Sie sucht ungewöhnliche Aufführungsorte: Deborah Marchetti auf dem Zürcher Friedhof Sihlfeld.

Deborah Marchetti: «Ich muss es einfach fliessen lassen»

Inspiriert Die Violinistin musiziert gerne in einer ungewöhnlichen Umgebung. Das kann durchaus auch ein Friedhof sein.

Sie hat in Basel, Paris und Wien studiert, und seit dem Solodebüt in der Zürcher Tonhalle ist sie international gefragt als Solistin und Kammermusikerin. Immer wieder sucht Deborah Marchetti (36) zudem nach akustischer Inspiration. So trafen wir die in Zug geborene Violonistin mit italienischen Wurzeln an einem speziellen Ort, dem Zürcher Friedhof Sihlfeld.

Was braucht es, damit Musik berauscht?
Mitmusiker und ein Publikum, die neugierig und offen sind, sowie einen Ort, der inspiriert. Das sind die Voraussetzungen dafür, dass ein Konzertabend berauschend werden kann.

Können Sie diesen Rausch beschreiben?
Ich würde ihn als Sternstunde bezeichnen, in der man ganz im Moment ist, alles andere vergisst und sich von der besonderen Energie in diesem Raum getragen fühlt.

Ist der Kontrollverlust, der damit einhergeht, in der klassischen Musik erlaubt?
Bevor ich ein Werk interpretiere, setze ich mich intensiv mit den Noten, dem Komponisten und seiner Zeit auseinander. So kriege ich es in den Kopf und in die Finger – und es wächst mir ans Herz. Wenn ich danach bereit bin, es bei einem Konzert mit den Leuten zu teilen, ist Kontrolle komplett fehl am Platz. Da muss ich es einfach fliessen lassen.

Welchen Einfluss haben die Orte, die Sie für Ihren Zyklus auswählen?
Es sind Räume, in denen üblicherweise keine klassischen Konzerte gespielt werden, ohne Bühne, die Distanz zwischen Musikern und Publikum schafft. Die Atmosphäre ist familiär, der Austausch unkompliziert. All das spricht auch viele Leute an, die nicht in die Tonhalle oder ins Opernhaus gehen würden.

Wie reagieren Ihre Gastmusiker auf das ungewohnte Ambiente?
Wenn sie etwa hören, dass wir in einer Autogarage auftreten, finden sie das zunächst interessant. Dann riechen sie das Motorenöl und finden eine Akustik vor, die es unmöglich macht, das Werk wie gewohnt aufzuführen. Sobald der erste Schrecken verdaut ist, wirkt dies für uns alle befreiend, weil Raum entsteht für neue Ideen.

Gab es dabei auch schon unangenehme Überraschungen?
Die Temperatur stellt uns immer wieder vor Herausforderungen. Die wertvollen, alten Instrumente sind empfindlich, und auch das Publikum möchte nicht frieren. Bei einem Konzert im August, das als Openair im alten botanischen Garten von Zürich geplant war, mussten wir die zweite Hälfte in den Glaspavillon hinein verlegen, weil der Unterschied zwischen den 15 Grad draussen und der warmen Luft, die der Musiker in die Klarinette hinein bläst, diese sonst zu sprengen gedroht hätte.

Werkzeug: Genau hinhören ist wichtig.

Werkzeug: Genau hinhören ist wichtig.
Werkzeug: Genau hinhören ist wichtig.

Wie ist «Musik im Rausch» entstanden?
Den Wunsch, etwas ausserhalb der Normen zu machen, trug ich seit meiner traditionellen Ausbildung an den Klassikschmieden von Wien und Paris mit mir herum. Als ich vor vier Jahren nach Zürich zurückkehrte, spazierte ich spontan in den «Plaza»-Club hinein und fragte den Geschäftsführer, ob er sich dort auch ein klassisches Konzert vorstellen könnte. Und er hatte keine Berührungsängste.

Wie finanziert sich die Reihe?
Da die Eintrittspreise kein Hindernis für einen Besuch der Konzerte sein sollen, muss ich immer wieder Sponsoren gewinnen oder Kulturfördermittel bei öffentlichen Institutionen beantragen. Kürzlich habe ich mit dem Members Club auch einen Gönnerverein gegründet. Reich werde ich mit «Musik im Rausch» auf keinen Fall.

Wie gut können Sie von der Musik leben?
Ich habe verschiedene weitere Standbeine, bin aber nirgendwo fest engagiert. Ich trete auf der ganzen Welt als Solistin auf, bilde mit anderen Instrumentalisten Kammermusik-Formationen und bin zum zweiten Mal Teil eines Projekts der Tonhalle und der Zürcher Musikschule MKZ, das Kinder für klassische Musik begeistern soll.

Schon der Urgrossvater in Italien spielte Geige.

Schon der Urgrossvater in Italien spielte Geige.
Schon der Urgrossvater in Italien spielte Geige.

Wie ist Ihr Feuer einst entfacht worden?
Wir waren mit der Familie in den Sommerferien immer in Südfrankreich, wo eine Zigeunerband mit Geige, Zymbal, Kontrabass und Klarinette so schnell und lässig aufspielte, dass der Wunsch wuchs, selbst so musizieren zu können.

Hat Sie der Drill, der zum Violin-Studium gehört, nicht abgeschreckt?
Nein, du musst in jedem Beruf durch eine harte Schule gehen, wenn du etwas erreichen willst. Du wirst mit Zweifeln und Versagensängsten konfrontiert, aber es bringt dich auch weiter, wenn du dich deinen inneren Dämonen stellst.

Welche musikalischen Einflüsse waren für Sie am wichtigsten?
Am nächsten liegt mir Wien, wo ich eine super Zeit hatte und mein Studium abgeschlossen habe. Ich liebe den morbiden Charme der Stadt, den «Schmäh» der Leute. Und der Stellenwert der Kunst ist viel höher als andernorts. Der Herr Burgschauspieler ist ein Star und wenn du sagst, du seist Violinistin, fragt keiner: «Und davon können Sie leben?»

Apropos morbid: Wie kamen Sie auf das alte Krematorium Sihlfeld als Spielort für Ihre Konzertreihe?
Ich wohne in diesem Quartier und hatte schon früher dort eine Freundin. Wenn ich sie besuchte, musste ich den ehemaligen Friedhof und heutigen Park durchqueren, in jeder Jahreszeit. Von daher kannte ich auch den Abdankungsraum, der mit seiner grossen Kuppel sehr imposant und akustisch interessant ist.

Welches Verhältnis haben Sie zum Tod?
So abgedroschen das klingen mag: Der Tod gehört zu unserem Leben dazu. Ich finde es schade, dass er in unseren Breiten eher verdrängt als akzeptiert und integriert wird. Es ist viel schöner, wenn – wie in Mexiko  – die Hinterbliebenen zu Ehren des Verstorbenen eine Party feiern.

Vier Daten im Leben von Deborah Marchetti

1990 Vom Grossen Mythen blickte ich zum ersten Mal auf ein Nebelmeer.
2006 Ich wollte einen Bogen kaufen und stiess auf meine Ruggeri-Geige von 1652.
2011 Nach dem Studium nahm ich eine halbjährige Auszeit in Kalabrien.
2016 Nächstes Konzert der Reihe «Musik im Rausch» am 22. April in Zürich.

«Musik im Rausch» im alten Botanischen Garten Zürich

Weitere Infos zu «Musik im Rausch»
Zur Homepage von Deborah Marchetti »

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Markus Lamprecht
Veröffentlicht:
Donnerstag 14.04.2016, 16:00 Uhr

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