Im grossen Samichlaus-Buch stehen alle grossen und kleinen Geheimnisse der Kinder.

Chlausschule: Auch St. Nikolaus hat nie ausgelernt

Der Samichlaus ist zwar schon ein alter Mann, aber auch er muss ständig dazulernen. Wir haben mit ihm die Samichlaus-Schulen in Bern und in Zürich besucht. 

Seit Jahren ist der Samichlaus schon unterwegs, da sollte er seine Sache eigentlich aus dem Effeff können – möchte man meinen. Doch der Samichlaus ist ein gewissenhafter Mann und bereitet Jahr für Jahr nicht nur neue Ruten und Säckli vor, sondern auch sich selbst. Schliesslich verändert sich die Gesellschaft: Kinder werden anders erzogen, es gibt neue Familienstrukturen und dann ist da auch die Frage, wie modern der Samichlaus eigentlich sein darf. Darf er etwa ein Handy oder ein Auto besitzen? Muss er während des ganzen Jahrs im Wald bleiben oder darf er auch in die Ferien? Geht der Samichlaus einkaufen? Bei all diesen Fragen kann es nicht schaden, vor der Chlauszeit seine Ziele nochmals zu hinterfragen und sich mit den anderen Samichläusen abzusprechen. Genau aus diesem Grund gibt es Sami-chlausschulungen. Diese werden meist von den jeweiligen Samichlauszünften oder -gesellschaften organisiert. Wie etwa von der Samichlouszunft Bern. Zu dieser Zunft gehören 15 Chlauspaare, bestehend aus Samichlous (wie man in Bern schreibt) und Schmutzli. Jedes Jahr treffen sie sich Mitte November, um ihre Einsätze zu besprechen, Erfahrungen auszutauschen und wichtige Fragen zu klären.

Ob Mitra oder weiche Mütze, das Kostüm muss gut sitzen.  

«

Die Kinder werden von Jahr zu Jahr offener.»

Samichlaus, himmlischer Kontrolleur

Und gut aussehen muss er auch

Wer sich jetzt wundert, warum er in Bern noch nie einen Samichlaus mit Schülerthek auf der Strasse gesehen hat, dem sei erklärt, dass die Samichläuse diese Schulungen in Strassenzivil besuchen. Schliesslich würde das ganz schön für Verwirrung stiften, wenn eine Gruppe Samichläuse schon im November durch die Strassen ziehen würde. Treffpunkt der Zunft von Bern ist der Sternen in Törishaus BE. Neben den Chläusen und den Schmutzlis gibt es an diesem Abend auch einige Frauen. Ja, gibt es denn in Bern etwa Samichläusinnen? «Nein, nein», heisst es einstimmig. Die Frauen sind die Helfer der Chläuse und sorgen dafür, dass ihre Bärte schön rauschig, die Haare schön lockig und die Mützen schön zipfelig sind. Ihnen geht kein Chlous und kein Schmutzli unordentlich oder mit Turnschuhen aus dem Haus. Das Aussehen ist nämlich ein wichtiger Punkt des Mythos Samichlaus. Diesen zu bewahren, hat sich die Zunft auf die Fahne geschrieben. Schliesslich freuen sich die Kinder jedes Jahr auf den gütigen Mann. Obwohl er ihnen zum Teil auch ein bisschen Angst einjagt. Doch die Kinder würden eigentlich von Jahr zu Jahr offener werden, verrät einer der Chläuse. Kein Wunder, schliesslich ist heute der Samichlaus eher ein gütiger denn ein gestrenger Prüfer, wie er es noch zu Anfang seiner Einkehr-Zeit war. Diese Anfänge finden sich im katholischen Süddeutschland des 17. Jahrhunderts, von wo aus sich der Brauch verbreitete. Statt wie zuvor den Kindern heimlich Geschenke einzulegen, wurde der Besuch des heiligen Nikolaus dramatisch inszeniert. Wurde den Kindern früher noch Rute oder Verschleppung im Sack angedroht, lobt der Samichlaus heutzutage oder gibt Besserungstipps, ohne jedoch ein Kind blosszustellen.

In katholischen Gebieten trägt der Samichlaus noch die Bischofsattribute Mitra und Bischofsstab.

In katholischen Gebieten trägt der Samichlaus noch die Bischofsattribute Mitra und Bischofsstab.
http://www.coopzeitung.ch/Chlausschule_+Auch+St_Nikolaus+hat+nie+ausgelernt In katholischen Gebieten trägt der Samichlaus noch die Bischofsattribute Mitra und Bischofsstab.

Gibts ihn oder nicht?

Ob böse oder gütig, immer schon haftete ihm etwas Magisches an und gerade Kinder ab drei Jahren, die in der sogenannten magischen Phase sind, lassen sich davon ganz schön beeindrucken, wie der Berner Kinder-Samichlous weiss: «Sie erklären sich alles, was sie nicht verstehen, mithilfe ihrer Fantasie. Realität und Fantasie werden vermischt.» Ausserdem würden sie Geschichten lieben, meint der Samichlaus, und davon hat er zum Glück mehr als genug. Wenn sie der magischen Phase mit fünf, sechs Jahren entwüchsen, kämen erste Zweifel und schliesslich würden sie die Maske durchschauen. Doch weil der Samichlausbesuch meist mit einer schönen Zeit in Verbindung gebracht wird, seien sie den Eltern für diese Flunkerei nicht böse. Eigentlich war der Samichlaus noch nie eine wirkliche Person aus Fleisch und Blut.

Auch für den Samichlaus ist jeder Besuch etwas Besonderes. 

Auch für den Samichlaus ist jeder Besuch etwas Besonderes. 
http://www.coopzeitung.ch/Chlausschule_+Auch+St_Nikolaus+hat+nie+ausgelernt Auch für den Samichlaus ist jeder Besuch etwas Besonderes. 

Werner Mezger, Professor für Volkskunde und europäische Ethnologie, schreibt in seinem Buch «Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk», dass Sankt Nikolaus «ein rein geistliches Konstrukt war – nichts anderes als das fiktive Resultat eines langen ideengeschichtlichen Prozesses.» Denn über den historischen Bischof Nikolaus von Myra, der immer wieder als Quell der Legenden identifiziert wird, gibt es fast keine historischen Fakten. Trotzdem entstanden um seine Person ein Kult, Legenden und Brauchtümer. Dadurch hat er das Leben vieler Personen beeinflusst und das sei das, was ihn real mache. Weiter schreibt Mezger: «Für die Mehrheit der Bevölkerung stellt Nikolaus [...] einfach so etwas wie ein Stück Märchenland, ein bisschen verlorenes Paradies, Kinderglück und Geborgenheit [dar]. » Und deshalb besuchen ihn auch die Erwachsenen noch gerne: «Im Wald passiert es mir öfter, dass eine Gruppe von acht Erwachsenen mit zwei oder drei Kindern kommt», lacht der Samichlous aus dem Waldhüsli. «Viele sagen mir dann, dass es für sie ohne einen Besuch bei mir einfach keine richtige Weihnachtszeit sei.»

Schmutzli und Samichlaus verkörpern den Dualismus von Böse und Gut.

Schmutzli und Samichlaus verkörpern den Dualismus von Böse und Gut.
http://www.coopzeitung.ch/Chlausschule_+Auch+St_Nikolaus+hat+nie+ausgelernt Schmutzli und Samichlaus verkörpern den Dualismus von Böse und Gut.

Wer will was vom Samichlaus?

Dass die Erwartungshaltungen an den Samichlaus sehr differenziert sind, und wie man ihnen gerecht wird, ist der Schwerpunkt in der Samichlausschulung der St. Nikolausgesellschaft Zürich. Um ihre 30 Chläuse und 45 Schmutzlis einzustimmen, hat die Gesellschaftsleitung zum Unterricht in die Kantonsschule Hottingen gerufen. Die Männer hören dem Schulungs-Chlaus aufmerksam zu. Ihr Fokus liegt auf Grossfeiern, das heisst Besuche in Schulklassen, Seniorenheimen oder an Geschäftsfeiern. Was wird in den verschiedenen Situationen erwartet und wie schafft es der Samichlaus, diesen zu begegnen, ohne seinen Prinzipien untreu zu werden? Wie reagiert der Samichlaus etwa, wenn ihm ein frecher Schüler ein Gümmeli anspickt (intervenieren, nicht ignorieren) oder darf er an Firmenanlässen auch mal einen zweideutigen Witz machen (bei der Gürtellinie ist Schluss)? Im Anschluss wird ausführlich diskutiert, denn oftmals gibt es kein Falsch oder Richtig. «Wir sind ein Freiwilligen-Verein und da soll es jedem Samichlaus freistehen, seine persönliche Note einzubringen», erklärt der Schulungs-Chlaus. In einem Punkt sind sich aber alle einig: Eine gute Vorbereitung ist das A und O. Denn wie es ein Chlaus ausdrückt: «Improvisieren kann man nur, wenn man die Materie kennt.» Und improvisieren, dass muss ein Chlaus – schliesslich weiss er nie, wie genau die Stimmung ist und wer die Leute sind, die er besucht.

Das Fazit der Schulung: Am Ende eines Hausbesuches sollen die Erwachsenen Tränen der Rührung in den Augen haben und bei Firmenanlässen soll es Standing Ovations geben.

Es gibt Post

Briefe ans Christkind oder den Weihnachtsmann

Quelle: Schweizerische Post

Vom Kult zur Legende zum Brauch

Der Mythos des Samichlaus stützt sich auf die Person des Bischofs Nikolaos von Myra. Er soll im 4. Jahrhundert in Myra, dem heutigen Demre an der türkischen Küste, gelebt haben. Der Sohn reicher Eltern habe sein Erbe an die Armen verteilt und schon zu Lebzeiten Wunder vollbracht. Fakt ist jedoch, dass gerade mal so viele historische Quellen bestehen, dass man seine Existenz nicht ganz anzweifelt. Was er oder andere Bischöfe desselben Namens wirklich vollbracht haben, ist historisch nicht nachzuvollziehen. Trotzdem entstand im 5. Jahrhundert ein Kult um den Heiligen, aus dem heraus über die Jahrhunderte unzählige Legenden wuchsen.

Hier werden die drei gefangenen Feldherren gerettet.

Hier werden die drei gefangenen Feldherren gerettet.
http://www.coopzeitung.ch/Chlausschule_+Auch+St_Nikolaus+hat+nie+ausgelernt Hier werden die drei gefangenen Feldherren gerettet.

Die erste und die Keimzelle war das Strateleten-Wunder. Gemäss diesem rettete Nikolaus drei unschuldige Feldherren vor einer ungerechten Verurteilung zum Tod, indem er Kaiser Konstantin noch zu seinen Lebzeiten als Geist erschien. Dies machte ihn zum Schutzherrn aller Verurteilten. 

Drei Goldstücke erinnern an die Ausstattung der drei Jungfrauen.

Drei Goldstücke erinnern an die Ausstattung der drei Jungfrauen.
http://www.coopzeitung.ch/Chlausschule_+Auch+St_Nikolaus+hat+nie+ausgelernt Drei Goldstücke erinnern an die Ausstattung der drei Jungfrauen.

Seine Rolle als heimlicher Schenker begründet sich in der Legende um die Ausstattung dreier Jungfrauen. Er liess jeder heimlich in der Nacht ein Goldstück zukommen, als er davon erfuhr, dass ihr Vater sich keine Mitgift leisten konnte und die drei zur Prostitution verurteilt gewesen wären. Die Legende um die Rettung von Schiffsleuten vor einem Seesturm führte dazu, dass er auch Schutzherr dieser Berufsgattung wurde.

Ein Wirt tötete drei Schüler, Nikolaus liess sie auferstehen.

Ein Wirt tötete drei Schüler, Nikolaus liess sie auferstehen.
http://www.coopzeitung.ch/Chlausschule_+Auch+St_Nikolaus+hat+nie+ausgelernt Ein Wirt tötete drei Schüler, Nikolaus liess sie auferstehen.

Die Auferweckung dreier getöteter Schüler verlinkte ihn auf immer mit den Schülern und Kindern. Ab dem 9. Jahrhundert wuchs sein Ansehen auch in der westlichen Kirche – ausgehend von Neapel und Süditalien. Kurz nach der Jahrtausendwende war er sowohl in der östlichen als auch in der westlichen Kirche sozusagen ein Superstar unter den Heiligen. Die Blüte der Verehrung hatte er aber zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert, als er sozusagen als Allround-Heiliger von den verschiedensten Interessengruppen verehrt und ihm zahlreiche Kirchen, Klöster und Kapellen gewidmet wurden. 

Zudem entwickelten sich Bräuche zu seiner Verehrung. Wie etwa die Nikolausspiele, bei denen sich die Leute verkleideten und die Legenden nachspielten. Aus diesen heraus entstanden Umzüge, an denen der Nikolaus von allerhand Teufeln (deren Kostü-me meist von der Fasnacht her vorhanden waren) begleitet wurde und von Haus zu Haus zog.

Auf seinem Ruf als heimlicher Schenker basiert der Brauch, Kinder am 6. Dezember heimlich zu beschenken. Diese Form der Heiligenverehrung kritisierte Luther 1545. Er setzte sich dafür ein, dass nur noch der Heilige Christ, also das Christkind, die Geschenke bringt. Seine Nachfolger beraubten Nikolaus dann auch seiner bischöflichen Attribute, der Mitra und des Bischofsstabs. Die Brauchtümer um Nikolaus selbst liessen sich aber nicht so leicht ausmerzen und haben sich bis zum heutigen Tag in den verschiedensten Facetten erhalten und weiterentwickelt.

Viel mehr als nur Ho ho ho

http://www.coopzeitung.ch/Chlausschule_+Auch+St_Nikolaus+hat+nie+ausgelernt Chlausschule: Auch St. Nikolaus hat nie ausgelernt

Küssnacht

Um 20:15 Uhr gehen in Küssnacht am Rigi am 4. Dezember die Lichter aus und die prächtigen Iffelen erleuchten. Die Iffelen sind aus Karton und farbigem Seidenpapier gefertigt und sehen aus wie Kirchenfenster, welche von innen durch Kerzen beleuchtet werden. Zwischen den Iffelenträgern schreitet St. Nikolausbegleitet von Schmutzlis, Musikanten, Fackelträgernund Klausjägern.

http://www.coopzeitung.ch/Chlausschule_+Auch+St_Nikolaus+hat+nie+ausgelernt Chlausschule: Auch St. Nikolaus hat nie ausgelernt

Fribourg

Am 5. Dezember wird in Fribourg der Schülerbischof mit seinem Esel durch die Stadt ziehen und die Plattform der Kathedrale besteigen, von wo aus er eine humorvolle, aber auch kritische Ansprache hält.

http://www.coopzeitung.ch/Chlausschule_+Auch+St_Nikolaus+hat+nie+ausgelernt Chlausschule: Auch St. Nikolaus hat nie ausgelernt

Appenzell

Die Silvesterkläuse aus Urnäsch haben ihre Auftritte am Silvester (dem neuen am 31. Dezember und dem alten am13. Januar). Dann ziehen «Schuppel» (Gruppen) von «Wüeschte» und «Schöne» und «Schö-Wüeschte» von Haus zu Haus, schellen und singen Zäuerli.

Bern

Jeweils am 1. Adventssonntag ziehen die Samichläuseund Schmutzlis in der Kramgasse bis zum Zytgloggeturm, wo der Oberchlaus eine Weihnachtsgeschichte erzählt. Am 12. und 13. Dezember kann man Samichlous und Schmutzli im Waldhaus besuchen.

Zürich

Auch der Samichlaus der St. Nikolausgesellschaft derStadt Zürich zog am 1. Adventssonntag durch die Stadt ein. Wer ihn verpasst hat, kann ihn vom 1. bis 6. Dezember in seinem Waldhüsli auf dem Käferberg besuchen.

Freude bringen, sich für die Gemeinschaft einsetzen, eine Brauch am Leben erhalten,  die Gemeinschaft untereinander – das motiviert die Samichläuse, Schmutzlis und ihre zahlreichen Helfer dazu jedes Jahr Zeit und Muse in ihre Tätigkeit zu investieren. Falls auch Sie Interesse haben ein Teil davon zu werden, wenden Sie sich einfach an eine Samichlausgemeinschaft in Ihrer Nähe.

Alle Adressen und Kontakte
 

Samichlausquiz

Kennen Sie sich aus, mit dem Chlaus?

 
01
von
 

 

 

Frage der Woche

«

Angst oder Freude? Wie haben Sie den Samichlaus erlebt?»

Schicken Sie uns Ihre Erlebnisse rund um den Mann im roten Mantel. 

Hier gehts zu weiteren Wochenfragen
 

Kommentare (7)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.










Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Michaela Schlegel

Redaktorin

Foto:
Peter Mosimann, Keystone, Mezger, AKG-Images, Sigi Tischler, Jean-Christoph Bott, zVg,
Veröffentlicht:
Montag 30.11.2015, 12:03 Uhr

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:




Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?