Von Tradition geprägt: Dechen Shak-Dagsay.

Dechen Shak-Dagsay: «Den Blick mehr nach innen wenden»

Grenzgängerin Ihre Musik macht die buddhistische Tradition Tibets für westlich geprägte Ohren eingängig. Sogar bei gestandenen Rockern.

Sie verbindet tibetische Mantras mit Popmusik und wurde 2009  durch das Projekt «Beyond» mit Tina Turner und Regula Curti international bekannt: Das Trio vertonte auf nunmehr drei Alben christliche und buddhistische Gebete. Nun hat Dechen Shak-Dagsay (55) wieder eine Solo-CD gemacht – es ist ihr achtes Album.

Ihre Musik besänftigt selbst «schwierige» Stars wie Lou Reed – wie erlebten Sie ihn?
Ich durfte 2012 beim alljährlichen Benefizkonzert für Tibet in der New Yorker Carnegie Hall mitwirken. Die meisten Künstler, darunter Laurie Anderson und Initiant Philip Glass, probten gemeinsam. Dann hiess es, alle müssten den Saal verlassen, Lou Reed wäre nun an der Reihe. Als ich am Abend nach meinem Auftritt von der Bühne kam, ging er auf mich zu und sagte: «Sie haben exquisit gesungen. Die Carnegie Hall ist der richtige Ort für Sie.» Ein riesiges Kompliment aus seinem Mund!

Was hat man sich unter den Mantras vorzustellen, die Sie singen?
Es sind uralte Heilsilben, die im Buddhismus rezitiert werden. Wir sind überzeugt, dass sie einen unmittelbaren positiven Einfluss auf unseren Geist
haben. Sie helfen uns, gelassener zu werden und den Blick mehr nach innen statt zu sehr nach aussen zu wenden.

Kreieren Sie auch neue Mantras?
Nein, es gibt so viele, dass man immer wieder neue für sich entdecken kann. Spannend ist, dass man die Bedeutung der Silben gar nicht kennen muss, um ihren positiven Effekt spüren zu können. Sogar Tiere reagieren darauf!

«Ich liebe die herzigen Tonfiguren, die meine jüngste Schwester Dega kreiert hat.»

«Ich liebe die herzigen Tonfiguren, die meine jüngste Schwester Dega kreiert hat.»
«Ich liebe die herzigen Tonfiguren, die meine jüngste Schwester Dega kreiert hat.»

Ist die Vertonung etwas Ungewöhnliches?
Nein, schon in den tibetischen Klöstern wurde gesungen, da einfache Gläubige beim stundenlangen Beten oft eingeschlafen sind. Wenn sie jedoch Mantras mit einer Melodie hatten, liessen sie sich davon mitreissen und blieben wach. Neu ist, dass ich den Gesang von westlichen Musikinstrumenten begleiten lasse. Mein Vater ermunterte mich dazu, als er vor 15 Jahren ein Buch über Meditation im tibetischen Buddhismus schrieb.

Mit welcher Musik sind Sie selbst denn aufgewachsen?
Meine Mutter war als junge Frau in der tibetischen Volksmusik engagiert, und ich wurde im traditionellen tibetischen Volkstanz unterrichtet. Bei Schulkameraden lernte ich aber auch die Beatles, Simon & Garfunkel oder Tina Turner kennen: Zu ihrem «Notbush City Limits» habe ich gerne getanzt und mich dabei auch zum ersten Mal verliebt. Da ich immer wieder zwischen beiden Welten wechselte, konnte ich später eine Symbiose schaffen, die sogar bei Chris von Rohr Anklang gefunden hat …

Woher wissen Sie das?
Ich entdeckte ihn 2004 bei einem Auftritt in der Zürcher Kirche St. Peter im Publikum. Das war zu der Zeit, als er bei «MusicStar» zeigte, wie gemein er sein konnte ... Die Kandidaten taten mir unheimlich leid! Ich war überzeugt, dass Chris sich in das Konzert verirrt haben musste. Anschliessend kam er zu mir und sagte, wie ihn meine Musik berührt habe. Seither ist er für mich ein Freund und Ratgeber.


«

Bei ‹Notbush City Limits› habe ich mich zumersten Mal verliebt.»

«Die Mala-Kette von meiner Mutter trage ich oft an meinen Konzerten als Glücksbringer.»

«Die Mala-Kette von meiner Mutter trage ich oft an meinen Konzerten als Glücksbringer.»
«Die Mala-Kette von meiner Mutter trage ich oft an meinen Konzerten als Glücksbringer.»

Dass Ihr Album «Day Tomorrow» mehr Temperament hat, ist sein Verdienst?
Nein, das liegt in erster Linie an meinem Produzenten Helge van Dyk, der nach meiner letzten Solo-CD «Jewel» fand, aus meiner Stimme sei noch mehr herauszuholen. Und natürlich hat auch die Zusammenarbeit mit Tina Turner Spuren hinterlassen. Sie ermunterte mich, mehr auf die Kraft der Stimme zu setzen.

Wie kam es zu Ihrem gemeinsamen Projekt «Beyond»?
Regula Curti hatte meine Musik in ihren Yoga-Stunden verwendet und glaubte, ich lebte irgendwo im Himalaja. Als sie erfuhr, dass ich auf der anderen Seite des Zürichsees wohne, nahm sie mit mir Kontakt auf. Kurz darauf wurde ich von angehenden Benediktinermönchen des Klosters Einsiedeln, die gerne meine CDs hörten, für ein Konzert angefragt. Als die Fügung es wollte, dass sich Regula und Martin Werlens Medienverantwortliche von früher kannten, entwickelte sich daraus die Idee für eine interreligiöse Begegnung zwischen dem Abt und dem Dalai Lama, die wir tatsächlich arrangieren konnten.

Welche Erinnerungen verknüpfen Sie damit?
Bei dieser Gelegenheit vor seiner Heiligkeit auftreten zu dürfen, war eine grosse Ehre für mich und hat mir viel Selbstvertrauen gegeben, denn ich habe zwar vorher schon gerne gesungen, aber mir nicht zugetraut, dass daraus wirklich eine Musikkarriere entstehen könnte. Ich wagte nicht einmal davon zu träumen. Da Regula mit Tina befreundet ist, entstanden daraus schliesslich drei Beyond-Alben, aus deren Verkauf wir unter anderem Hilfsprojekte in Tibet unterstützen.


«Die gesegnete Glücksschleife, bekam ich 2005 vom Dalai Lama, als ich für ihn singen durfte.»

«Die gesegnete Glücksschleife, bekam ich 2005 vom Dalai Lama, als ich für ihn singen durfte.»
«Die gesegnete Glücksschleife, bekam ich 2005 vom Dalai Lama, als ich für ihn singen durfte.»

Diese Woche begehen die Tibeter das Saka-Dawa-Fest – welche Bedeutung hat das für Sie?
Die vierwöchige Zeremonie zum Geburtstag von Buddha Shakyamuni hat ihren Höhepunkt am Vollmondtag des vierten Monats, der in diesem Jahr auf den 2. Juni fällt. Meine Grossmutter hat mich immer angerufen, um mich daran zu erinnern, dass ich in dieser Zeit möglichst viele gute Taten vollbringen und kein Fleisch essen sollte.

Haben Sie schon gute Vorsätze gefasst?
Als meine Eltern aus Tibet flüchteten, kamen sie zuerst nach Nepal, bevor sie später in der Schweiz Aufnahme fanden. Da ich dort geboren bin, hat mich jetzt das Erdbeben besonders betroffen gemacht. Ich werde deshalb den Erlös der Downloads des Lieds «Everest (Qomolangma)» für die Opfer dieser Katastrophe spenden.

Vier Daten im Leben von Dechen Shak-Dagsay

1963 Ihre Familie, die nach dem Tibetaufstand auf der Flucht ist, findet Asyl in der Schweiz.

1981 Nach dem KV heiratet sie den Naturheilpraktiker Kalsang Shak. Sie haben zwei Töchter.

1999 Auf Anregung ihres Vaters Dagsay Rinpoche entsteht die erste CD mit vertonten Mantras.

2015 Mit ihrem modernen World-Music-Album «Day Tomorrow» möchte sie neue Fans gewinnen.

Nächste Konzerte:

Freitag, 5. Juni 2015, 19.30 Uhr, Tonhalle St. Gallen

Freitag 14. August 2015, 21.30, Hotel Restaurant Blausee BE

Weitere Termine auf der Website von Dechen Shak-Dagsay »

Dechen Shak-Dagsay über ihr neues Album «Day Tomorrow»

«Die Botschaft dieses Albums ist kultur- und religionsübergreifend und geht uns alle an. Es geht um das Thema Nachhaltigkeit. Wie wir diesen Planeten, das Zuhause von fast 7 Milliarden Menschen schützen und erhalten …
Anders als alle bisherigen Alben ist die Musik sehr dynamisch und modern  und stellenweise geradezu gewagt und unkonventionell um Aufmerksamkeit zu erwecken und eine zentrale Botschaft für die Welt zu transportieren. Denn gemäss der tibetischen Lebensphilosophie sind wir selber Schöpfer unseres eigenen Karma und sind deshalb auch verantwortlich für den Schutz und Erhaltung unseres Planeten und die sorgfältige Nutzung der uns geschenkten Ressourcen dieser Erde. Wir können alle einen wesentlich Teil dazu beitragen, indem wir uns bemühen Genügsamkeit und Zufriedenheit im Herzen zu kultivieren.»

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Raja Läubli, zVg
Veröffentlicht:
Montag 01.06.2015, 19:40 Uhr

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