Beim Aufstieg zum Dietschiberg, angeführt von Guide Alex Arioli (links), spielen die Segways ihre Stärke voll aus. Im Hintergund: Luzern.

City-Tour der anderen Art

Leise, weiter, schneller – die Besichtigung Luzerns mit einem selbst balancierenden Elektro-Stehroller, genannt Segway, führt in ungeahnte Höhen.

Deppig, sagte eine Kollegin, völlig deppig sehe das aus: erwachsene Menschen, die, ausstaffiert mit gelber Leuchtweste und gamellenförmigem Helm, auf Segways durch die Gegend rüttelten wie Kinder auf Trottinetts. Nun, denkt der Gewarnte jetzt, da er, lässig auf einem ebensolchen Segway balancierend, vom Dietschiberg auf die fast 200 Meter unter ihm liegende Stadt Luzern blickt: etwas deppig vielleicht, aber das Fahrgefühl ist geil, unglaublich geil.

Sightseeing in der Steinenstrasse

Sightseeing in der Steinenstrasse
Sightseeing in der Steinenstrasse

Achtung: junges Geisslein

Eine Stunde zuvor, unten in der Stadt. «Ein Segway ist ein selbst balancierender Elektro-Stehroller», erklärt Alex Arioli. Anders als ein Trottinett oder ein Velo sucht er das Gleichgewicht also selber. Körpergewicht leicht nach vorne verlagern – das Gefährt gleitet sachte vorwärts. Gewicht leicht nach hinten – der Segway stoppt beziehungsweise schwebt rückwärts. Die Links-Rechts-
Steuerung übernehmen die Hände an der Lenkstange. Wer bewegungsmässig nicht hochgradig unbegabt ist, hat das Fahrzeug im Handumdrehen im Griff. Vollbremsung inklusive: «Leicht in die Knie gehen, Schulter über dem Schwerpunkt halten, Lenker zurückziehen.» Problematisch wirds erst, wenn man auch die Schultern nach hinten reisst: Dann gebärdet sich der Segway etwas störrisch und hüpft kurz wie ein junges Geisslein. Aber nur kurz. 

Das tönt einfach – und ist es auch. «Ich bin der Beweis dafür», sagt Alex Arioli (70). Erst nach seiner Pensionierung, mit 65 Jahren, stand der ehemalige Lehrer und Schulleiter zum ersten Mal auf einem der 11 000 Franken teuren Gefährte. Seither führt er damit ausgerüstete Touristen durch seine Heimatstadt und deren Umgebung. Nicht mal zwanzig Minuten braucht er heute, bis seine fünf Gäste im Alter zwischen 20 und 61 Jahren so weit sind, dass er mit ihnen guten Gewissens in den Luzerner Verkehrsdschungel aufbrechen kann.

Also los. Vom Tribschen-Quartier ins Werft-Areal, vorbei am Schaufelrad des Dampfschiffs Pilatus hin zu einem der Wahrzeichen der Stadt, dem Kultur- und Kongresszentrum KKL. «Eigentlich wollte Architekt Jean Nouvel das Gebäude in den See hinaus bauen», erzählt Alex Arioli. Doch dies sei abgelehnt worden. «Da holte Nouvel den See halt ins Gebäude beziehungsweise aufs Gelände des KKL.» 

So richtig Gas geben

Sightseeing in Luzern beim Durchqueren der Museggmauer.

Sightseeing in Luzern beim Durchqueren der Museggmauer.
Sightseeing in Luzern beim Durchqueren der Museggmauer.

Unter dem mächtigen, ausladenden Dach fühlen sich nicht nur Kulturbeflissene wohl. Auch Segway- und andere Touristen finden darunter notfalls Schutz vor Wind und Wetter. Von hier aus bietet sich auch ein schöner Blick auf acht der neun majestätischen Türme der Museggmauer und die altehrwürdigen Hotels am Hang zum Dietschiberg, allesamt aus der Zeit um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert: das Palace, der Schweizerhof, das National, das Montana. Und natürlich auf den Prunkbau der Suva, der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt, gebaut 1914/15. «Bern hat das Bundeshaus, Zürich das Landesmuseum und Luzern eben die Suva – ein typisch schweizerischer Kompromiss», findet Arioli.

Während auf dem KKL-Areal angesichts der teils verwirrt erscheinenden Fussgängerschaft vorsichtiges Fahren angesagt ist, darf die Segway-Gruppe auf dem Radstreifen über die Seebrücke mal so richtig Gas geben, sprich: das Gewicht kräftig nach vorne verlagern. Und da offenbart sich eine weitere Eigenheit der nahezu geräuschlos dahingleitenden Roller: Ihre Geschwindigkeit ist auf 20 Stundenkilometer beschränkt; nähert man sich dem Limit, drängen sie den Körper des Fahrers sachte in die Vertikale und reduzieren so das Tempo.

Natürlich könnte man mit den Segways nun zwei Stunden lang den bekannten Touristenpfaden folgen. Tatsächlich ist noch ein Halt auf dem Löwenplatz mit angrenzendem Löwendenkmal, Gletschergarten, Bourbaki-Panorama und Old Swiss House angesagt. Und eine Pause zur Stärkung im Kaffeehaus des Alpineums. Das Interesse der Fussgänger ist gross – nicht nur an den touristischen Sehenswürdigkeiten, sondern auch an den parkierten Fahrzeugen. «Segways sind immer noch etwas Spezielles», sagt Alex Arioli. «Die Reaktionen sind unterschiedlich: Die einen belächeln uns, andere haben Freude daran und interessieren sich für die Technik und die Dritten möchten die Fahrzeuge am liebsten gleich selber ausprobieren.» Nur das Wort «deppig» ist nicht zu hören. Und das hat nur entfernt damit zu tun, dass der Löwenplatz vorwiegend von Touristen ostasiatischer Herkunft frequentiert wird.

Zeigen, was sie drauf haben

Eine kurze Schulung duch Alex Arioli (links), und los geht's.

Eine kurze Schulung duch Alex Arioli (links), und los geht's.
Eine kurze Schulung duch Alex Arioli (links), und los geht's.

Nach der Kaffeepause dürfen die Elektroflitzer zeigen, was sie drauf haben: Hoch geht’s in Gegenden, die der per pedes die Stadt erkundende Tourist in der Regel nicht aufsucht. 1. weil zu grosser Höhenunterschied und 2. weil zu grosse Distanz. Hoch gehts also, mit Zwischenstopp beim Kapuzinerkloster Wesemlin und Dreilinden, auf den Dietschiberg mit dem eingangs geschilderten Ausblick auf Stadt und See. Und die emporragenden Luzerner Kultberge: Pilatus, Rigi, Bürgenstock. Und auf einmal erscheint das Dach des KKL gar nicht mehr so mächtig. Wie auch, sein Bau kostete kurz vor der Jahrhundertwende mit 226 Millionen Franken nur etwa die Hälfte dessen, was zurzeit in den Bau des neuen Resorts auf dem Bürgenstock fliesst; dieses soll im nächsten Jahr seine Tore öffnen.

Das Wichtigste in Kürze

Gesetz: Gesetzlich sind Segways mit Elektro-Velos gleichgestellt. Das heisst, sie dürfen auf den Verkehrsflächen von Fahrrädern (Velowege, Velostreifen) verkehren.

Angebot: Die Firma Mobileo bietet Touren in und um sieben Städte (Basel, Bern, Interlaken, Lausanne, Luzern, Murten, Zürich), dazu Spezialtouren. Bei bis zu sechs Teilnehmenden werden die Touren von einem Guide begleitet, ab sieben Personen von einem zweiten.

Voraussetzungen: Die Fahrer müssen zwischen 45 und 120 Kilogramm schwer sein. Ab 16 Jahren ist kein Ausweis notwendig, ab 14 Jahren der Mofa-Ausweis Kategorie M.

Kosten: ab 99 Franken (für einen eineinhalbstündigen, begleiteten Short-Trip, inkl. Fahr- und Sicherheitstraining).

www.mobileo.ch

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Rainer Eder
Veröffentlicht:
Montag 28.11.2016, 18:00 Uhr

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