Beat-Poet: «Die Radios boykottierten uns»

Vor seinem Konzert beim Schupfart Festival (vom 23. bis 25. September) erklärt «Volksrapper» Bligg (39), warum ihn diese Betitelung nervt, wie er mit Kritik umgeht und was ihm Tränen in die Augen treibt.

In den Powerplay-Studios im zürcherischen Maur haben schon Weltstars wie Prince oder Lady Gaga aufgenommen – auch Bligg fühlt sich hier wohl.

In den Powerplay-Studios im zürcherischen Maur haben schon Weltstars wie Prince oder Lady Gaga aufgenommen – auch Bligg fühlt sich hier wohl.
In den Powerplay-Studios im zürcherischen Maur haben schon Weltstars wie Prince oder Lady Gaga aufgenommen – auch Bligg fühlt sich hier wohl.

Bligg, Sie empfangen uns im Powerplay-Studio, Weltstars wie Prince haben hier schon aufgenommen. Inspiriert Sie diese Umgebung?
Es sind nicht die Namen, vielmehr die speziellen Sachen, die hier entstanden sind.

Zum Beispiel ...
… wurde das berühmte Intro von Europe’s «The Final Countdown» hier aufgenommen. Auch sind die Leiter des Studios langjährige Freunde von mir, die seit Jahren viel Herzblut und Arbeit investieren, um die Nostalgie des Studios zu erhalten. Das unterstütze ich gerne. Zudem habe ich das damalige Album «Service Publigg» hier eingespielt. Darum leiste ich mir den Luxus, hier manchmal zu proben.

Ein Luxus, der für einen der erfolgreichsten Schweizer Musiker kein Problem seinsollte.
Das könnte man meinen, ist aber nicht so. Als Mundart-Künstler sind meine Konzerte auf die Deutschschweiz begrenzt. Trotzdem muss ich von den Einnahmen meine Musiker, den Staff, Transport und Equipment bezahlen. Da muss ich genau kalkulieren.

Also trotz Nr.-1-Alben und vielen Platin-Auszeichnungen ein Räpplispalter.
Ja, und seit ich ein Kind habe, noch mehr! Das ist für mich nichts Neues. Am Anfang meiner Karriere war ein Schuhkarton mit 10er- und 20er-Nötli meine Abendkasse. Der grösste Teil davon für meine Musiker. Würde man es runterrechnen, habe ich in meiner 20-jährigen Karriere nicht mehr als einen Durchschnittslohn pro Monat verdient.

Das hätten Sie auch in Ihrem gelernten Beruf als Sanitärinstallateur geschafft.
Auf jeden Fall hätte ich in den ersten 10 Jahren nicht von Büchsenravioli leben müssen, wie als Musiker. Inzwischen geht es mir jedoch sicher nicht schlecht.

Zum Glück haben Sie mit dem Vaterwerden etwas gewartet.
Vom Finanziellen her – ja! Anderseits schätze ich es, dass ich sehr junge Eltern habe. Meine Mutter war 17, mein Vater 20, als sie mich bekamen. Sie kommen heute noch zu meinen Shows.

Gefällt ihnen Bligg?
Nicht alles. Mein Vater mag «Rosalie» gar nicht.

Weshalb?
Es ist ihm zu lüpfig. Er mag eher die rockigeren Sachen. Als ich ihm «Rosalie» einmal beim Zmittag vorspielte und sagte, das würde die Single werden, meinte er: «Vergiss es, das wird ein Flop!» – er hat sich getäuscht.

Über seine Kritiker, die ihm Kommerz vorwerfen, kann Marco Bliggensdorfer alias Bligg heute nur noch lachen. 

Über seine Kritiker, die ihm Kommerz vorwerfen, kann Marco Bliggensdorfer alias Bligg heute nur noch lachen. 
Über seine Kritiker, die ihm Kommerz vorwerfen, kann Marco Bliggensdorfer alias Bligg heute nur noch lachen. 

Warum haben Sie Volksmusik in den Hip-Hop eingebaut?
Das Experiment mit traditionellen Klängen wie beispielsweise dem Akkordeon fand ich spannend. Da dies nicht nur für die Schweizer Volksmusik typisch ist. Es gibt auch unter meinen albanischen Freunden viele, die «Rosalie» abfeiern, da es für sie so vertraut klingt.

Seither werden Sie als «Volksrapper» bezeichnet. Stört Sie das?
Es nervt, weil ich nur auf 1 von 12 Alben mit diesem Stilmittel gespielt und nie wirklich Volksmusik gemacht habe. Ich werde jedoch damit identifiziert, weil ich als Erster diese Kombination gewagt habe.

Sie sind als halber Secondo in Schwamendingen aufgewach-sen, haben eine Handwerker-lehre gemacht. Woher stammt Ihr Selbstvertrauen?
Ich musste es mir über die Musik erschaffen. Als Jugendlicher war ich nicht selbstbewusst. In der Bevölkerungsschicht, aus der ich stamme, war es schon eine Herausforderung, die Lehre zu schaffen, ohne dabei irgendwelche Dummheiten zu machen.

Wie waren Sie denn als Schüler?
Da waren die ersten Jahre bei Frau Blum – eine liebevolle Person. Wir waren ihre letzte Klasse. Diesen Unterricht besuchte ich gerne. In der Oberstufe war es dann Herr Erni. Er hat mir viel auf den Lebensweg mitgegeben.

Zum Beispiel?
Er hatte mir einmal gesagt: «Bliggensdorfer, hör zu, du gehst mir grausam auf den Sack. In der Schule gibst du dich immer so desinteressiert, aber du hast Talent im Zeichnen.» Er fragte mich, was ich aus meinem Leben machen wolle und ich entgegnete: «Wenn ich es aussuchen könnte, würde ich gerne Grafiker werden.»

Konnte er Ihnen bei diesem Berufswunsch helfen?
Er förderte mich, gab mir Zusatzaufgaben. Leider ist er im letzten Schuljahr verstorben. Für die letzten paar Monate kam ein Vikar. Und dieser gab mir im «Betragen» eine ungenügende Note.

Warum?
Ich hatte so meine Flausen im Kopf. Das war zu jener Zeit, als ich die Aufnahmeprüfung an der Kunstgewerbeschule machte. Leider habe ich diese dann aufgrund der Betragensnote nicht bestanden.

Und dann haben Sie mit der Musik begonnen.
Eher waren es die ersten zaghaften Rap-Versuche. Musik machte ich schon lange. Bei Familienfeiern bin ich schon als Siebenjähriger mit meiner Gitarre aufgetreten.

«

Am Anfang war ein Schuhkarton mit 10er- und 20er-Nötli meine Abendkasse.»

Sie lebten eine Zeit lang in den USA, um den Ursprung des Raps besser verstehen zu können. 
Das war 1998. Ich besuchte sieben Monate lang eine Sprachschule. Denn ich wollte auch die Texte der amerikanischen Rapper verstehen – es war für mich quasi eine Weiterbildung. Und ich kupferte mir auch ein wenig von ihrem uramerikanischen Selbstvertrauen ab.

Und dann sind Sie zurückgekommen und in der Schweiz voll durchgestartet?
Nein, zu dieser Zeit waren die üblichen Verdächtigen wie Züri-West, Patent Ochsner oder Gölä dick im Geschäft. Die jungen Rapper wie Stress, Gimma oder ich hatten einen schweren Stand, zumal wir ja nicht einmal in Englisch rappten. Es war fast schon ein Boykott. Die Radiostationen sagten uns, eure Musik spielen wir nicht, dieses Mundart-Rap-Zeug interessiert kein Schwein.

Trotzdem sind Sie Ihrem Mundart-Stil treu geblieben. Warum haben Sie es nie mit Englisch versucht?
Ich finde, dass ein Sprechgesangsartist die Stücke in seiner Muttersprache vortragen sollte, dann ist es auch authentisch. Zudem fasziniert mich die deutsche Sprache – die Sprache der Dichter. Das ist es ja auch, was ich mache – einfach noch mit einer Melodie und einem Beat unterlegt.

Kritiker sagen immer wieder, Ihre Musik sei zu kommerziell – zu wenig «underground». Was entgegnen Sie diesen?
Mittlerweile lache ich da drüber. Immer dieses Underground-Geschwätz. Es ist doch immer dasselbe. Jeder, der Musik macht, diese auf einen Tonträger aufnimmt oder ins Netz stellt, der will, dass es da draussen Menschen gibt, denen dies gefällt. Wenn das 50 Leute sind, ist es o.k., und wenn es 500 sind, wieso sollte das nicht o.k. sein und wenn es 50 000 sind? Da muss mir doch keiner sagen, das wäre nicht o.k.! Wo Erfolg ist, da ist auch Neid.

Ein Thema, das Sie nervt ...
Ja klar! Hinzu kommt, viele dieser sogenannten Kritiker sind zu 99 Prozent verkappte Musiker. Da musst du mal googeln. Plötzlich findest du ein Youtube-Video und denkst: waaaas, dieser Journi..., der hatte ja selber einmal eine Band und lädt jetzt seinen ganzen Frust über alles Erfolgreiche ab, weil er es selbst nicht geschafft hat.

In ein paar Wochen feiern Sie Ihren 40. Geburtstag. Auf was sind Sie in Ihrem bisherigen Leben am meisten stolz?
(überlegt lange)... ich glaube, dass ich heute mein eigener Chef bin und einer Arbeit nachgehen kann, die mich erfüllt und mit der ich auch anderen Menschen eine Freude bereiten kann.

Geben Ihnen Ihre Fans auch etwas zurück?
Logisch. Es gibt doch für einen Künstler nichts Schöneres, als wenn bei einem Konzert das Publikum einen Song mitsingt und viele dabei sogar Tränen in den Augen haben. Es gibt aber auch Sachen, die mich zu Tränen rühren. Vor rund drei Jahren fragte uns das Kinderhilfswerk Sternschnuppe an, ob wir für eine Wunscherfüllung zu haben wären.

Was für einen Wunsch?
Da war eine Familie mit ihrem 11-jährigen Sohn. Dieser war querschnittgelähmt, hatte nur noch ein paar Tage zu leben. Sein letzter Wunsch war es, mich einmal live zu treffen. Natürlich war ich dabei. Aber es war hart. Da trifft man einen solch jungen Menschen und weiss genau, er hat nur noch ein paar Tage zu leben ...

Auch für Sie nicht leicht.
Ich dachte, wer bin ich denn schon? Klar, viele Menschen mögen meine Musik, aber ich bin doch auch nur ein stinknormaler Mensch. Aber ich hatte dieses Privileg, den letzten Wunsch in seinem Leben zu erfüllen ... das ist krass!

Wie gehen Sie mit solchen Situationen um?
Das Bewegende daran war, als ich das Haus verliess, haben mich seine Eltern weinend in die Arme genommen, in dem Wissen, dass mit meinem Abgang auch der letzte Wunsch ihres geliebten Kindes entschwebt.

Verarbeiten Sie solche Erlebnisse in Ihren Texten?
Das kommt vor. Aber es ist mir stets wichtig, die Diskretion gegenüber Dritten zu wahren.

Bei Ihrem Song «Drachentöter» gibt es die Zeile «mein erster Sohn, meine zweite Chance» ... Welche zweite Chance ist das?
Da war ich von meinem 15 Monate alten Sohn inspiriert. Es ist doch die Ambition vieler Eltern, dass es die Kinder einmal besser machen als sie selbst.

Wie hat sich Ihr Leben als Papi verändert?
Ich bin wieder mehr unter Menschen. Es gab eine Zeit, da wollte ich nicht mehr jeden Tag auf der Strasse erkannt werden – habe mich eingeigelt. Vor Kurzem war ich mit meinem Sohn im Schwimmbad und da ist mir das erste Mal aufgefallen, dass ihm etwas auffällt ...

Nämlich?
Wie andere Menschen mir begegnen.

Wie denn?
Da kamen ein paar Erwachsene mit ihren Kids, haben mich erkannt und wollten ein Autogramm. Die Art, wie mein Sohn mich dann angeschaut hat, so quasi: hey, was wollen denn die alle von meinem Papi?, war dann schon speziell.

Stolz?
(schmunzelt)... eine gute Frage, die ich mir dabei selbst kurz gestellt habe.

Ihre Augen haben eben gerade so geleuchtet ...
Ja, o.k.,  ... ich glaube, ich war schon ein wenig stolz.

Vom Sanitär zum Rap-Star

Ob Baby Bligg hier wohl schon seine zukünftige Karriere als Mundart-Rap-Star anvisierte?

Ob Baby Bligg hier wohl schon seine zukünftige Karriere als Mundart-Rap-Star anvisierte?
Ob Baby Bligg hier wohl schon seine zukünftige Karriere als Mundart-Rap-Star anvisierte?

Während seiner Lehre als Sanitärinstallateur beteiligt sich der damals 16-jährige Marco Bliggensdorfer an sogenannten Freestyle-Sessions, die er in Mundart vorträgt.

1995 erscheint mit dem auf 300 Stück limitierten Mini-Album «Zürislang Freistiil» die erste Veröffentlichung, auf der Bligg als Rapper zu hören ist.

2001 erreicht sein erstes Solo-Album «Normal» Platz 20 in den CH-Charts.

Für die Fernsehsendung «Die grössten Schweizer Hits» nimmt Bligg das Lied «Volksmuusig» im Oktober 2007 mit der Volksmusikgruppe Streimusik Alder aus Urnäsch neu auf. Diese Version wird ein Erfolg und ist über 20 Wochen in den Schweizer Single-Charts vertreten.

Mit dem Album «0816» erreicht Bligg erstmals Platz 1 in den Album-Charts.

Das Ende 2010 veröffentlichte Album «Bart aber herzlich» wird mit Vierfach- Platin ausgezeichnet.

Das Album «Service Publigg» erscheint im Oktober 2013. Es ist sein drittes Nummer-eins-Album in Folge.

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