Pirmin Schwegler in der HDI-Arena zu Hannover: «Wir sind toll in die Saison gestartet.»

Der Denker – Leistungsträger in der Bundesliga

Der Luzerner Pirmin Schwegler weiss, was wirklich wichtig ist im Leben: Als Kleinkind erkrankte er an Leukämie. Eine Begegnung in Hannover.

Zweimal sorgte Pirmin Schwegler für grössere Schlagzeilen. Beim ersten Mal bezeichnete «Bild», die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands, den 30-jährigen Schweizer als den «schlausten Bundesliga-Profi»; eine grosse Ehre, schliesslich spielen in den 18 Mannschaften über 500 Fussballer mit. «So ein Unsinn», winkt er beim Gespräch in der modernen HDI-Arena in Hannover ab und lacht über das Kompliment. «Wir Fussballprofis haben viel freie Zeit, und die möchte ich einfach sinnvoll nutzen.» Andere Kicker mögen stundenlang Playstation spielen, Schwegler hingegen studiert lieber. Zwei Fernstudien in Sportmanagement und Sportvermarktung hat er bereits abgeschlossen. Mit einem dritten – Fachgebiet Sportökonomie – hat er angefangen, dieses aber wegen seines Clubwechsels von Hoffenheim zu Hannover 96 und dem damit verbundenen Umzug unterbrochen.

«Dumm kickt gut», besagt eine alte Fussballerweisheit, die lange mehr war als ein blosses Klischee – gerade wenn Spieler nach Matchende ins Mikrofon keuchten: «Egal, ob Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien.» Oder: «Ein Drittel mehr Geld? Nee, ich will mindestens ein Viertel!» Heute stimmt das längst nicht mehr mit der beschränkten Intelligenz der Fussballer: Zwei Drittel der Profis haben Abitur. Pirmin Schwegler ist das beste Beispiel dafür, dass einer gut gegen den Ball treten kann und erst noch etwas auf der Platte hat.

Geringe Überlebenschancen

2006 wechselte der Luzerner von den Berner Young Boys nach Deutschland zu Leverkusen und setzte sich in der Bundesliga durch, egal, bei welchem Team er anheuerte. Bereits über 200 Partien absolvierte er für Leverkusen, Eintracht Frankfurt, Hoffenheim und nun Hannover 96; bei seinen letzten beiden Arbeitgebern brachte er es gar bis zum Mannschaftscaptain. Weil stets auf ihn Verlass war, vielleicht aber auch, weil er ein bisschen mehr über das Fussballgeschäft nachdenkt als andere. «Ich glaube, ich kann gut reflektieren», erklärt er, «auch wegen meiner Geschichte. Ich habe viel erlebt und weiss, dass es sehr schnell in beide Richtungen gehen kann.»

Pirmin Schwegler erkrankte mit 18 Monaten akut an Leukämie, als er im Wallis in den Ferien weilte. Die Diagnose war ein Schock und stellte den Alltag der Familie auf den Kopf. «Meine Überlebenschancen waren zu Beginn der Krankheit mit zehn Prozent sehr gering.» Es folgten mehrere Chemotherapien, die eine grosse Belastung darstellten. Wirkliche Erinnerungen an jene Zeit hat er jedoch nicht mehr, dafür war er damals zu klein. Nur vereinzelt tauchen verschwommene Bilder in seinem Kopf auf: «Dann sehe ich mich am Tropf durch den Spitalgang laufen oder wie meine Geschwister am Rande meines Bettes sitzen.»

Vielleicht war es sein Glück, dass er die Krankheit noch gar nicht richtig wahrnahm. Seine Familie und Betreuer jedenfalls versuchten dem Knirps auf spielerische Weise beizubringen, dass er gegen eine tückische Krankheit zu kämpfen hat. «Ich bekam eine Halskette und nach jeder erfolgreichen Chemotherapie durfte ich ein Steinchen an die Kette hängen.» Erst mit 13, 14 Jahren, als er als geheilt galt, sei ihm richtig bewusst geworden, wie gefährlich das Ganze wirklich gewesen sei. Der Fussball half ihm in den schwierigen Zeiten mit den vielen Nachuntersuchungen. Auf dem Rasen nahm niemand speziell Rücksicht auf ihn, was Schwegler gut tat. «Das stärkte mein Selbstbewusstsein» und war wichtig, damit er ins normale Leben zurückfand.

Begrenzte Zurückhaltung

Heute, wohl auch aufgrund der Erlebnisse von damals, lebt Pirmin Schwegler sehr bewusst. Dazu gehört, dass er schätzt, was ihm der Fussball bietet: Emotionen, die so gross sind, dass er nach einem Spiel in der Nacht oft noch lange wach liegt. Und er freut sich über die Anerkennung, die ihm nach einer guten Leistung zuteil wird – «tausend Mal mehr, als wenn ich für einen Tweet oder ein Bildchen im Internet gelobt würde». Lieber widmet er sich seinen Stiftungsprojekten und der Blutstammzellspende.

Der Schweizer braucht, das betont er im Gespräch immer wieder, nicht im Scheinwerferlicht zu stehen. Was um den Platz herum geschieht, wer welchen Wagen fährt und wie viele Follower ein Spieler hat, ist ihm vollkommen wurst; Schwegler ist weder auf Twitter noch Instagram aktiv.

So müssen andere für die grossen Schlagzeilen herhalten. Etwa Berufskollegen, die für über 200 Millionen Euro den Verein wechseln; Schwegler hingegen kam ablösefrei zu Hannover. Nur ein zweites Mal – nebst der Huldigung von «Bild» für seinen IQ – sorgte er für Aufsehen. Als er vor zwei Jahren aus der Schweizer Fussballnationalmannschaft zurücktrat. «Pirmin Schwegler hat die Schnauze voll: Nie mehr Nati!», titelte der «Blick». Sein Ärger war verständlich: Obwohl er Leistung zeigte, wurde er im Nationalteam regelmässig übergangen. Auch Schweglers Zurückhaltung hat ihre Grenzen.

Pirmin Schwegler, langweilige Bundesliga: Bayern München hat ein Abonnement auf den Meistertitel. Höchste Zeit, dass wieder mal ein anderer Verein dazwischenfunkt. Warum nicht Hannover 96?
Nein, nein, so weit denken wir hier nicht…

… aber Leicester in England hat doch bewiesen, dass so ein Märchen möglich ist.
(Lacht und winkt ab.) Das wäre trotzdem zu dick aufgetragen, wenn wir jetzt solch ein Ziel heraus posaunen würden. Nein, wir wollen in der Bundesliga bleiben, was schwierig genug ist. Deshalb sind wir froh, dass wir so gut in die Saison gestartet sind.

Also wird Bayern wie gehabt Meister.
Ja, davon müssen wir ausgehen. Da müsste bei den Münchnern schon einiges schief laufen, was ja in den letzten Jahren kaum mehr der Fall war. Kommt noch hinzu, dass mit Borussia Dortmund der stärkste Gegner durch einige Abgänge möglicherweise geschwächt wurde.

Sie haben ablösefrei zu Hannover 96 gewechselt, während Neymar für 222 Millionen Euro nach Paris ging. Überkommen Sie da keine Minderwertigkeitskomplexe, wenn Sie diese Summen hören?
Nein, überhaupt nicht. Mir ist wichtig, dass ich bei einem guten Club spielen kann. Auf den Rest habe ich keinen Einfluss. Trotzdem wundere ich mich über die horrenden Beträge, die da gezahlt werden, und frage mich, wohin das noch führen wird.

Vielleicht dahin, dass die Fans sich irgendwann vom Profifussball abwenden?
In den letzten Jahren war eher das Gegenteil der Fall, der Fussball, gerade in Deutschland, hat einen zusätzlichen Schub erhalten. Dazu gehört auch, dass Sie mittlerweile jeden Abend Fussball schauen können… leider.

Warum leider?
Weil ich auch jeden Abend von Montag bis Sonntag in irgendein Spiel reinschaue. Von meiner Frau höre ich deswegen immer mal wieder einen Spruch. Sie hat ja Recht, manchmal wird es wirklich zu viel.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie den Fussball mit anderen Augen sehen. Wie sehen Sie ihn denn?
Ich glaube, ich kann gut reflektieren – auch wegen meiner Geschichte: Ich habe schon viel erlebt und weiss, dass es sehr schnell in beide Richtungen gehen kann. Aufwärts, aber leider auch abwärts. Ich freue mich sehr über die Anerkennung, die wir nach einer guten Leistung erhalten – tausend Mal mehr, als wenn ich für einen Tweet oder ein Bildchen auf Instagram gelobt würde. Ich muss nicht im Scheinwerferlicht stehen und ein Star sein. Was um den Platz herum geschieht, wer welchen Wagen fährt und wie viele Follower ein Spieler hat, interessiert mich weniger.

Auf Ihrem Twitter-Account haben Sie genau drei Tweets abgesetzt – am Tag, als Sie ihn eingerichtet haben.
Und die stammen nicht mal von mir! Das muss ein Fake-Account von mir sein. Auch auf Instagram bin ich nicht aktiv. Weil das nicht zu mir passt. Ich stelle mich nicht gerne in den Mittelpunkt. Lieber engagiere ich mich für meine Stiftungsprojekte.

Sie spielen seit 2006 in der Bundesliga. Wie hat sich der Fussball in diesen elf Jahren verändert?
Er ist noch physischer geworden. Gleichzeitig kann sich der Körper weniger erholen. Die Reisen werden immer länger und führen heute gar bis nach Asien, weil die Vereine neue Märkte erschliessen wollen. Vielleicht haben die Verletzungen auch dadurch zugenommen, obwohl die medizinische Betreuung noch besser geworden ist. Ich sehe an mir selbst, wie die körperlichen Anforderungen gestiegen sind: Heute brauche ich viel länger, um mich von einem Spiel zu erholen. Am Tag danach lümmle ich zu Hause oft nur noch herum und strecke alle viere von mir. Auch mental brauche ich meine Zeit, um wieder alles herunterzufahren. Nach einem Spiel bin ich in der Nacht oft lange wach, weil ich erst noch die vielen Eindrücke und Emotionen verarbeiten muss. Das darf man nicht unterschätzen.

Sie sind auf dem Platz kein Kind von Traurigkeit…
… warum?

In jeder fünften Partie kassieren Sie Gelb.
Von dieser Statistik höre ich zum ersten Mal. Die Häufigkeit hat sicher auch mit meiner zentralen Position zu tun, wo taktische Fouls dazu gehören. Bösartige Vergehen sieht man von mir nie. Deshalb habe ich in meiner ganzen Karriere auch nur zweimal direkt Rot gesehen. Das eine Mal im DFB-Pokal mit Frankfurt, als ich Innenverteidiger spielte und zu einem Notbremsefoul gezwungen war. Und das andere Mal als Junior. Mein Trainer sagte mir: «Hol Dir Gelb ab, damit du einmal pausieren musst und im übernächsten Spiel im Spitzenkampf dabei bist!» Das habe ich befolgt, nur sah ich leider direkt Rot und fehlte damit zwei Partien. (Lacht.)

«

Wir Fussballprofis haben genügend freie Zeit, und die möchte ich sinnvoll nutzen.»

«Bild» bezeichnete Sie als den «schlausten Bundesliga-Profi»…
… ach, Gott, so ein Unsinn…

…weil Sie erfolgreich zwei Fernstudien in Sportmanagement und Sportvermarktung abschlossen. Haben Sie bereits ein drittes angefangen?
Ja, Sportökonomie. Ich habe es aber gerade unterbrochen, weil es mit dem Umzug doch ziemlich viel wurde. Mir ist das wichtig, weil wir Fussballprofis trotzdem genügend freie Zeit haben und die möchte ich sinnvoll nutzen, unabhängig davon, wo mein Weg nach dem Fussball genau hingeht. Etwas in Richtung Sportmanagement kann ich mir gut vorstellen, auch wenn man im Fussball nur wenig planen kann. Da spielen viel zu viele Zufälle mit.

Sie haben vorhin Ihre besondere Lebensgeschichte erwähnt. Sie erkrankten als Kleinkind an Leukämie. Welche Erinnerungen haben Sie an die Krankheit?
Ich erkrankte akut mit 18 Monaten, als wir im Wallis in den Ferien waren. Wirkliche Erinnerungen an jene Tage habe ich nicht mehr, nur noch einzelne Bilder: Ich sehe mich am Tropf durch den Spitalgang laufen oder meine Geschwister am Rand meines Bettes sitzen. Vielleicht war das auch mein Glück, dass ich das gar nicht so richtig wahrnahm, weil ich noch so klein war und mir spielerisch beigebracht wurde, dass ich halt einen etwas anderen Alltag als andere Kinder habe. Ich bekam dann eine Halskette und nach jeder erfolgreichen Chemotherapie durfte ich ein Steinchen an die Kette hängen. Erst mit 13, 14 wurde mir bewusst, wie gefährlich das Ganze wirklich war. Meine Überlebenschancen waren zu Beginn mit bloss zehn Prozent sehr gering gewesen.

Wie leicht fällt es Ihnen, über dieses Thema zu sprechen?
Viel leichter als früher. Als Kind hatte ich Hemmungen, darüber zu reden. Man ist nicht gerne anders als die anderen, ich aber hatte diese grosse Narbe am Körper und das war mir unangenehm. Heute rede ich ohne Scheu über dieses Thema, gerade weil ich weiss, wie viele mit demselben Schicksal Kraft aus meinen Erlebnissen schöpfen. Etwa Eltern, deren Kinder an Leukämie erkrankt sind und die sehen, dass man die Krankheit mit dem entsprechenden Glück besiegen kann. Ich erhalte immer wieder Briefe, mit denen sich Betroffene melden. Eine Kolumbianerin, die ebenfalls erkrankt ist und von meiner Geschichte erfuhr, schrieb mir einen sehr berührenden Brief.

Leben Sie bewusster, weil Sie so nahe am Tod waren?
Das ist schwierig zu beantworten. Aber ich lebe sehr bewusst, das ja. Ich schätze, was ich habe und dass ich meinen Traum als Fussballprofi leben darf. Dafür muss ich erneut Hürden überwinden, auch wenn sie nicht so lebensbedrohlich sind wie damals.

Viele Spieler mimen nach einem harmlosen Rencontre den sterbenden Schwan. Sind Fussballer zu wehleidig?
Nein, da muss ich klar widersprechen. Als Zuschauer sehen Sie nur solche Szenen, nicht aber hinter die Kulissen. Und da gibt es sehr viele Spieler, die in jedem Training grosse Schmerzen in Kauf nehmen und tapfer auf die Zähne beissen, damit sie auflaufen können. Oder die in einer Partie bis zum Ende durchhalten, obwohl sie eigentlich schon längst medizinisch notversorgt gehörten.

Sie haben sich in der Bundesliga durchgesetzt, in der Schweizer Nationalmannschaft hingegen nicht. 2015 erklärten Sie verärgert Ihren Rücktritt. Sehen Sie sich deren Partien an oder schmerzt es immer noch zu sehr, dass Sie nicht dabei sind?
Ich stehe zu meinem Entscheid, auch wenn er nicht einfach war. Ich lief sehr gerne für die Schweiz auf und empfand es stets als besonderen Moment, wenn ich die Nationalhymne singen durfte. Es dauerte einen Moment, aber heute habe ich Abstand gewonnen. Ich schaue mir die Spiele heute so an, als wäre es eine ganz normale Mannschaft.

Online-Versteigerung von Fussball-Trikots am «Tag der Tat» den 16. September 2017

Als Kleinkind erkrankte Pirmin Schwegler an Leukämie und musste in 14 Monaten ein Dutzend Chemotherapien überstehen. Der Luzerner hatte Glück und wurde wieder gesund. «Ich empfinde eine grosse Dankbarkeit», sagt Schwegler, «und möchte gerne etwas zurückgeben.» Zum Beispiel, indem er dank seinem Bekanntheitsgrad das Interesse an einem Aktionstag zum Thema steigert. Am Samstag, 16. September, steht ein solcher an: Am «Tag der Tat» wird die Bevölkerung für die lebensrettende Blutstammzellspende sensibilisiert. Pirmin Schwegler hat speziell für den «Tag der Tag» Trikots von Schweizer Super League-Vereinen organisiert und für eine Online-Versteigerung zur Verfügung gestellt. Der gesamte Erlös kommt vollumfänglich der Registrierung neuer Blutstammzellspender zugute.

Mehr Infos zum Tag der Tat
Zur Online-Versteigerung
  

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