Küng ist King: In Wengen hat sich Titelverteidiger Patrick Küng Zeit genommen für ein Fotoshooting mit der Coopzeitung, hier in der Lobby des Hotels Belvédère.

Der Abfahrer

Am Vortag der abgesagten Lauberhornabfahrt trafen wir Abfahrer Patrick Küng zum Interview. Schnell Ski fahren, sagt er, sei eine Frage des Instinkts.

Patrick Küng sitzt gerade auf dem Hometrainer, als wir am späteren Nachmittag im Hotel Belvédère in Wengen eintreffen. 20 Minuten auslaufen stehen auf seinem Programm. Keine Trainingseinheit mit hoher Intensität, sondern eine, welche die Muskeln lockert. Küng wirkt entspannt und nimmt sich sogar Zeit, seinen Hometrainer so in Position zu bringen, dass im Hintergrund andere Athleten zu sehen sind – unter anderem Justin Murisier, der spätere Sieger des Kombinations-Slaloms. Der witzelt: «Damit du wenigstens einen schönen Hintergrund hast.»
Die Stimmung ist locker. Nach dem Auslaufen setzen sich Küng und sein Trainer Simon Rothenbühler zusammen für die Videoanalyse. Küngs letzte Trainingsfahrt wird am Laptop beurteilt. Rothenbühler, der seit bald zehn Jahren mit Küng zusammenarbeitet, erklärt, wo sich der Speedspezialist seiner Meinung nach zu weit hat raustragen lassen, wo er zu früh die Abfahrtsposition verliess, wo er welches Tor anders anfahren soll. Patrick Küng, der Weltmeister von Vail/Beaver Creek 2015, pflichtet bei, widerspricht manchmal, weil es auf der Piste nicht anders ging, einigt sich mit Rothenbühler, die Linie im Rennen leicht anders zu wählen. Es ist die Suche nach der idealen, nach der schnellsten Linie.

Muskeln lockern nach dem Training: Patrick Küng auf dem Hometrainer.

Muskeln lockern nach dem Training: Patrick Küng auf dem Hometrainer.
http://www.coopzeitung.ch/Der+Abfahrer Muskeln lockern nach dem Training: Patrick Küng auf dem Hometrainer.

Patrick Küng, kann man bei diesen Tempi immer so exakt fahren, wie man es am Vorabend mit dem Trainer besprochen hat?
Die richtige Linienwahl ist immer ein Kompromiss. Man kann die Linie anderer Fahrer nicht kopieren, auch wenn sie perfekt erscheint. Vielmehr muss man dem eigenen Instinkt folgen und den Ski fahren lassen.

Ihr besichtigt die Strecke aber vor jeder Trainingsfahrt und vor jedem Rennen. Prägt man sich da nicht eine bestimmte Linie ein?
Nein, die Linie weiss man vorher. Im modernen Abfahrtssport ist die Linienwahl sehr stark schon vom Pistenverlauf vorgegeben. Als Fahrer habe ich da keine grosse Bewegungsfreiheit mehr. Bei der Besichtigung schaut man auf die Beschaffenheit der Piste. Wo hats Wellen, wo ist die Piste hart, wo vereist? Vor der ersten Trainingsfahrt nehme ich mir gut und gerne eineinhalb Stunden Zeit. Vor dem Rennen dauert es dann noch etwa 40 Minuten.

Ist die WM-Abfahrt in St. Moritz eine Küng-Strecke?
Schwierig zu sagen. Letztes Jahr war ich verletzt beim WM-Finale. Ich bin die Strecke daher noch nie unter Rennbedingungen gefahren. Allerdings haben wir auf der Strecke trainiert. Da konnte ich mich mit der Piste vertraut machen.

Sie sind schon Weltmeister. Nimmt das Druck weg? Oder erhöht es ihn noch, weil dadurch die Erwartungen steigen?
Der Druck ist da, aber nicht, weil ich schon Weltmeister bin. Er lastet auf der ganzen Mannschaft, die an der Heim-WM natürlich möglichst erfolgreich sein will. Wir müssen aber versuchen, Druck abzubauen, damit wir unsere beste Leistung abrufen und dieses Saison-Highlight auch geniessen können.

Die WM ist relativ früh in der Saison. Ist das gut oder schlecht oder egal für Euch Athleten?
Sie ist vor allem deshalb früh, weil wir noch nicht viele Rennen hatten (inzwischen sind es fünf Abfahrten, die Red.). Die sowieso schon kurze Saison ist durch mehrere Rennabsagen noch kürzer geworden. Das ist das, was uns am meisten beschäftigt.

«

Der Druck ist da, aber nicht, weil ich schon Weltmeister bin.»

Können Sie gut verlieren?
Nein. Ich bin nicht der Typ, der gut verlieren kann. Aber das tut wohl keiner der Athleten gerne.

Man sagt Ihnen nach, dass Sie die Geschwindigkeit lieben. Merken Sie, dass sich das im Laufe der Jahre verändert?
Ich merke schon, dass ich manchmal mehr überlege als früher. Aber das hat vor allem mit Erfahrung zu tun. Die Geschwindigkeit liebe ich noch immer.

Sie trinken gerade Rivella. Das Getränk Ihres persönlichen Sponsors scheint Ihnen zu schmecken.
(Schmunzelt) Ja, zum Glück. Wobei – Glück ist vielleicht das falsche Wort. Wenn es anders wäre, könnte ich nicht für Rivella Werbung machen. Man muss als Sportler hinter dem Produkt des Sponsors stehen können, und das kann ich zu 100 Prozent. So gesehen ist Rivella auch für mich ein Glücksfall, denn die Suche nach Sponsoren ist nicht so einfach. Aber die machen tolle Sachen.

Bei dieser Bemerkung zückt Küng sein Smartphone und sucht die Bilder der jüngsten Werbeaktion, bei der Rivella ganze Hüttenfassaden in den Skigebieten mit Küngs Konterfei eingekleidet hat. «Das schaut doch absolut cool aus, oder nicht?»


Welches sind Ihre Lieblingsstrecken?
Dazu zählt sicher Beaver Creek. Die Art und Weise, wie die Strecke gebaut ist, gefällt mir sehr. Sie hat steile und schnelle und dann wieder langsamere Passagen, Sprünge, schwierige Kurven. Sie verlangt einen kompletten Fahrer, damit man auf ihr schnell ist.

In Beaver Creek haben Sie zwei Ihrer bisher drei Siege errungen, einen Weltcup-Super-G und die WM-Abfahrt 2015. Dann haben Sie sicher auch zur Lauberhornabfahrt, die Sie 2014 gewannen, eine besondere Beziehung?
Klar. Die Lauberhornabfahrt ist ein Heimrennen. Die Stimmung, die da herrscht, nimmt man auch als Athlet auf. Das motiviert unheimlich. Ich persönlich geniesse das sehr, und es lenkt auch etwas ab. Erst etwa eine halbe Stunde vor dem Start fokussiere ich nur noch auf den Lauf.

Zu welchen anderen Fahrern haben Sie eine engere Beziehung?
Ausserhalb des Schweizer Teams sind das vor allem Ted Ligety und Christof Innerhofer, mit denen ich schon zu Juniorenzeiten zusammen gefahren bin. Das verbindet. Aber Skifahren ist ein Einzelsport. Im Rennen ist man Konkurrent. Innerhalb des Schweizer Teams sind es jene, mit denen ich am meisten Zeit verbringe: Carlo Janka und Beat Feuz und dann Vitus Lüönd, der früher lange Zeit Teamkollege war und jetzt mein Trainer ist.

St. Moritz ist dieses Jahr bereits zum fünften Mal Gastgeber der alpinen Ski-WM. Für den Tourismus im Engadin sei dies eine willkommene Plattform, mit der er seine Sportkompetenz betonen könne, erklärt Ariane Ehrat, CEO von Engadin St. Moritz Tourismus. Die Ski-WM sei aber auch ein Motor für die Standortentwicklung. Die Renovation des traditionsreichen Kulm-Pavillons in St. Moritz, wo bereits zwei Olympische Winterspiele eröffnet wurden, wäre ohne die Ski-WM kaum möglich gewesen. Ehrat weiter: «Nicht zu unterschätzen ist auch die Motivation, die von einem solchen Anlass ausgeht: Die WM beflügelt die Zusammenarbeit im Tal richtiggehend.» Hofft man als Veranstalter auf Schweizer Siege oder wäre aus Marketingüberlegungen der Sieg eines Japaners oder Amerikaners besser? «Wir sind noch so dankbar, wenn die Schweizerinnen und Schweizer ihre Bestleistung bringen und damit für eine tolle Stimmung sorgen», sagt Ariane Ehrat. Als Touristikerin sei sie aber auch dankbar, wenn die Medaillen auf weitere Märkte verteilt werden. «Die mediale Wirkung ist globaler.»

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