Corin Curschellas: «Ich lass mir nicht mehr dreinreden»

Persönlich.  Corin Curschellas über die romanische Kultur, ihr neues Liederbuch «La Grischa» und das Leben als solches.

Coopzeitung:  Auf Ihrem neuen Werk «La Grischa» singen Sie auf Romanisch, das ist ja nicht unbedingt der Stoff, aus dem Hitparadenträume gemacht sind ...
Corin Curschellas:  Ich war und bin wohl noch ein sogenanntes Nischenprodukt. Obwohl … von der Musik und von der Stimmung her sind die romanischen Volkslieder durchaus «massentauglich», um dieses Un- Wort zu brauchen. Unsere Lieder sind fröhlich, ohne bierselig zu sein, und traurig, ohne kitschig zu klingen.

Sie schreiben Lieder für Michael von der Heide und andere Künstler. Hat es Sie nie gereizt, selber auf die kommerzielle Schiene zu setzen?
Als ich jung war, gab es durchaus entsprechende Angebote. Ich lehnte ab. Dadurch ist mir einiges erspart geblieben! Nun bin ich erfahrener, habe mehr Tiefgang und fühle mich dem ungeschminkten, ehrlichen  Interpretieren von traditionellem Liedgut gewachsen. 

War es schwierig, diese Lieder zu finden?
Nein, im Gegenteil. Am liebsten hätte ich 100 Lieder aufgenommen. Ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt und 37 Lieder aufgenommen, bevor sie ganz vergessen sind.

Ist es nicht frustrierend, in einer Sprache zu singen, die es bald mal nicht mehr gibt?
Ich mag nicht einstimmen in diesen Grabgesang. Die Glut ist noch am Glimmen, das Romanisch in all seinen Facetten wird es noch lange geben.

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Ich mag nicht einstimmen in diesen Grabgesang. Das Romanisch wird es noch lange geben.»

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?
Beispielsweise existierten noch nie so viele Sängerinnen, Rapper und Bands, die auf Romanisch singen!

Was sollen Deutschschweizer mit «La Grischa» anfangen?
Im Grischa-Liederbuch habe ich geschrieben, dass alle in die Glut blasen und das Feuer gemeinsam hüten sollen, indem sie die Lieder singen. Dodo Hug hat bereits darauf reagiert und mich gefragt, ob sie eines der Lieder aus dem Buch singen darf.

Und? Darf Sie?
Klar! Natürlich! Volksmusik gehört ja allen! Ganz grundsätzlich: Wer irgendwie Wurzeln in oder auch nur eine Affinität zu Graubünden hat, dem werden die Lieder gefallen.

Diesen Liedern hängt oft etwas Schwermütiges an. Sind sie ein Spiegel Ihrer Seele?
Nicht grundsätzlich. Zudem gibt es ja auch lustige und witzige Lieder auf den beiden CDs. Aber da ist schon diese Wehmut, die romanische «Saudade»: Meine Eltern waren frohe Menschen, doch in der Grossfamilie meiner Kindheit wurde oft geseufzt und geklagt, das wirkt prägend. Die Leute waren arm, der Arbeitsalltag der Bauern unglaublich hart, die Winter kalt und streng.

Sie sind jetzt 57. Ist das Alter für Sie ein Problem?
Nein und ja. Wenn ich heute eine Nacht lang durchwache, dann muss ich schon bitter bezahlen. Aber die Vorteile des Älterwerdens überwiegen bei Weitem: Ich bin sicherer geworden, lass mir nicht mehr dreinreden, mich nur noch in Leben und Arbeit gut beraten. Ich lebe auch viel bewusster und bin dankbar für jeden Tag.

Viele Musikerinnen und Musiker Ihrer Generation wollten mal die Welt verändern. Haben Sie auch heute noch diesen Anspruch?
Ja – irgendwie schon. Zumindest soll mein Publikum wissen, wofür ich stehe und wofür ich mich einsetze.

Sie haben sich nie vereinnahmen lassen, auf eine kommerzielle Karriere verzichtet und Sie singen romanische Lieder, die nie in die Hitparade kommen werden. Was ist der Preis dieser Unabhängigkeit?
Der Preis? Ich habe ein schönes Leben. Zwar ohne Auto, aber mit guten Freunden. Ich kann sagen und singen, was ich will, wofür ich will – mein letztes Konzert bezahlte mein neues Gewürzgestell.

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Ich habe ein schönes Leben. Zwar ohne Auto, aber mit guten Freunden.»

Keine Existenzängste?
Doch, als ich etwa 45 war, da hatte ich plötzlich ein paar schlaflose Nächte, wenn ich an meine nicht existierende 2. und 3. Säule oder an das leere Konto dachte. Aber ich bin ein positiver Mensch und habe gelernt, dass «es» gewiss gut kommt, wenn man es sich positiv vorstellt!

Sie haben von Barcelona über Paris bis New York überall gelebt und gearbeitet. Und nun Rueun, ein abgelegener Fleck im Bündner Oberland …
Früher dachte ich, dass mir jederzeit alles passieren kann – und es passierte ja auch. Doch jetzt bin ich ausgeglichener und weile häufig in der Surselva im Familienhaus. Ich arbeite intensiv an verschiedenen Projekten, schreibe, komponiere, male, unterrichte Gesang und gebe Konzerte im Inland und in ferneren Ländern. So stimmt es für mich.

Corin Curschellas

Geboren am: 2. Juli 1956 in Chur
Studium: Primarlehrerdiplom, Diplom der Schauspielakademie Zürich, Musikwissenschaft an der Uni Zürich.
Musikalische Bandbreite: Singer-Songwriter, Jazz, Rock, Folk, Ethnomusik, Chansons, experimentelle Musik, Freemusic, Personal Pop ...
Aktuell: «La Grischa», zwei CDs mit romanischen Volksliedern in einem Buch mit den Liedtexten, die auch auf Deutsch übersetzt sind und erklärt werden.
Auftritte: Samstag, 7. September 2013, 22.00 Uhr, Kunsthaus Zürich, im Rahmen der Langen Nacht der Museen. 17. Oktober 2013, CD-Taufe, Landesmuseum, Zürich.


Homepage von Corin Curschellas

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
10 Bücher liegen da, u.a. «Kurgast» von Hermann Hesse wegen seiner Badener Kurzeit und der 1. Augustrede oder «Für den Rest des Lebens» von Zeruya Shalev.

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Zahlreiche! Zum Beispiel die Rote Zora. 

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Zum Beispiel St. Margarita, eine Legendengestalt aus dem 8. Jahrhundert oder ... zahlreiche Leute, die sich im Alltag vorbildlich verhalten!

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
Einen «Hunkeler»-Kriminalfall von Markus Fischer und die Satiresendung «Twist !!!», auch am SRF , denn unser CINEMA SIl PLAZ in Ilanz macht Sommerpause. 

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Die «Zauberflöte» von Ingmar Bergmann.

Ihr Lieblings-Filmheld?
Buster Keaton.

Was für Musik hören Sie gerade?
Vera Kappeler: Piano Interpretationen von Paul Burckardt. Und nie gesehene You Tube-Filme der Rockstars meiner Jugend. 

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Keine, lieber ein Instrument. 

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Mit Bob Dylan auf ein Glas Quell-Wasser. Mit Joni Mitchell auf einen schottischen Whisky. Oder umgekehrt.

Was kochen Sie selbst?
Alles – ausser Schweinefleisch! 

Ihre Lieblingsspeise?
Ich esse sehr gerne auch mal Thai, Indisch, Türkisch, koche es jedoch nicht. 

Ihre Lieblingsgetränk? 
Wasser, warmer Sake.

Mit wem essen Sie am liebsten?
Zu mehreren.

Und wo essen Sie am liebsten?
Daheim. Oder bei Freunden.

Mac oder PC?
No question! Artists are Mac-users.

Auto oder Zug?
Auf zehn Mal Zug einmal Auto.

Wein oder Bier?
Wein.

Pasta oder Fondue?
Pasta.

Joggen oder Walken?
Spazieren.

Berge oder Meer?
Abwechslungsweise. Und Wüste!

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Nur ein paar Tränen ... Vor zwei Wochen.

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Ich lache oft und gern. Mit Ur-Komik oder scharfer Zunge. Ausserdem gut erzählte Begebenheiten mit Verwechslungen und Missverständnissen!

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Eine Schwalbe.

Wovon träumen Sie?
Aller Gattungen von «Filmen» ... Fantasy, Drama, Kitsch, Action.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Nichts mehr zu wollen ... Ausser das, was ist!

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Franz Bamert

Redaktor

Foto:
Christian Lanz
Veröffentlicht:
Freitag 09.08.2013, 16:27 Uhr

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