Die Rebberge sind seine Welt: Patrice Walpen oberhalb von Sion.

Dem Ruf der Heimat gefolgt

Manch ein Walliser bestellt im Restaurant nicht «einen Fendant», sondern gleich «einen Dame de Sion». Wir haben den Produzenten dieses Klassikers besucht.

Fünf Fussminuten vom Bahnhof Sion entfernt, steht das Aushängeschild von Les Fils de Charles Favre: die Vinothek. Hier begrüsst uns Patrice Walpen, seit 2005 Direktor des Traditionsunternehmens. Und schnell wird klar: Das hier ist weit mehr als nur eine Vinothek. «Unter und hinter dem Eingangsbereich befinden sich unsere Produktionseinrichtungen, die Abfüllanlage, die Lagerkeller, Büroräume und die Spedition», erklärt Walpen. Was sich da dem Betrachter beim Rundgang durch dieses Labyrinth präsentiert, ist eindrücklich: Treppen, Korridore, Türen, Stahltanks, Fässer, Harassen, Flaschen, eine Schatzkammer mit alten Weinen und ein Carnotzet – ein rustikaler Degustationsraum, typisch walliserisch. Hier, mitten in Sion, werden seit der Firmengründung im Jahr 1944 rund 50 Weine produziert. «Einzige Ausnahme ist die Spitzenlinie ‹Collection F›, deren Weine im Weingebiet Montorge oberhalb der Stadt gekeltert werden», erklärt Walpen.

Die Kellerei beschäftigt 35 Mitarbeiter und feiert dieses Jahr ihr 70-jähriges Bestehen. Sie besitzt 15 Hektar eigene Reben an besten Terrassenlagen rund um Sion, beispielsweise am Fuss der Burg Tourbillon oder in den Gebieten Gravelone und Montorge. Dazu liefern rund 500 Weinbauern ihre Trauben an Walpen. Insgesamt produziert der Familienbetrieb pro Jahr rund eine Million Flaschen Wein aus Traubengut von gegen 100 Hektaren. Aushängeschilder sind die Weine der «Hurlevent-Linie» und vor allem der Fendant «Dame de Sion». Letzterer erhielt seinen Namen von Hanny Favre († 2006), der Önologin und Frau eines der Firmengründer. Und noch heute bestellen viele Leute im Wallis nicht einfach «einen Fendant», sondern «einen Dame de Sion». Kontinuität zeigt sich auch in der Firmengeschichte: 1944 gründeten die drei Brüder René-Pierre, Benjamin und Charly (Söhne von Charles Favre) das Familienunternehmen. 1960 nahm Hanny Favre, die Witwe von René-Pierre die Zügel in die Hand, 1964 wurde der Betrieb in eine AG umgewandelt, Hanny Favre amtierte als Präsidentin. 1975 übernahm ihr Sohn Jean-Pierre die Direktion. 2006 starb Hanny Favre, 2010 Jean-Pierre. Dessen Witwe Micheline ist heute Präsidentin des Verwaltungsrates. «Die langjährigen Mitarbeiter gehören zu unserem grössten Kapital», sagt Patrice Walpen. So ist beispielsweise der heutige Kellermeister Jean-Eduard Liand seit 1974 dabei, sein Vorgänger arbeitete, wie auch der Chefbuchhalter, fünfzig Jahre für die Favres.

Kellermeister Jean-Eduard Liand (rechts) ist seit seiner Lehrzeit 1974 im Betrieb.

Kellermeister Jean-Eduard Liand (rechts) ist seit seiner Lehrzeit 1974 im Betrieb.
Kellermeister Jean-Eduard Liand (rechts) ist seit seiner Lehrzeit 1974 im Betrieb.

Die Liebe zum Wein hat Patrice Walpen im kleinen Weinberg seiner Eltern entdeckt, wo er schon als kleiner Junge dem Vater helfen konnte. «Ich durfte immer auch einen Schluck probieren, schaute und hörte meinem Vater gut zu und erhielt so meine erste Ausbildung in Sachen Wein», erinnert er sich. Nach der Schulzeit absolvierte Walpen eine kaufmännische Lehre, später in der Deutschschweiz eine Marketingausbildung. Dann arbeitete er für das Walliser Weinunternehmen Jacques Germanier und war für dieses elf Jahre in Südafrika tätig. «Das war eine spannende und tolle Zeit. Beim Aufbau der Kellerei in Paarl konnte ich meine Erfahrungen einbringen und meine Weinkenntnisse vertiefen», blickt er zurück. Dem Ruf, als Direktor nach Sion zurückzukehren, konnte er dann 2005 nicht widerstehen. Nicht zuletzt auch der Einschulung und Ausbildung der Kinder wegen. Mittlerweile zählt die Familie fünf Mitglieder und wohnt einige Autominuten von seinem Arbeitsplatz entfernt. Neben dem Wohnhaus hat der begeisterte Hobbykoch für sich anstelle eines Swimming Pools eine helle Sommerküche bauen lassen. «Dort koche und grilliere ich von Frühling bis Spätherbst am liebsten für meine Familie und gute Freunde», verrät er. Und freut sich schon aufs nächste saftige Entrecôte vom Eringer Rind, mit einem Glas seines Merlots. «Ich koche zwar gerne, aber nicht kompliziert. Einfach muss sein, was auf den Tisch kommt.» Aber sowohl bei den Speisen wie beim Wein sei ihm die Qualität am wichtigsten. Freude am Leben, am Essen und Trinken und «die angenehmen Seiten des Lebens mit anderen Menschen zu teilen», sind für ihn denn auch selbstverständlich. Spass und Erholung findet er in seiner Freizeit auf dem Rennvelo oder als Torhüter der Fussball-Nationalmannschaft der Schweizer Winzer.

Patrice Walpen

Geburtsdatum: 26. Juni 1972
Beruf: Seit 2005 Direktor von Les Fils de Charles Favre in Sion
Laufbahn: Aufgewachsen in Bramois VS. Schulen und kaufmännische Lehre im Wallis. Verschiedene Stellen und Marketingausbildung in der Deutschschweiz, danach tätig für das Weinhaus Jacques Germanier, davon elf Jahre in Südafrika.
Philosophie: «Die Reben und der Wein sind für mich ein immerwährendes Fest der Natur. Mein voller Respekt gebührt deshalb dem Produkt und den Menschen, die dahinterstehen.»
Freut sich: Auf den kommenden Herbst und die nächste Degustation im Barriquekeller. «Und 2013 kauften wir die Domaine de Molignon, haben dort Merlottrauben gepflanzt und sind schon heute auf die daraus entstehenden Weine gespannt.»

Weitere Informationen auf der Internetseite von «Fils de Charles Favre»

Bei Wein eine persönliche Angelegenheit

Jan Schwarzenbach, Önologe

Jan Schwarzenbach, Önologe
Jan Schwarzenbach, Önologe

Preis-Leistung ist beim Wein sehr viel schwieriger zu definieren als in an-deren Produktkategorien wie etwa Smartphones. Dort zählen technische Daten wie Displaygrösse, Betriebssystem oder Akkuleistung. Messbare Produktdaten beim Wein – Flaschenvolumen, Alkoholgehalt, Säure oder Verschlussart – geben wenig oder keinen Aufschluss über seinen Geschmack. Ein Wein hat ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis, wenn er besser schmeckt als andere Weine der gleichen Preisklasse. Um zu sagen, ob Pinot Noir A komplexer ist, finessenreicher, dichter oder einem einfach besser schmeckt als Pinot Noir B, braucht es eine gewisse Erfahrung. Deshalb ist eine gute Preis-Leistung beim Wein oft Geschmackssache und hängt vom Erfahrungsgrad des Verkosters ab.

Mehr zum Thema Wein auf der Weinplattform Mondovino.ch

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John Wittwer

Redaktor

Foto:
Charly Rappo/Arkive.ch
Veröffentlicht:
Montag 14.07.2014, 16:03 Uhr

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