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Cristiana Sciabordi aus Siena möchte viele Dinge nicht mehr missen, die sie in der Schweiz kennengelernt hat. Aber Italien fehlt ihr auch.



Cristiana Sciabordi: «Ich liebe das italienische Chaos»

Die Italienerin Cristiana Sciabordi lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Nach ihrer Karriere als Ballettsolistin ist sie nun in der Tanzcompagnie am Theater Basel als Ballettmeisterin tätig.

Coopzeitung: Sie leben seit über zehn Jahren in der Schweiz und reisen regel-mässig nach Italien. Was finden Sie dort?
Cristiana Sciabordi:  Italien ist meine Heimat und ich treffe meine Freunde und meine Familie. Aber es ist auch die italienische Mentalität, die mir guttut. Die Geselligkeit, das italienische Chaos, die italienische Küche.

Das italienische Chaos?
Ja, die Italiener beherrschen die Kunst, sich auch im grössten Durcheinander zu organisieren. Sie finden immer einen Weg, um ihre Idee zu realisieren. Wenn es aber da-
rum geht, die Probleme zu lösen, die sich ihnen im Alltag stellen, haben sie Mühe.

Wie geht es Ihnen hier?
Sehr gut. Die Lebensqualität in der Schweiz ist konkurrenzlos. Und es ist unglaublich beeindruckend, wie gut hier alles funktioniert. Das macht das Leben einfacher.

Und wie sind die Schweizer?
Sie sind in vielen Punkten das Gegenteil von den Italienern. Hier gibt es viele theoretische Reglements. Wenn ein Problem auftaucht, worüber die schriftliche Anleitung keine Auskunft gibt, dann sind die Schweizer oft hilflos. Ideal wäre eine Kombination dieser beiden Eigenschaften. (lacht)

Wo stossen Sie an Grenzen?
Als Autofahrerin war ich in der Schweiz anfangs völlig aufgeschmissen. Ab und zu habe ich eine Verkehrsregel überschritten. Stellen Sie sich vor, wie das ist, wenn man ausgerechnet in Rom den Fahrausweis gemacht hat – da hat man die Verkehrsregeln schnell wieder vergessen! Ich habe zum Beispiel die Geschwindigkeitsgrenzen nicht immer beachtet. Das hat mich schon zwei Mal meinen Führerschein gekostet. Oder sollte ich das besser nicht erzählen?

Hoppla! Weitere Beispiele?
Die Abfallentsorgung. Einmal hatte ich vergessen, meinen Kehrichtsack an die Strasse zu stellen. Als ich am Tag darauf nach Italien wollte, war ich völlig ratlos, was ich mit diesem Sack machen soll. Da ich mit dem Auto fuhr, habe ich ihn einfach mitgenommen. Meine Mutter hat nicht schlecht gestaunt, als ich mit meinem Müll in Italien aufgetaucht bin.

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Als Autofahrerin war ich hier anfangs völlig aufgeschmissen»

Was beeindruckt Sie in der Schweiz am meisten?
Die Landschaft!

Kommen Sie denn überhaupt aus dem Theater raus?
Naja, die meiste Tageszeit verbringe ich schon im Theater. Ich erlebe Basel als eine sehr kosmopolitische Stadt. Hier kann man sein, wie man ist, es schert sich kein Mensch um dich. Nicht einmal meine knallroten Haare kümmern die Leute. In Italien fällt man schneller aus der Norm als hier.

Die roten Haare sind natürlich ein Hingucker!
Ich habe sie nicht, um aufzufallen. Ich habe mal vor vielen Jahren eine Ballerina auf der Bühne gesehen, die so rote Haare hatte. Da habe ich beschlossen, dass ich das auch will. Aber meine Haare sind meine ganz persönliche Angelegenheit und die Diskretion der Schweizer in Bezug auf meine auffällige Erscheinung schätze ich sehr.

Kann man sich als Tänzerin solch einen Schopf erlauben?
In den meisten klassischen Ballettcompagnies ginge das nicht.

Dann geniessen Sie die Freiheit der Post-Karriere? Fehlen Ihnen die Bühnenauftritte nicht?
Nein.

Ist es schwer, nach einer grossen Tänzerkarriere hinter die Kulissen zu treten?
Sehr, vor allem die Frage, welche Job-Alternativen es für ehemalige Tänzer überhaupt gibt. Ich habe früh begonnen, mich damit auseinanderzusetzen. Irgenwann habe ich gemerkt, dass es mir liegt, anderen beim Einstudieren der Choreografien zu helfen. Dann hatte ich auch grosses Glück, dass ich diese Fähigkeit bei Richard Wherlock ausbauen konnte. Auf diese Weise konnte ich diesen Schritt gut vollziehen.

Was möchten Sie den jungen Tänzern aus Ihren langjährigen Erfahrungen mitgeben?
Ich möchte den jungen Tänzerinnen und Tänzern gerne vermitteln, dass es sehr viel aktiven Einsatz braucht, wenn man etwas erreichen möchte. Meiner Meinung nach geht das nur mit Disziplin, mit einer intelligenten Ernsthaftigkeit im Umgang mit sich selbst. Mir fehlt diese Haltung manchmal bei den Jungen und nicht nur bei den Tänzern. Eine Tänzerkarriere ist so unvorstellbar kurz.

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Ich bin 47 Jahre alt und stolz darauf.»

Trainieren Sie selbst noch aktiv?
Am Training der Tänzer nehme ich nicht mehr teil. Ich mache mein persönliches Training.

Bedeutet es dann nicht auch Stress, eine solche Figur zu halten?
Ich esse regelmässig mehrere Mahlzeiten am Tag. Insgesamt esse ich vielleicht nicht genauso viel wie ein Nicht-Tänzer, aber ich esse genug.

Das Alter von Tänzern war lange Zeit ein Tabu-Thema.
Ich bin 47 und stolz darauf.

Welche Eigenschaften mögen Sie an sich?
Meinen Dickschädel!

Cristiana Sciabordi

Ausbildung: 1976 Scuola di Danza Classica Erna Bonk in Viareggio
Karriere als Ballettsolistin: Cristiana Sciabordi war unter anderem von 1995 bis 1997 Solistin am Ballett Zürich, bis 1999 am Luzerner Ballett. Nach zwei Jahren als Solistin an der Komischen Oper in Berlin kehrte sie 2001 in die Schweiz zurück und tanzte bei Richard Wherlock. Während ihrer aktiven Karriere hat sie mit den grössten Choreografen unserer Zeit zusammengearbeitet (George Balanchine, Roland Petit, Alvin Ailey, Hans von Manen, Jirì Kyliàn, Heinz Spoerli und andere).
Seit 2009 ist sie in der Compagnie von Richard Wherlock als Ballettmeisterin tätig.
Link: www.theater-basel.ch

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Bettina Ullmann

Redaktorin

Foto:
Georgios Kefalas
Veröffentlicht:
Dienstag 10.09.2013, 23:55 Uhr

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