Das Nasenhaar

Sie: Wir treffen uns mit alten Bekannten zum Abendessen in einem feinen Restaurant in Zürich. Unser Nachferien-Treffen, bei dem wir von den Sommerwochen schwärmen und alles noch mal nachwirken lassen. Schneider ist in Fahrt und tischt eine Anekdote nach der anderen auf. Während er wie ein Italiener gestikuliert und die anderen kichern, sticht mir ein kleines Detail ins Auge. Auf seiner Nase. Ein blondes Haar, das sich keck in den Himmel streckt und etwa acht Millimeter lang ist.

 
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Wann ist denn das gewachsen? Ist mir noch nie aufgefallen. Je nach Kopfbewegung schimmert es im Licht. Ich fixiere es. Dieses Haar stört das schöne Bild von meinem Schneider mit seinen blauen Augen, seiner Ferienbräune, seiner guten Laune. Dieses Dingsda passt nicht. Es muss weg. 

«

Das Haar stört das schöne Bild von meinem Schneider.»

Als Schneider eine Pause macht, deute ich auf meine Nase und sage: «Du hast da was.» Er greift irritiert an seine Nase. «Da, ein Haar», sage ich. Die anderen grinsen, Schneider nicht. «Wenn du willst, zupf ich es raus.» Ich spitze die Finger, greife hinüber, Schneider zuckt – zack – weg ist es. «So und jetzt erzähl doch mal von den Schlangen im See …», sage ich fröhlich und schnippe den haarigen Störfaktor untern Tisch. 

Er: Schreibers Tat wäre zum Haareraufen, hätte ich noch genügend davon auf dem Kopf. Wie kann sie mir mitten im Restaurant vor allen Leuten ein Haar auf der Nase ausreissen? Auf der Heimfahrt trällert Schreiber: «Lustiger Abend, habe mich prächtig amüsiert. Bloss, warum bist du so kühl zu mir?» «Ich sag ja auch nicht: Du, da hängt noch Salat in deinen Zahnzwischenräumen.» «Wär’ ich aber froh drum!» «Wenn ich allen Leuten vom Gemüse in deinem Gebiss …» «… vielleicht ein bisschen diskreter. Oder mit einer Handbewegung.»

«

Sie macht aus dem Haar eine Komiknummer.»

«Genau: diskret. Das hätte ich mir auch gewünscht. Aber du machst aus meinem Nasenhaar eine Komiknummer.» «Nun, gelacht haben alle.» «Ausser mir!» Sie kapiert es nicht! Und das ärgert mich so, dass ich noch einen drauflege: «Weisst du, was ich bei dir unmöglich finde? Kaum ist der letzte Bissen geschluckt, bestellst du beim Kellner Zahnstocher und befreist dich von Restessen.» «Aber doch hinter vorgehaltener Hand!» Dann klingt sie auf einmal versöhnlich. «Du hast recht! Das muss ich ändern.» Höre ich richtig? «Ich werde in Zukunft nach dem Essen unauffällig den Tisch verlassen. Am besten kommst du grad mit: Dann können wir uns beide renovieren.»

 (Coopzeitung Nr. 37/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 07.09.2015, 09:50 Uhr

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