Rocken die Bühnen: Bassist und Mastermind Chris von Rohr und Frontmann Marc Storace begeistern mit «Krokus» seit Jahrzehnten – und noch lange.

«Rock war unser Leben»

Neues Album, Gig mit Gotthard – Krokus, die erfolgreichste Schweizer Rockband mit Mastermind Chris von Rohr, meldet sich zurück.

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Chris von Rohr, Ihre ...
... halt, halt, als Erstes möchte ich mal sagen, dass ich sehr happy bin, dass sich die elende Friererei endlich lohnt und Schnee liegt. Da bin ich voll Romantiker. Ich finde Licht und Klang einfach herrlich, wenn die weissen Zauberflocken rocken. O. K., legt los.

Dann nehmen wir gleich den Titel Ihrer Biografie: «Hunde, wollt Ihr ewig rocken?»
Nun, heutzutage bestimmt nur noch die Gesundheit unseren Organizer. Wenn wir fit bleiben ... ich schwörs, dann spielen wir wohl noch so lange wie die Rolling Stones, wir können gar nicht anders, wir lieben diese Musik, lernen immer noch Neues, verbessern uns und haben viel mehr Freude als früher.

Woran liegt das?
Daran, dass wir diese ganzen Egospiele, diese doofen Schnäbi-Vermessereien hinter uns haben. Jeder nimmt den anderen, wie er ist und schätzt dessen Arbeit. Das ist wie bei einem alten Ehepaar. Zwischendurch mal grumpy, aber im Wissen, dass es ohne den anderen nicht geht.

Ihr seid alles Profimusiker. Gibt es da trotzdem noch gemeinsame Proben?
Sicher! Dreimal pro Woche sogar. Stehen grössere Konzerte oder eine Tournee an,  ist das wie eine Vorbereitung auf die Champions League. Da geht es auch darum, die Kondition aufzubauen. Denn unsere Art des Musikmachens geht an die Physis. Trotzdem gibt es nichts Grossartigeres, als in einer richtigen Rockband zu spielen. Eines der letzten Abenteuer in dieser überdigitalisierten, antiseptischen Welt. Du steckst ein, es macht «Bumm», du weisst: ich lebe!

Stichwort «richtige Rockband». Gibt es heute noch junge Schweizer Bands, die den grossen Durchbruch schaffen könnten?
Ehrlich gesagt: Ich kenne keine. Vor allem wegen deren  Einstellung. Nehmen wir Krokus als Beispiel. Bei uns war immer klar: Es gibt keinen Plan B, alle Brücken hinter uns wurden abgebrochen. Wir gaben nicht auf, bevor wir in England oder in den USA gespielt haben.

Keine typische Schweizer Mentalität.
Ja, wir waren da ganz anders. Nicht noch da ein Jöbli oder dort ein Nebenprojekt. Wir waren extrem stur, aufsässig und wollten gar nichts anderes. Rock war unser Leben. Diesen bedingungslosen Einsatz, diese Hingabe sehe ich heute kaum mehr.

Liegt das nur an der Einstellung?
Nein! Auch das Internet ist schuld. Dieses hat einen grossen Teil des Musikbusiness zerstört. Heute muss eine Band für ihre CD selber bezahlen, nur damit diese kurze Zeit später vom Netz geklaut wird. Wie soll sich denn das eine junge Band überhaupt leisten? Bei Spotify zum Beispiel, holy shit, was soll denn das? Da werden die Musiker im Bereich, der dreistellig hinter dem Komma liegt, bezahlt. Wir zum Beispiel haben da zwar Millionen Klicks, aber was da dann auf der Abrechnung steht, das darfst du nicht mal der Putzfrau zeigen, sonst meint sie, du willst ihren Lohn drücken.

Welcher Betrag ist denn da bei Euch zu lesen?
Guter Versuch, aber über Zahlen sprechen nur Amateure.

«

Das Album heisst ‹Big Rocks› und nicht ‹Bonsai Rocks›.»

Am 27. Januar erscheint die neue Krokus-CD mit lauter Coverversionen. Warum das?
Es ist ein Partyhammer, eine Liebeserklärung an unsere Helden. Die Songs, die wir darauf covern, sind unsere Muttermilch – unsere DNA. Wegen diesen Stücken sind wir überhaupt zu dem geworden, was wir heute sind. Wir haben zu jedem dieser Lieder eine persönliche Beziehung. Wir haben uns bewusst für diese grossen Hinkelsteine entschieden. Das Album heisst ja auch «Big Rocks» und nicht «Bonsai Rocks». Darauf sind Trouvaillen, bei denen es sich dein trennungswilliges Girl zweimal überlegt, ob es dich verlassen will, wenn du sie ihm vorspielst. Die Herausforderung dabei war, die Songs nach Krokus tönen zu lassen – das haben wir geschafft.

Auch «House Of The Rising Sun» von den Animals ist darauf zu hören. Ein Stück, das Sie schon mit Ihrer ersten Band «The Scouts» gespielt haben. Haben Sie zu diesem Lied eine besondere Beziehung?
Woher wissen Sie das?

Ich habe Ihr Buch gelesen.
Dä Cheib isch guet. Das hat mich bisher noch nie jemand gefragt. Also ... diesen Song kennen fast alle. Jeder, der Gitarre lernt, muss auf diesem A-Moll-Akkord ... dumdulumdindangdongdong ... klar? Aber diesen Song so zu spielen, dass es auf Youtube keine Version davon gibt, die dramatischer und wirklich besser gesungen und gespielt ist, musst du erst mal schaffen.

Aber was bedeutet Ihnen der Song persönlich?
Das Lied half mir Mitte der Sechzigerjahre durch meine Sinneskrise. Ich kann mich  gut erinnern. Ich lag zu Hause auf meinem Bett, im Radio lief «The House Of The Rising Sun.» Es war ein Gefühl, als würde eine Engelsschar vom Himmel direkt zu mir herab singen, um mir die Botschaft durchzugeben: Hey Chrisiboy, dont worry, alles kommt gut. In dieser Zeit hatte Musik eine andere Bedeutung – Musik war ein Wegweiser.

Warum werden heute keine solchen Evergreens mehr geschrieben?
Weil das eine andere Zeit war, und die Sixties sind in Sachen Songwriting unschlagbar. Beatles, Doors, Rolling Stones, Kinks, The Who, Pink Floyd, Jimi Hendrix ... alle zur gleichen Zeit. Das ist ein Geschenk. Ich bin froh, durfte ich diese Zeit bewusst erleben. Da nehme ich auch in Kauf, dass ich heute 65 Jahre alt bin. Hinzu kommt, dass in dieser übersubventionierten Wohlstands-Narkosenzeit Kreativität und Dringlichkeit verloren gehen. Diese Kargheit der Sixties, diese Nachkriegszeit hatte einfach eine andere Kraft. Es war die Hochblüte der Rock- und Pop-Kompositionen.

Oft sind es auch die einfachsten, die sogenannten «Drei-Akkord-Songs», die im Ohr kleben bleiben.
Genau. Und das ist so, weil diese für das nichtfledermausohrige Volk noch hängen bleiben. Nehmen wir eine komplizierte Symphonie von Tschaikowsky oder ein abgedrehtes Jazz-Stück von Miles Davis. Das kann nur der Liebhaber wirklich schätzen, da gehts auch nicht um die Ohrwurmqualität.

Zurück zu Krokus. Ihr hattet in Eurer über 40-jährigen Bandgeschichte extrem viele Wechsel. Insgesamt haben 30 Personen einmal zu einer Krokus-Formation gehört. Was waren da die Gründe?
Das war nur in einer gewissen Phase. Zu Beginn und bis ungefähr 1982 gab es keine Wechsel. Ausser es ist jemand gestorben. Als ich dann nach einer Streiterei von der Band dispensiert wurde, verursachte diese ohne Führungsperson das galoppierende Chaos mit 43! Wechseln. Das war dann auch nicht mehr Krokus. Darum rauften wir uns 2008 nochmals zusammen und sagten uns: So können wir dies nicht enden lassen. Heute sind wir im Original erfolgreich, gereift und erst noch glücklicher. Eine einzige, wunderbare Zugabe.

2016 sind viele bekannte Musiker wie Prince, David Bowie, Leonard Cohen oder George Michael gestorben, wie nimmt einen das als Rockmusiker in Ihrem Alter mit?
Das war schon krass und es erinnert uns daran, dass wir zu einer aussterbenden Spezies gehören. Darum muss man Bands wie AC/DC, The Rolling Stones, ZZ Top, Aerosmith oder auch uns noch geniessen, solange es noch geht. Denn wir sterben alle langsam weg, und es gibt keinen Ersatz dafür.

  

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