Böse neue Welt

Sie: Ich hätte nicht Radio hören sollen. Nicht in der Früh, wenn der Morgen anbricht und der Tag noch voller Unschuld ist. Irgendwas von Hinrichtungen sagte der Nachrichtensprecher, von einem, der sich inmitten anderer in die Luft gesprengt hat, von einer Unterkunft, die gebrannt hat, in der Flüchtlinge untergebracht waren. Vielleicht hat er nicht alles miteinander gesagt, vielleicht mischt sich das in meinem Kopf nur gerade an diesem Morgen.

«

Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten.»

Das Böse ist so dominant, all diese durchgeknallten Typen, diese Gewalt, dieser Hass. «Was machst du denn für ein Gesicht?», höre ich Schneider, der in die Küche tritt. Er ist gerade vom Hundespaziergang zurück, seine Wangen sind rosig, er strahlt. Mir ist so gar nicht danach zumute. Mir scheint, die Welt bröselt. Nicht nur im Grossen, auch im Kleinen habe ich in den letzten Monaten traurige Sachen erlebt. Abschiede von lieben Menschen, Sorgen um meine Mutter, die so weit weg lebt und nicht jünger wird. Alles scheint aus den Fugen zu geraten – die Welt da draussen macht mir Angst. «Ah, draussen ist es traumhaft!

Wie schön ist doch das Leben», sagt Schneider strahlend und in diesem Moment rinnen mir die Tränen nur noch so übers Gesicht.

Er: Oh, Mann, was ist jetzt los? Schreiber steht vor mir, niedergeschlagen und traurig. «Hey, Süsse, was hast du denn?», frage ich. Schreiber schluchzt, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, ihre Mundwinkel zucken. In solch einem Moment, es ist nicht das erste Mal, spüre ich zwei Impulse. Der erste: Ich frage mich, ob ich etwas Falsches gesagt oder getan habe. Der zweite Impuls: Ich nehme sie in den Arm.

«

Die Welt ist ein gefährlicher Ort.»

Das tu ich und Schreiber erzählt: von Fanatikern, von Kriegen, von ihrer Angst. Ich höre eine Weile zu, dann sage ich: «Klar, die Welt ist ein gefährlicher Ort. War sie schon immer.» «Ja, und das ist so furchtbar!»

Ups, denke ich, wieder mal Weltangst. Kommt nicht oft vor bei Schreiber, aber momentan machen die Nachrichten ja wirklich keinen Mut. «Wir sollten nicht daran denken, wie gefährlich die Welt ist, sondern uns daran freuen, wenn wir es gerade gut haben.» «Aber wie kannst du dich freuen, wenn du weisst, dass Hunderttausende auf der Flucht sind, Kriege geführt werden, Menschen sich in die Luft sprengen? Dieser ganze Scheiss! All die Spinner!» Sehr schwierige Frage, auf die es keine gute Antwort gibt. Deshalb drücke ich Schreiber fester und noch viel länger an mich.

 (Coopzeitung Nr. 09/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

Kommentare (1)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 29.02.2016, 14:30 Uhr

Die neuesten Kommentare zu Schreiber vs. Schneider:

Mägert Andrea antwortet vor 2 Monaten
Die Kündigung
Hiermit Kündige ich meine Coop ... 
Miguel de Antony y Maura antwortet vor 2 Monaten
Der längste Tag
Wie schon oft irrt sich Frau S ... 
Die Kroatin antwortet vor 2 Monaten
Schweizer Hymnen
Numme e so näbebii... die kroa ... 

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Finde uns auf Facebook:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?