Böcke schiessen

Sie schwingt sich in Höhen und er versinkt im Boden.

Sybil Schreiber: Grosse Familienfeste sind etwas Wunderbares. Wenn all die Menschen, die ich liebe, an einem Tisch sitzen, schlemmen, lachen, plaudern, dann fühlt sich das so rund an, so richtig. So daheim. Ich blicke mich um: Meine Schwiegereltern, die immer fleissig waren und jetzt im Alter das Leben grenzenlos geniessen können. Meine schwedische Stiefmutter, die uns alle mit ihren Kochkünsten und ihrem Zwinkern beglückt und die meinem Vater so viel Liebe geschenkt hat. Mein kleiner grosser Bruder mit seiner süssen Familie. Und dann noch mein Schneider und unsere beiden Töchter, von denen die eine heute gefeiert wird. Ich bade im Glück, möchte alle umarmen, mich bedanken, sie mit meiner Liebe füllen, meine Gefühle in Worte fassen.

«

Um es kurz zu machen: Isch liebe Eusch alle!»

Ich nehme einen Schluck Blauburgunder. Dann stehe ich auf und klimpere mit dem Messer an ein leeres Glas. Die Runde verstummt. Alle blicken zu mir. Ich öffne den Mund und höre mich sagen: «Ich muss jetzt einfach mal eine Rede halten. Um es kurz zu machen: Isch liebe Eusch alle!»Die Runde grinst, ich fahre fort: «Dieser Spruch ist aber nicht von mir, wie ihr alle wisst, sondern von meinem Tennis spielenden Landsmann: von Beris Bocker.»

Steven Schneider: Was plappert Schreiber denn da? Und warum? Das ist keine Hochzeit, sondern ein Familienessen im kleinen Kreis, wer erwartet da eine Rede? Und dann sagt sie auch noch voller Überzeugung Beris Bocker statt Boris Becker. Wer sie nicht kennt, meint, das sei Absicht. Ich kenne sie aber. Sie hat gemeint, was sie gesagt hat. Einfach mal spontan eine Rede aus dem Ärmel schütteln, dann nervös werden und Namen durcheinander- bringen. Die andern schüttelt es vor Lachen. Schreiber kichert am lautesten und hebt das Glas: «Prösterchen!».

«

Was plappert sie denn da? Die andern schüttelt es vor Lachen.»

Dann ruft sie: «Lang lebe Beris, der Bocker!» Meine Verwandten kreischen und prosten ihr zu. Mit hochrotem Kopf sinkt sie schliesslich zurück in den Sessel. Wenn es um «Fettnäpfchenwetthüpfen» geht – ein Songtitel von Annett Louisan – dann hat Schreiber das Zeug zur Weltmeisterin. Was sie als Deutsche eh schon ist. Vor Kurzem fragte sie unsere kleine Tochter, ob sie Jogi Löw schauen wolle. In Wirklichkeit meinte sie: Yogi Bär. «Bär und Löw sind doch beides Raubtiere», erklärte sie auf meinen Hinweis zu ihrem Durcheinander. Dass sie nun mit Beris Bocker den Bock abschiesst, ist nur folgerichtig bei ihrer wilden Namensjagd.

 (Coopzeitung Nr. 35/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Dienstag 26.08.2014, 19:40 Uhr

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