Durch und durch Bio: das Puschlav, fotografiert von der Alp Grüm aus, mit Berninabahn.

Das Puschlav wird zum Bio-Tal

Eng ist es, das kleine Tal südlich des Berninapasses. Und nicht wirklich dicht bevölkert. Aber Bio-Bauern gibt es dort so viele wie sonst nirgendwo.

Reto Raselli produziert Kräuter für Ricola, Tees für Coop sowie essbare Blüten, die die Kunden gerne zur Dekoration der Menüs verwenden.

Reto Raselli produziert Kräuter für Ricola, Tees für Coop sowie essbare Blüten, die die Kunden gerne zur Dekoration der Menüs verwenden.
http://www.coopzeitung.ch/Das+Puschlav+wird+zum+Bio_Tal Reto Raselli produziert Kräuter für Ricola, Tees für Coop sowie essbare Blüten, die die Kunden gerne zur Dekoration der Menüs verwenden.

Man ist fast versucht, von «Dichtestress» zu reden: Landesweit sind rund zwölf Prozent der Bauernhöfe Bio-Betriebe (2014). Im Bergkanton Graubünden hingegen produzieren 58 Prozent der Bauern nach biologischen Richtlinien. «Das ist fantastisch», sagt Andi Schmid, Geschäftsführer von Bio Grischun, der Bündner Sektion von Bio Suisse. Weltweit einzigartig ist aber, was die Bauern des Puschlavs erreicht haben: Im italienischsprachigen Südtal Graubündens sind 96 Prozent der bebauten Landwirtschaftsfläche biozertifiziert. Und das sind beileibe nicht nur Weiden für die Viehhaltung. «Unsere knapp 100 Produzenten kommen aus allen Bereichen», sagt Cassiano Luminati, Präsident von «Regione Valposchiavo». Dazu gehören natürlich die Milchproduzenten, die Milch für den heimischen Bio-Käse produzieren, es sind aber auch Produzenten von Gemüse und Früchten, Fleisch, Getreide, Kräutern, Wein. «Wir können mit unseren Produkten ein ganzes Bio-Menü bestreiten», meint Luminati stolz – und beweist dies auch. Während der Expo in Mailand hat er mehrere Slow-Train-Events organisiert: Eine Bahnfahrt von Mailand nach Tirano, während der kulinarische Köstlichkeiten aus dem Puschlav serviert werden. Wobei er zugibt, dass die Kaffeebohnen nicht an den Südhängen des Puschlavs gereift sind. «Aber sonst ist alles ‹cento per cento Valposchiavo›», sagt Luminati.

Der Traum vom Bio-Tal

Die «Regione Valposchiavo» ist ein Regionalverband, der die Regionalwirtschaft des Puschlavs stärken will. Präsident Luminati hat einen Traum: das Bio-Tal Puschlav. Das heisst, er möchte am liebsten das ganze Tal biozertifizieren lassen. Das ist nicht ganz einfach, denn die Bio-Zertifizierung ist für Landwirtschaftsbetriebe und für Produkte möglich, nicht aber für ganze Talschaften. «So etwas ist völliges Neuland für uns», sagt Lukas Inderfurth, Leiter der Medienstelle von Bio Suisse. Dennoch mag er nicht ausschliessen, dass dies vielleicht einmal möglich sein werde. Bis dann wollen Luminati und seine «Regione Valposchiavo» im Puschlav weiterarbeiten, um ein anderes, näheres Ziel zu erreichen: 100 Prozent Bio. Alle landwirtschaftlichen Produkte, die aus dem Puschlav kommen, sollen biozertifiziert sein. «Dieses Ziel ist sicher realistisch», meint Luminati, «wir haben es ja fast schon erreicht.»

Das Ziel: «cento per cento»

Bis zum gänzlichen «cento per cento» fehlen noch ein paar Landwirte, die sich dem Bio-Fieber im Puschlav noch nicht angeschlossen haben. Es mangelt im Puschlav aber vor allem an der Weiterverarbeitung, denn wer ein Bio-Produkt verkaufen will, muss es auch nach Bio-Richtlinien verarbeiten. «Es gibt inzwischen einen Schlachthof und eine Metzgerei, die zertifiziert sind und Bio-Fleisch anbieten können», erklärt Luminati. Aber beim Getreide hapere es noch. Das Bio-Getreide aus dem Puschlav wird zum grossen Teil im Bergell gemahlen, und auch einen Bäcker, der die Vorgaben für die Bio-Verarbeitung erfüllt, konnte Luminati bis jetzt nicht finden. Damit er aber mit dem Slogan «100 % Bio Valposchiavo» werben kann, braucht er das, denn für diesen Regionalitätsanspruch muss wirklich alles im Puschlav passieren.

Zu guter Letzt gilt es auch, die Puschlaver selber davon zu überzeugen, damit sie die in ihrem Tal so toll biologisch erzeugten Produkte kaufen. «Den Vertrieb der vorhandenen Produkte müssen wir stark verbessern», sagt Luminati. Vor allem wolle er die Hoteliers und Wirte ins Boot holen, die sich bis jetzt diskret zurückgehalten hätten. Eine zentrale Anlaufstelle, die den Wirten alle regionalen Bio-Produkte liefert, soll mithelfen, dass sie vom Angebot profitieren können. «Auch wenn das Puschlav nicht so gross ist, weiss dennoch nicht jeder Wirt, welche Produkte er im eigenen Tal bekommt.»

«

Ich wollte nicht Heilpflanzen anbauen und sie mit Gift behandeln.»

Reto Raselli

Ein Tal im Bio-Fieber?

Fragt sich schliesslich, warum es das kleine Puschlav im Bio-Landbau so weit gebracht hat. Die begrenzte Grösse ist sicher ein Vorteil, meint Luminati. Die Zahl der Produzenten sei überschaubar, der soziale Druck mitzumachen, sei damit grösser. Kommt hinzu, dass die biologische Produktionsweise für das Puschlav nie Neuland war. Kräuterproduzent Reto Raselli, eine der treibenden Kräfte hinter dem Projekt «100 % Bio Valposchiavo», hat vor bald 30 Jahren mit dem Kräuteranbau angefangen. «Wir wollten damals mit einer Anbauweise arbeiten, die sorgsam mit der Natur umgeht – lange bevor es Bio als Konzept gab», sagt Raselli. Die Anbauweise habe sich damals praktisch aufgedrängt. «Ich wollte nicht Heilpflanzen anbauen und die dann mit Gift behandeln», sagt Raselli.

Ausserdem hätte er mit konventioneller Produktion auf dem Weltmarkt, der mit billigen Kräutern gesättigt ist, ohnehin keine Chance gehabt. Heute produziert Raselli pro Jahr etwa 40 Tonnen getrocknete Bio-Kräuter, die er je zur Hälfte an den Bonbon-Hersteller Ricola und als Tee an Coop liefert.
In seinen Teebeuteln, die er an seinem Standort in Le Prese herstellt, sind
jedenfalls tatsächlich «100 % Bio Valposchiavo» drin.

Hier finden Sie die Tat Nr. 173
Hier finden Sie alle Taten auf einen Blick

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.










Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Remo Nägeli, Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 18.01.2016, 17:00 Uhr

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?