Christine Reich spielt im Wohnzimmer mit Noé (rechts) und Aaron. Jeden Donnerstag passt die Grossmutter auf ihre Enkel auf.

Behütet: Ohne Grosseltern geht es kaum

Enkelkinder sind für viele Menschen das schönste Geschenk im Alter. Grosseltern helfen meist gerne bei der Betreuung ihrer Enkel mit. Die erfüllende Aufgabe kann aber auch zur Belastung werden.

Christine Reich aus Olten SO ist eine energiegeladene Grossmutter. Ihre 70 Jahre sieht man ihr nicht an. Jeden Donnerstag hütet sie ihre Enkel Noé (4) und Aaron (2). Am Freitag fährt sie nach Küsnacht ZH und betreut dort deren Cousins. Ein voll ausgelasteter Terminkalender, den sie aber nicht als mühselig empfindet. «Ich verbringe gerne Zeit mit meinen Enkeln. Das bringt mir enorm viel.» Zum Glück sei sie gesund, erklärt die pensionierte Lehrerin. Sie gebe zwar eine Menge, bekomme aber auch viel zurück. «Es ist eine tiefe Liebe. Die Familie lebt durch die Enkelkinder weiter.»

Milliardenschwere Liebe

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Tatsächlich verlängert die höhere Lebenserwartung in der Schweiz die Dauer der Beziehungen zwischen den Generationen. Im Durchschnitt sind Männer und Frauen in der Schweiz Mitte fünfzig, wenn das erste Enkelkind kommt. Einige erleben sogar den 30. Geburtstag des Grosskinds. 59 Prozent der Grosseltern sehen ihre Enkel mindestens einmal pro Woche. Nur ein Prozent hat keinen Kontakt zu den Enkelkindern.

«

Ich mache gerne Ausflüge mit den Kindern.»

Christine Reich (70), vierfache Grossmutter

Die kürzlich erschienene Studie «Social Change in Switzerland» zeigt, dass sich der Anteil der berufstätigen Mütter seit den 1980er-Jahren fast verdreifacht hat. Im Wallis ist deren Anteil von 18 Prozent im Jahr 1980 auf 69 Prozent in den Jahren 2010–2014 gestiegen. Viele Grosseltern werden daher gelegentlich für die Betreuung der Enkelkinder aufgeboten, wenn beide Elternteile arbeiten. Gemäss dem Generationenbericht Schweiz beträgt der Wert der Enkelbetreuung für die Wirtschaft zwei Milliarden Franken pro Jahr.

«Es braucht Toleranz»

Der emotionale Wert des Austauschs zwischen den Grosseltern und Enkeln kann dagegen nicht beziffert werden. «Die Kinder erzählen wunderbare Geschichten. Gestern sind wir beispielsweise nach Indien gereist», sagt Christine Reich augenzwinkernd. Die Musikliebhaberin spielt Geige in einem Orchester. Sie liebt es, zu kochen, zu basteln, Geschichten vorzulesen und sich draussen zu bewegen. «Ich mache gerne Ausflüge mit den Kindern, selbst bei schlechtem Wetter. Sie müssen sich austoben können.» Da der Grossvater (67) noch berufstätig ist, muss die Grossmutter die Kleinen alleine hüten. «Aber mein Mann Armin spielt gerne mit ihnen, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt.»

Christine Reich betont, dass es «sehr viel Toleranz» auf beiden Seiten braucht, damit die Beziehung zwischen den Grosseltern und den Eltern der Kinder gut funktioniert. «Gewisse Regeln unterscheiden sich voneinander, aber wenn man es den Kleinen erklärt, verstehen sie das sehr gut.»

Innige Beziehung

Viele Grosseltern hüten ihre Enkel regelmässig und an festgelegten Tagen, aber nicht alle wollen das:  «Wir helfen gerne aus, aber wir betreuen unsere Grosskinder nicht nach einem fixen Plan», sagt Francine Zaugg (64). Gemeinsam mit ihrem Mann Nesti (65) lebt sie in einem Berggasthaus oberhalb von Enges NE. Das Ehepaar Zaugg hat vier Enkelkinder: Lily (10), Elisha (7 ) und deren Bruder Julian (2) sowie Cassius (5). «Wir unternehmen viel mit ihnen», erklärt der Grossvater, der vor einem Jahr die Leitung eines Hotels übernommen hat – und damit im Rentenalter eine zweite Karriere gestartet hat.

Wer rastet, der rostet: Und so ist Nesti Zaugg ein aktiver Grossvater. Der ehemalige Nationalliga-A-Spieler beim FC La Chaux-de-Fonds spielt gerne Fussball mit seinen zwei Enkeln: «Julian ist noch nicht einmal drei, aber er spielt schon sehr gut. Wir lieben die Kinder und haben das grosse Glück, gesund zu sein. So können wir noch viel mit ihnen unternehmen.» Auch Enkelin Lily ge-
niesst diese Momente: «Manchmal verbringe ich eine Woche Ferien hier oder komme an einem freien Nachmittag vorbei. Ich unternehme auch gerne etwas mit meinen Grosseltern.»

Wenn aus Liebe Aufopferung wird

Isabelle und Kurt Mäder kümmern sich gerne um ihre Enkel: Steljane und Kilian verbringen zwei Tage in der Woche im Zuhause der Grosseltern in Cologny.

Isabelle und Kurt Mäder kümmern sich gerne um ihre Enkel: Steljane und Kilian verbringen zwei Tage in der Woche im Zuhause der Grosseltern in Cologny.
http://www.coopzeitung.ch/Behuetet_+Ohne+Grosseltern+geht+es+kaum Isabelle und Kurt Mäder kümmern sich gerne um ihre Enkel: Steljane und Kilian verbringen zwei Tage in der Woche im Zuhause der Grosseltern in Cologny.

24 Prozent der Grosseltern in der Schweiz hüten ihre Enkelkinder regelmässig, 20 Prozent davon mindestens einmal pro Woche (30 Prozent der Grossmütter und 15 Prozent der Grossväter). Die Grosseltern widmen dieser unbezahlten, aber für die Familien sowohl in organisatorischer als auch in finanzieller Hinsicht sehr wertvollen Tätigkeit durchschnittlich 312 Stunden pro Jahr. Dabei geben sie ihren Enkelkindern Erfahrung, Wissen und Werte weiter. Während diverse Studien zeigen, dass die gelegentliche Betreuung der Enkelkinder der physischen und geistigen Gesundheit der Grosseltern förderlich ist, kann eine Überlastung aber auch zu Müdigkeit und Stress führen (lesen Sie dazu das Interview auf Seite 17). Gewisse familiäre Situationen führen nämlich dazu, dass die Senioren extrem gefordert werden. Dies ist auch der Fall bei Marie-Madeleine Knuchel (60) aus Genf, die voll berufstätig ist. Die Grossmutter hütet ihren sechsjährigen Enkel und ihre einjährige Enkelin regelmässig über Nacht, weil ihre beiden Töchter oft in der Nacht arbeiten. Während bis zu sechs Nächten hat sie ein oder zwei Kinder im Haus. Das sei eine Belastung: «Es ist schwierig und ich bin sehr müde. Ich möchte Grossmutter sein und nicht Mutter. Das habe ich meinen Töchtern gesagt.»

Andererseits habe sie eine sehr schöne Beziehung zu ihren Enkelkindern. «Wir stehen uns sehr nahe. Es ist intensiv und abwechslungsreich.» Eine ambivalente Situation für die Seniorin: «Ich gewöhne mich daran und versuche, das Beste daraus zu machen.»

«Enkelkinder gehören zum Leben»

Francine und Nesti Zaugg aus Enges unternehmen viel mit ihren vier Grosskindern. Eine fixe Betreuungsvereinbarung gibt es jedoch nicht.

Francine und Nesti Zaugg aus Enges unternehmen viel mit ihren vier Grosskindern. Eine fixe Betreuungsvereinbarung gibt es jedoch nicht.
http://www.coopzeitung.ch/Behuetet_+Ohne+Grosseltern+geht+es+kaum Francine und Nesti Zaugg aus Enges unternehmen viel mit ihren vier Grosskindern. Eine fixe Betreuungsvereinbarung gibt es jedoch nicht.

In Cologny GE kümmern sich Isabelle (64) und Kurt Mäder (66) jeweils am Donnerstag und am Freitag um ihre Enkelkinder Steljane (8) und Kilian (4), wenn deren Eltern arbeiten. Die anderen Grosseltern betreuen die Kinder jeweils am Montag und am Dienstag. «Enkelkinder gehören zum Leben. Es ist schön, sie aufwachsen zu sehen», so die Grossmutter. «Mit dem neuen Stundenplan von Steljane ist es schwieriger geworden. Vorher waren wir freier.» Isabelle Mäder findet das Grossmuttersein manchmal auch ermüdend. «Man muss fast zu zweit sein, allein ist es sehr anstrengend. Aber es hält ja jung!» Auch sie betont, dass das Gespräch mit den Eltern wichtig sei: «Man muss mit ihnen diskutieren, obwohl es nicht immer einfach ist. Wir verwöhnen die Kleinen gerne, auch mit Geschenken. Die Eltern finden es manchmal zu viel.»

Mit den Grosseltern zu den Stones

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Derweil ist Enkel Kilian auch mit wenig zufrieden. Er spielt gerne im Garten. «Heute haben wir mit Opa Kastanien gesucht!», erzählt er stolz und zeigt uns seine Ausbeute. Seine Schwester Steljane ist ebenfalls gerne bei den Grosseltern. «Man kann hier viel machen. Es hat eine Rutschbahn und ein Schwimmbad.» Die Kinder profitieren auch in kultureller Hinsicht vom Austausch zwischen den Generationen: Steljane war mit den Grosseltern väterlicherseits am Rolling-Stones-Konzert in Zürich. «Das war genial!»

Die Mäders kümmern sich auch während der Schulferien um ihre Enkelkinder, da die Eltern nicht so viel Ferien haben wie die Kinder. «Wenn wir selber verreisen, übernehmen die anderen Grosseltern», erklärt Isabelle Mäder. Die Kinderbetreuung durch die Grosseltern ist wichtig, wird aber von der Gesellschaft nicht genügend wertgeschätzt», betont der Grossvater, der seine Enkelin regelmässig zwischen ihrem Zuhause und ihrer Schule in Genf hin- und herchauffiert. Seine Frau ergänzt: «Ich habe einen Neffen, der 2300 Franken pro Monat für die Krippe bezahlt …»

Die Betreuungsarbeit der Grosseltern erspart den Familien also eine Menge Kosten. Und die Liebe und Aufmerksamkeit der Grosseltern ist ohnehin unbezahlbar.

«Grosseltern sind stark involviert»

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Daniela Jopp, ausserordentliche Professorin am Institut für Psychologie der Universität Lausanne, ist spezialisiert auf gesundheits- und altersbezogene Psychologie.

Welchen Einfluss hat die Betreuung der Enkelkinder auf die Gesundheit der Grosseltern?
Die Betreuung der Enkel hat einen erfreulichen Einfluss auf die mentale Gesundheit der Grosseltern. Dies hat eine Erhebung des Bundes zu Familien und Generationen ergeben. Wer regelmässig seine Grosskinder betreut, äussert mehr positive und weniger negative Emotionen. Eine amerikanische Studie zeigt zudem eine günstige Wirkung auf Grossmütter, die ihre Enkel hüten, denn sie bewegen sich mehr als andere. Laut einer anderen Studie kommen bei jenen Grosseltern, die sich ganztägig um ihre Enkel kümmern, hingegen häufiger Depressionen vor als beim Rest der Bevölkerung.

Welche Rolle spielen die Grosseltern gegenüber den Eltern?
Gewisse Studien zeigen, dass die Grosseltern mitunter als eine Art Hüter des familiären Gleichgewichts fungieren, insbesondere wenn die Eltern vor Schwierigkeiten stehen. Diese Situation kann Konflikte verursachen.

Glauben Sie, dass fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen ein Problem sind?
Ich habe den Eindruck, dass Grosseltern in der Schweiz generell sehr stark in die Betreuung der Enkel involviert sind. Häufig sind gar keine anderen Betreuungsarten vorhanden. Wir wissen, dass die Möglichkeit, professionelle Betreuung zu nutzen, in vielen Situationen hilfreich ist. Es braucht also Einrichtungen, die es den Grosseltern erlauben, entsprechend ihrer Gesundheit und ihren Fähigkeiten schöne Momente mit ihren Enkeln zu verbringen. Sie sollten sich nicht zu einer bestimmten Rolle verpflichtet fühlen.

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Text:
Basile Weber
Foto:
Heiner H. Schmitt, Xavier Voirol
Veröffentlicht:
Montag 30.10.2017, 14:54 Uhr

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