Bettina Oberli in der Werkstatt des Opernhauses Zürich. Die Regisseurin ist fasziniert von handwerklicher Arbeit und legt gleich selbst Hand an. 

Bettina Oberli: «Ich habe wieder alles gegeben»

Regisseurin Bettina Oberli über ihren neuen Film «Lovely Louise», ihren alten Hit «Die Herbstzeitlosen» und ihre Faszination am Handwerk.

Coopzeitung: Ihr Film «Die Herbstzeitlosen» ist nach «Die Schweizermacher» und «Achtung, fertig, Charlie» der dritterfolgreichste Schweizer Kinofilm aller Zeiten. Unter welchem Druck stehen Sie mit Ihrem neuesten Werk «Lovely Louise»?
Bettina Oberli: «Die Herbstzeitlosen» waren für mich und alle anderen Beteiligten ein absoluter Glücksfall. Ich würde mich deshalb weder beklagen, dass ich in jedem Interview auf ihn angesprochen werde, noch versuchen, diesen Erfolg zu wiederholen. Ich habe wie immer einfach alles gegeben. Bei der ersten Vorpremiere hatte ich das Gefühl, dass die Skurrilität von «Lovely Louise» beim Publikum gut angekommen ist.

«Lovely Louise» ist eine eher triste Beziehungsstudie. Fürchten Sie nicht, damit viele «Herbstzeitlosen»-Fans zu enttäuschen? 
«Lovely Louise» ist ebenso wenig eine triste Beziehungsstudie wie «Die Herbstzeitlosen» nur lustig war. Nach meinem letzten Film, dem dunklen Krimi «Tannöd», hatte ich Lust, wieder mit einer alten Schauspielerin zu drehen. Doch diesmal wollte ich die Geschichte aus der Perspektive des Sohns erzählen und damit das Gegenteil der «Herbstzeitlosen» entwerfen. Klar, dabei setze ich den Tunnelblick auf und vertraue darauf, dass das Publikum nicht immer den gleichen Film sehen will.

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Ich benutze in meinen Filmen oft das Mittel der Stilisierung.»»

Einige Szenen wirken aber etwas unrealistisch, etwa dort, wo das Auto über die Klippe zu stürzen droht. Fehlte es hier am Geld?
Nein, diese Szene sollte sicher nicht wie in einem «James Bond»-Streifen aussehen! «Lovely Louise» pendelt zwischen Tragik und Komik. Wir als Zuschauer sind dabei klüger als die Protagonisten. Wir wüssten, was für sie richtig und wichtig wäre, und beobachten sie aus ironischer Distanz. 

Wie stark fällt die Ausstattung bei Ihren Filmen als Budgetposten ins Gewicht?
Da müssten Sie den Produzenten fragen. Er holt aufgrund der verschiedenen Drehbuchfassungen Offerten ein, rechnet die Kosten hoch und sagt mir als Autorin und Regisseurin, falls Szenen aus Spargründen über die Klinge springen müssen.

Was haben Sie eigens für die Dreharbeiten zu Ihrem neuen Film herstellen lassen?
Wir haben die Wohnung des von Stefan Kurt gespielten André und seiner alten Mutter, von der er sich nicht abnabeln kann, in einem Abbruchhaus komplett neu eingerichtet, damit alles – von den Teppichen bis zur Farbe der Wände – unseren Vorstellungen entsprach. 

Als wir Sie vor dem Interview fragten, was Sie schon lange einmal machen wollten, wünschten Sie sich, einen Blick in die Werkstätten des Zürcher Opernhauses werfen zu dürfen. Warum?
Es hat mich gereizt, zu schauen, wo die Kulissen, die einmal der Fantasie eines Regisseurs oder Bühnenbildners entsprungen sind, Gestalt annehmen. Es ist faszinierend, wie viel handwerkliche Arbeit nötig ist, damit die grosse Illusion auf der Bühne funktioniert.

Was ist Ihnen bei dem Besuch speziell aufgefallen?
Die angenehme Arbeitsatmosphäre und die hohen, mit Requisiten und Teilen von Bühnenbildern vollgestellten Räume.

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Ich habe nicht das letzte Wort, sondern die grösste Verantwortung»

Leiden Sie manchmal darunter, dass fürs Filmemachen ein grosser Apparat nötig ist und die schnelle Umsetzung Ihrer Ideen deshalb kaum je möglich ist?
Es ist wirklich nicht einfach. Als Regisseurin bin ich von Spezialisten umgeben, die auf ihrem Gebiet besser sind als ich. Um sie von meinem Konzept überzeugen zu können, muss ich bei jedem Mitarbeiter die richtige Sprache finden, also eine Meisterin im Kommunizieren sein. 

Wie schwierig ist es für Ihren Kameramann Stéphane Kuthy, mit dem Sie ja auch verheiratet sind, dass seine Frau bei der Arbeit immer das letzte Wort hat?
Ich habe nicht einfach das letzte Wort, sondern die grösste Verantwortung. Das ist etwas, mit dem jeder Kameramann leben muss. Er bietet verschiedene Dinge an, aber die Regisseurin und der Cutter entscheiden, was im Film Verwendung findet. Natürlich verläuft unsere Zusammenarbeit nicht immer reibungslos. Trotzdem überwiegen in unseren Augen eindeutig die Vorteile. Seit ich Stéphane für meinen Abschlussfilm «Supernova» gewinnen konnte und wir ein Paar geworden sind,war er immer von Anfang an in meine Projekte involviert, weshalb Inhalt und Visualisierung besonders eng verflochten sind.

Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie die handwerkliche Arbeit fasziniert. Basteln Sie mit Ihren Kindern?
Nein, unsere Söhne machen viel Sport, wir gehen mit ihnen raus in die Natur – und reden sehr viel! Wir haben jedoch einen Stadtgarten, in dem ich mich sehr gerne betätige. Obwohl ich nicht wirklich Talent dafür besitze, ist das ein wichtiger Ausgleich für mich.

Bettina Oberli

Beruf: Regisseurin/Drehbuchautorin 
Geburtsdatum: 6. November 1972 in Interlaken BE
Zivilstand: verheiratet mit Kameramann Stéphane Kuthy, zwei Söhne (6 und 10)
Wohnort: Zürich 
Laufbahn: 2000 Abschluss der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich mit dem preisgekrönten Kurzfilm «Supernova», 2004 erster Langfilm «Im Nordwind», 2006 «Die Herbstzeitlosen» mit Stephanie Glaser (über 500 000 Kinoeintritte und 1,4 Millionen Fernsehzuschauer), 2009 «Tannöd», 2013 «Anna Karenina» (Theater Basel).
Aktuell: Am 5. September kommt ihr neuer Film «Lovely Louise» in die Schweizer Kinos.
Link: www.lovelylouise.ch 

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
"Zärtlich ist die Nacht" und "Elefanten im All"

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Ich habe keinen

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Grundsätzlich Menschen, die scharf, klar und klug denken und sprechen

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
Frances Ha, ein bezaubernder und vielschichtiger Film

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Breaking the waves von Lars von Trier - ich schleppe die DVD schon den ganzen Sommer mit mir herum, aber meistens war das Wetter einfach zu schön zum Film schauen

Ihr Lieblings-Filmheld?
Ich habe keinen

Was für Musik hören Sie gerade?
Im Moment oft Thurston Moore und Syd Matters

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
"novembersongs", eine Compilation, die mir ein Freund aufgenommen hat

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Mit allen Musikern von radiohead

Was kochen Sie selbst?
Alles mögliche

Ihre Lieblingsspeise?
Die italienische Küche rauf und runter

Ihr Lieblingsgetränk?
Je nach Tageszeit

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit Familie und Freunden, je mehr desto besser

Und wo essen Sie am liebsten?
Im Garten

Mac oder PC?
Mac

Auto oder Zug?
Zug

Wein oder Bier?
Wein

Pasta oder Fondue?
Pasta

Joggen oder Walken?
Joggen

Berge oder Meer?
Meer

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Als in "Downton Abbey" mein Lieblingscharakter gestorben ist

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit einer bestimmten Art von Humor, zum Beispiel Österreichischem

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Obamas Familienhund

Wovon träumen Sie?
Von allem, was mich offenbar auch nachts beschäftigt.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Es gibt kein grösstes, aber viele kleine. Heute gerade die warme Temperatur des Zürichsees.

Diese 25 Fragen haben wir auch anderen prominenten Persönlichkeiten gestellt. Lesen Sie, was diese geantwortet haben!

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 02.09.2013, 14:00 Uhr

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