An dieser Wand soll bald schon Nicole Geigers Paralympics-Medaille hängen.

Dabei sein ist eben doch nicht alles

Seit ihrem Reitunfall 1988 ist Nicole Geiger (53) teilgelähmt – bei den Paralympics in Rio strebt sie im Dressurreiten trotzdem eine Medaille an.

Etwas versteckt ist sie. Etwas verstaubt auch. Doch zeugt die karge Holzwand zwischen den Stallungen und der Scheune auf dem Rötihof, der Pferdepension im aargauischen Möhlin, vom Ruhm vergangener Tage. «Tut mir leid», sagt Nicole Geiger, schnappt sich den nächstbesten Lappen und wischt rasch über die unzähligen Turnierplaketten, die fein säuberlich an ebendiese Holzwand genagelt sind.
Eine interessante Aktion findet dies auch Phal de Lafayette. Der 13-jährige Braune streckt den Kopf aus seiner Box und verfolgt das Putzintermezzo mit neugierigen Blicken. Auch von ihm hängen schon Auszeichnungen dort. Noch nicht ganz so viele wie von seiner Mutter. Dafür hätte es aber in seiner Ecke – ganz rechts unten – noch Platz. Platz für eine Trophäe, die den Rest der Wand überstrahlen soll. Platz für eine olympische Medaille. Platz für Edelmetall von den Paralympics in Rio de Ja-neiro – im Para-Dressurreiten. «Der richtige Ausdruck dafür ist Para-Equestrian Dressage», erklärt Nicole Geiger.
Liebevoll und doch auch etwas nachdenklich betrachtet die 53-Jährige ihr Pferd und sagt mit einem Lächeln im Gesicht: «Ich glaube nicht, dass er daran denkt». Vielmehr ist ihre rechte Hand Gegenstand seiner Begierde. «Ich habe oft ein paar Leckerlis in der Hosentasche, verschwindet meine Hand da drin, hat er immer das Gefühl, es gäbe etwas», erklärt Geiger und fügt an: «Phal ist halt ein wenig verfressen.»

Sturz nach Kreislaufkollaps

Beobachtet man Nicole Geiger, wird rasch ersichtlich, es ist immer die rechte Hand, die solche Aktionen ausführt. Die linke hält sie meist etwas versteckt. Der Grund dafür ist eine Teillähmung der linken Körperhälfte. Ein Sturz vom Pferd ist dafür verantwortlich. Die Aargauerin erinnert sich an den verhängnisvollen Tag, als wäre es gestern gewesen: «Der 12. Mai 1988 war das.» Unglaublich heiss sei es gewesen. Und diese Hitze hatte die damals 25-Jährige bei einem Reitanlass buchstäblich aus dem Sattel gehauen.
«Mir wurde plötzlich schwindlig, ich hatte einen Kreislaufkollaps. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden und starrte in die Sonne.» Der Duft des Grases, auf dem sie lag, hat sie bis heute in der Nase.
Sofort habe sie versucht, ihre Füsse zu bewegen. Doch das ging nicht mehr. Der gelernten Physiotherapeutin war schnell klar, was passiert war: «Verletzung der Halswirbelsäule.»
Dank der Soforthilfe vor Ort und in der Rehabilitation danach, sass die Pferdenärrin bereits sechs Monate nach dem folgenschweren Ereignis wieder hoch zu Ross. Und zwar nicht auf irgendeinem, sondern auf dem Pferd, mit dem sie den Unfall hatte. Denn das Ziel, wieder im Sattel zu sitzen, verlor Geiger auch «während der harten Spital- und Reha-Monate» nicht aus den Augen. «Dieses Ziel gab mir die nötige Kraft und den Durchhaltewillen.»

Ziel: nichts anmerken lassen

Und trotz ihres Unfalls und des daraus resultierenden Handicaps ist Nicole Geiger dem Pferdesport, dem sie seit frühester Kindheit verfallen ist, also treu geblieben. Doch während es in den ersten Monaten nach dem Unfall ihr Ziel war, überhaupt wieder einmal im Sattel zu sitzen, lag ihr Bestreben nun darin, sich nichts anmerken zu lassen. «Ich wollte das nicht in den Mittelpunkt stellen.» Also trat Nicole Geiger, trotz Teillähmung der linken Seite und einer verminderten Sensibilität in den Füssen, weiterhin bei den nicht handicapierten Dressurreitern an – «Regelsportler» nennt man diese, berichtigt Geiger. Bei den Paralympics in Rio de Janeiro (7. bis 18. September, von Coop unterstützt) vertritt die Zeiningerin, die heute wieder als selbstständige Physiotherapeutin arbeitet, nun also erstmals die Schweiz im Para-Dressurreiten. Dabei ist die Regelauslegung so, dass die Reiter die Möglichkeit haben, ihr Handicap mit einem Hilfsmittel zu kompensieren. Im Fall von Nicole Geiger ist dies ein spezieller Zügel, der ihre eingeschränkte Handfunktion unterstützt.

Dabei sein ist nicht alles

Es sind zwei ambitionierte Ziele, die Nicole Geiger mit ihrem Auftritt in der brasilianischen Metropole verfolgt. Zum einen will sie mit ihrer Teilnahme in Rio das Para-Dressurreiten bekannter machen. «Unsere Disziplin ist noch sehr jung und benötigt noch viel Aufklärungsarbeit». Andererseits möchte sie eine Medaille anstreben und sagt unverblümt: «Ich halte nicht viel von der Aussage ‹dabei sein ist alles›, denn wer das sagt, nimmt jemandem, der nicht selektioniert wurde, den Platz weg.»
Über die Aussicht auf Edelmetall an der hauseigenen Trophäenwand würde sich wohl auch Phal de Lafayette freuen – wenngleich er dabei wahrscheinlich wieder nur an seine leckere «Belohnung» denken wird.

...im Leben von Nicole Geiger

1979 Mit 16 Jahren erlangt Nicole Geiger die Rennlizenz, zwei Jahre später bereits die Trainerlizenz.

1988 Nach einem Sturz vom Pferd erleidet die damals 25-Jährige eine Luxations-fraktur der Halswirbelsäule.

2016 Nicole Geiger nimmt in Rio de Janeiro zum ersten Mal an den Paralympics im Para-Dressurreiten teil.

Zur Homepage von Nicole Geiger

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Andreas Eugster

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 29.08.2016, 10:00 Uhr

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