer eins


 

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Text:
Sophie Dürrenmatt
Foto:
Heiner H. Schmitt, Nicolas de neve, Christoph Kaminski, zVg
Veröffentlicht:
Montag 15.02.2016, 15:30 Uhr

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