Chantal ist der Kevin unter den Mädchennamen, Noah und Mia dagegen sind die beliebtesten Vornamen überhaupt.

Dein Name sei …

Um die 85 000 Kinder kommen in der Schweiz jedes Jahr zur Welt und wollen benamst werden. Die Eltern haben die Qual der Wahl. Denn es ist ein Entscheid fürs Leben. Meistens jedenfalls.

84 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer gefällt ihr Vorname, weitere 13 Prozent haben sich damit abgefunden. Dies ergab eine repräsentative Umfrage der Coopzeitung. Nur gerade 2 Prozent, also jede/r Fünfzigste, würden ihren Vornamen am liebsten ändern. Zur letzten Gruppe gehört Sofia Maurer (56), beziehungsweise gehörte Sofia Maurer. Sie hat den Schritt gewagt. Als sie Anfang der Sechzigerjahre zur Welt kam, liessen ihre Eltern sie auf den Namen Heidi taufen – ein Name, der in der Schweiz dank Johanna Spyris gleichnamigem Buch durchaus positiv belegt ist. Sollte man meinen. Doch unsere Heidi machte andere Erfahrungen. «Meine Mitschüler haben mich dauernd gehänselt», erinnert sie sich, «das machte mir sehr zu schaffen.»

«Es braucht sehr viel Mut»

Sofia Maurer mit der amtlichen Bestätigung ihres Namenswechsels.

Sofia Maurer mit der amtlichen Bestätigung ihres Namenswechsels.
http://www.coopzeitung.ch/Dein+Name+sei+_ Sofia Maurer mit der amtlichen Bestätigung ihres Namenswechsels.

Mit zwanzig unternahm sie einen ersten Versuch, künftig als Sofia durchs Leben zu gehen. «Doch damals litt ich an schrecklichen Minderwertigkeitskomplexen.» Von ihren Mitmenschen konsequent zu fordern, sie mit dem Namen ihrer Träume anzusprechen, das traute sie sich nicht.

Der Versuch scheiterte, das Leiden ging weiter. Bis 2008. Da wagte sie es ein zweites Mal. «In der Zwischenzeit hatte ich dank Jesus Christus einen Prozess der inneren Heilung durchlaufen», erzählt sie, «meine geknickte Seele war wiederhergestellt worden.» Der erneute Versuch des Namenswechsels sei ein symbolischer Abschluss dieser Heilung gewesen.
Auch mit 46 Jahren habe es noch sehr viel Mut gebraucht einfach hinzustehen und allen zu sagen: «Ich heisse jetzt Sofia.» Doch diesmal war das Echo durchaus positiv. Negative Reaktionen – «du spinnst!» – und Leute, die sich bis heute weigern, ihren Wunsch zu respektieren, gab es nur sehr wenige. Ex-Heidis Bilanz: «Der Namenswechsel war ein weiser Entscheid.» Diese Einschätzung widerspiegelt sich auch in ihrer Namenswahl: Sofia = griechisch für Weisheit.

Doch damit ein Namenswechsel auch amtlich gültig ist, muss er von der zuständigen Behörde genehmigt werden. Im Fall von Heidi Thommen war dies die Zivilrechtsverwaltung ihres Wohnkantons Basel-Landschaft. Hier musste sie ein schriftliches Gesuch mit ausführlicher Begründung einreichen. 140 solcher Begehren gingen bei der Amtsstelle im letzten Jahr ein. Hochgerechnet auf die Schweiz – eine einheitliche Statistik fehlt – dürften es um 4000 gewesen sein.

«

Der Namenswechsel war ein weiser Entscheid.»

Sofia Maurer

Maximal fünf Vornamen

«Liegen achtenswerte Gründe vor und sind diese nicht offensichtlich rechts- oder sittenwidrig, entsprechen wir dem Ersuchen», sagt Stellenleiterin Carmen Brun. In 80 bis 90 Prozent ist dies der Fall. Häufige Gründe: Der/die Betreffende benützt den gewünschten Namen schon seit Jahren, die Person wechselt ihr Geschlecht, oder die Person hat mehrere Vornamen. Früher wurde im letzten Fall der Rufname im Pass unterstrichen – seit der Registerharmonisierung 2007 geht das nicht mehr, nun registrieren Amtsstellen, Bankinstitute oder Versicherungen stets den ersten Vornamen. Die Zahl der Vornamen ist übrigens auf fünf begrenzt: «Mehr können wir im Register gar nicht eintragen.» Das Verfahren kostet im Kanton Basel-Landschaft 500 bis 2000 Franken, je nach Aufwand, dazu kommen die Gebühren für die Änderung der amtlichen Dokumente (Pass, Fahrausweis usw.).

Zurück zu Sofia Maurer geb. Heidi Thommen. Eigentlich haben ihre Eltern bei der Namenswahl alles richtig gemacht: Der Vorname war nicht in Verruf, er war zu Beginn der Sechziger ein häufiger, aber kein Modename, und er kann kaum verhunzt werden. Dass Heidi Thommens Umfeld die Namensträgerin deswegen mobbte und ihr dies derart zu Herzen ging, war nicht der Fehler der Eltern.


«Vieles muss beachtet werden»

Katrin, Marius, Matthias und Raffael Röthlisberger sind mit ihrer Namenswahl zufrieden.

Katrin, Marius, Matthias und Raffael Röthlisberger sind mit ihrer Namenswahl zufrieden.
http://www.coopzeitung.ch/Dein+Name+sei+_ Katrin, Marius, Matthias und Raffael Röthlisberger sind mit ihrer Namenswahl zufrieden.

Dennoch, vielen werdenden Müttern und Vätern bereitet die Wahl des Vornamens für ihr Kind Kopfzerbrechen. Kein Wunder, die Auswahl war noch nie so gross wie heute. Zwei, die sich schon zweimal entscheiden mussten, sind Karin und Matthias Röthlisberger aus Aadorf TG. Vor wenigen Monaten kam nach Raffael (2) ihr zweiter Sohn zur Welt: Marius Aaron. Eine ellenlange Namensliste oder Post-it-Zettelchen mit Vornamen am Kühlschrank habe es bei ihnen nicht gegeben, sagt Vater Matthias (39). Die Entscheidung sei während einer Autofahrt gefallen. Den Vorschlag machte Mutter Karin (39). «Ich hatte mal einen Marius in einer Klasse», erzählt die Lehrerin. «Ein bisschen ein Schlawiner zwar, aber ein lässiger Bub.» Und Matthias hatte einen Arbeitskollegen namens Aaron, «einen Flotten», wie er sagt. So war die Sache beschlossen.

«

Die Bedeutung des Namens ist mir auch wichtig.»

Karin Röthlisberger, Mutter

Obwohl sie nicht zu den Zögerlichen gehörten, bei der Namenswahl müsse doch vieles beachtet werden, sagt Karin. Einen längeren als dreisilbigen Namen in Kombination mit dem Nachnamen Röthlisberger schloss sie aus; Ben hätte ihr noch gefallen, doch einen Top-10-Namen wollte sie nicht; die Initialen müsse man im Auge behalten: Mit WC oder BH sei ein Kind sein Leben lang bestraft; und die Bedeutung des Namens sei ihr auch wichtig: Marius heisst «der mit Liebe Gesättigte», Aaron «der Erleuchtete» – dass Marius auch vom Kriegsgott Mars herrühren könnte, wischt sie lächelnd zur Seite. Auch einen Mädchennamen hatten die beiden in petto. Doch den wollen sie nicht verraten – «man weiss ja nie», sagt Karin.

Alle dreschen auf Kevin ein

Es ist zum Schreien: 1991 war Kevin noch die Nummer eins der Namenshitparade. Heute erntet er nur noch Spott.

Es ist zum Schreien: 1991 war Kevin noch die Nummer eins der Namenshitparade. Heute erntet er nur noch Spott.
http://www.coopzeitung.ch/Dein+Name+sei+_ Es ist zum Schreien: 1991 war Kevin noch die Nummer eins der Namenshitparade. Heute erntet er nur noch Spott.

Vornamen sind der Mode unterworfen. Mia, Emma und Emilia waren 2016 in der Deutschschweiz die meistgewählten Mädchennamen, bei den Knaben waren es Noah, Leon und Luca. Generell seien zweisilbige Namen beliebt, sagt Namensforscherin Simone Berchtold Schiestl (45) von der Uni Zürich, die Bedeutung des Namens sei dagegen für die Wahl nebensächlich.

Aber, was heute in ist, kann in zwanzig oder dreissig Jahren als Zumutung empfunden werden. Zum Beispiel: Kevin. 1990 tanzte Kevin Costner mit dem Wolf und Kevin war allein zu Haus. Ein Jahr später stand der Name in der Deutschschweizer Vornamenshitparade ganz oben: 809 Knaben wurden so benamst. Doch dann gings bergab. Eine Umfrage der Uni Oldenburg bei Lehrerinnen und Lehrern hat ergeben, dass diese Schüler mit Namen Kevin mit «Leistungsschwäche und Verhaltensauffälligkeit» assoziieren; tatsächlich steigt die Kevin-Häufigkeit mit der Bildungsferne der Eltern. Und die Online-Partnervermittlung eDarling meldet aus der Schweiz, dass Kevins am seltensten angeklickt werden, nämlich 33 Prozent weniger als der Durchschnitt. Nicht genug damit, auch die Betroffenen selber denken schlecht über sich: Nutzer mit Namen Kevin schätzen ihre Intelligenz und ihr Einkommen unter allen 183 untersuchten Namen am tiefsten ein.

Die genannten Phänomene haben einen Namen: Kevinismus. Auch Chantals, Samanthas oder Jasons leiden darunter. An der Spitze der Tabelle dürfen sich dagegen Mia, Sara und Julia sowie Gian, Luca und Tim über überdurchschnittlich viele Klicks freuen.


Er hats gut: Tim geniesst zurzeit viel Sympathie.

Wissenswertes rund um die Namensgebung

Die Geburt eines Kindes muss, samt Vorname(n), innert drei Tagen beim Zivilstandsamt gemeldet werden; erst mit der Beurkundung der Geburt bekommt das Kind eine Rechtspersönlichkeit. In der Regel übernimmt dies das Spital, das Geburtshaus oder die Hebamme, verantwortlich sind aber die Eltern. Verpassen sie den Termin, droht eine Busse.

Nie war die Auswahl an Vornamen grösser als heute. In der Schweiz kamen 2016 43 000 Mädchen und 45 000 Knaben zur Welt, für beide Geschlechter wurden je über 1000 Vornamen mehr als dreimal vergeben: von A wie Aaliyah und Aaron bis Z wie Zuzanna und Zacharias. Rund ein Prozent der Kinder erhielt die beiden beliebtesten Namen Mia (488 Mal) und Noah (477 Mal).

Eltern sind in der Namenswahl grundsätzlich frei, aber … :

  • Verboten sind Vornamen, die die Interessen des Kindes offensichtlich verletzen (Satan, Penis, J. oder 08/15).
  • Originalität ist nicht zwingend (Speedy Gonzales, Marihuana, Calimero, Pfefferminza, Hasi, Hulk).
  • Vorsicht mit Verniedlichungen und abgekürzten Namen – Liseli, Gabi, Vreni und Heidi heissen auch mit 50 noch so, Bubi bleibt Bubi.
  • Abkürzungen von Namen – Dänu, Pit, Johnny, Bobo – kommen automatisch, müssen also nicht zivilstandsamtlich vorgegeben sein.
  • Eine übliche Schreibweise erleichtert das Leben (Roger, nicht Roschee).
  • Ein Kind mit langem Nachnamen hat einen kurzen Vornamen verdient (also nicht Christopher-Emanuel Bernhardsgrütter).
  • Vor- und Nachnamen sollten irgendwie zueinander passen, sonst ist Spott vorprogrammiert (Barack Huber, Trevor Schneeberger).
  • Kurze Namen werden in der Regel weniger verhunzt. ○Links: Sofia Maurer mit der amtlichen Bestätigung ihres Namenswechsels. Rechts: Karin, Marius, Matthias und Raffael Röthlisberger sind mit ihrer Namenswahl zufrieden.

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Getty Images, Luzian Hunziker, Christof Sonderegger
Veröffentlicht:
Montag 11.06.2018, 09:56 Uhr

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