Ein grosser statt vieler kleiner Erntehelfer. In Weinregionen wie Kalifornien sind Traubenvollernter gang und gäbe.

Das Monster im Rebberg

Mensch, das geht auch schneller! Erntemaschinen holen die Trauben blitzschnell und vollautomatisch ein. Ersetzen sie bald den Lesehelfer? Wir haben nachgeforscht.

Wer in diesen Tagen durch die Weinberge der Schweiz spaziert, dem bietet sich stellenweise ein kurioser Anblick. Da stehen Reben, an denen keine Trauben mehr hängen, wohl aber die Kämme. Das sind die Stiele und Stielchen, an denen normalerweise die Beeren befestigt sind. Also quasi das Skelett der Traube. Nun aber baumeln sie füdliblutt am Stock. Vogelfrass? Wirbelsturm? Die Antwort ist simpel: In diesem Rebberg wurde mit der Maschine geerntet.

 
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Hightech-Traktor mit Innenleben
Erntemaschinen, im Fachjargon auch Traubenvollernter genannt, gibt es seit mehr als 40 Jahren. Sie werden überall auf der Welt eingesetzt, von Bordeaux bis Kalifornien. Fürs Auge sieht so ein Vollernter wie ein überdimensionierter Traktor aus. Jedoch fährt er nicht zwischen den Rebzeilen, sondern über sie hinweg, mit den Rädern rechts und links der Reihen. Die Mechanik verbirgt sich im Innern des Gefährts: Dort sind Kunststoffstäbe angebracht, welche die Rebstöcke mit bis zu 600 Ausschlägen pro Minute schütteln. Durch die Vibrationen fallen die Früchte ab, sie werden aufgefangen, und ein Gebläse entfernt Blätter und andere Pflanzenteile. So kommen im Keller nicht ganze Trauben an wie bei der Handernte, sondern einzelne Beeren.

Nur der Mensch sortiert
Eine geniale Erfindung – aber erntet die Maschine so gut wie ein Mensch? «In Jahren wie 2015, wo wir nach dem Supersommer bildschönes, kerngesundes Lesegut einholen konnten, sehen wir praktisch keinen Qualitätsunterschied», sagt Guillaume Potterat, Önologe der Generaldirektion für Landwirtschaft des Kantons Genf. Komplizierter sei es in Schlechtwetterjahrgängen: «Ein Lesehelfer kann unreife oder faule Beeren aussortieren. Eine Erntemaschine kann das nicht.» Andererseits bringe der Vollernter notfalls in einer Regenpause blitzschnell eine grosse Menge Trauben ein. Denn er arbeitet dreissig Mal so schnell wie ein Mensch. «Wichtig ist, dass vollautomatisch geerntete Früchte im Keller sofort verarbeitet werden», erklärt Potterat weiter. «Denn nach Entfernen der Stiele tritt Saft aus, und der beginnt zu gären.» Die Genfer haben viel Erfahrung mit dieser Art der Weinlese. Das liegt an der Beschaffenheit ihrer Rebberge. Sie sind grösstenteils flach und weitläufig, im Gegensatz etwa zu den Walliser Steilhängen oder den Tessiner Miniparzellen. «Unsere Winzer ernten mehr als die Hälfte ihrer Trauben mechanisch», so Potterat.

Kühle Ernte in der Nacht
Szenenwechsel. William Drayton ist Rebbergmanager beim Traditionserzeuger Beringer in Kalifornien. Über Regen zerbricht er sich nicht den Kopf, hier herrscht manchmal jahrelang Dürre. «Wir schätzen den Vollernter vor allem bei heissem Wetter», sagt er. Wieso das? «Tagsüber wird es in unseren Weinbergen bis zu 40 Grad warm. Damit die Trauben kühl und fest im Keller ankommen, ernten wir sie in der Nacht. Das geht per Maschine viel schneller, sicherer und sorgfältiger als von Hand.» Da lohnt sich auch das sechsstellige Sümmchen, welches so ein Hightech-Gerät kostet. Die Frage drängt sich auf: Hat der Mensch nun ausgedient? Sowohl Drayton als auch sein Berufskollege Potterat in Genf winken ab. «Es wird immer Parzellen geben, die nur für den Menschen zugänglich sind. Und für seine Spitzenweine nimmt jeder Winzer gerne die Rebschere in die Hand.»

Jedes zu seiner Zeit

Oft wird maschinelle Lese von Trauben mit minderwertigen Weinen in Verbindung gebracht. Die Handlese wird hingegen als Qualitätsmerkmal vieler Weine auf der Rücketikette speziell erwähnt. Diese Vorurteile lassen sich durch seriöse Degustation nicht bestätigen. Die Erntemethode hat im Vergleich zu Klima, Rebschnitt, Pflege des Rebbergs unter dem Jahr und dem Ausbau vom Wein im Keller einen sehr kleinen Effekt auf die Qualität des Weins.

Oft wird von Hand gelesen, weil eine maschinelle Lese nicht möglich ist aufgrund der Topografie oder weil die Maschinen zu teuer sind. Wichtiger für die Qualität des Traubenguts ist der Zeitpunkt der Lese. Grosse Rebberge werden zeitgenauer mit Maschinen gelesen, da grössere Flächen in kurzer Zeit geernet werden können. Nicht jeder von Hand gelesene Wein muss also zwangsläufig gut schmecken. 

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Regula Bättig

Redaktorin

Foto:
Getty Images, zVg
Veröffentlicht:
Montag 26.10.2015, 16:00 Uhr

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