Lesen, Schreiben, Nachdenken: Der 71-Jährige in einem Strassencafé in seiner Wahlheimat Lugano. 

Der Diplomat: «Unsicherheit war teil meines Lebens»

Ex-Staatssekretär und IKRK-Präsident Jakob Kellenberger über Terrorismus, sicheres Reisen, das schwierige Verhältnis zur EU und sein Privatleben.

Herr Kellenberger, Sie verbringen Ihren Lebensabend im idyllischen Château-d’Oex und im Tessin. Wie sicher fühlen Sie sich?
Ich fühle mich sicher, in der Schweiz und auch sonst auf meinen Reisen in Europa. Natürlich kann ich aber gut nachvollziehen, dass sich viele Menschen angesichts einer Häufung von terroristischen Akten Sorgen machen.

Wie vorsichtig sind Sie selber?
Ich bin aufmerksam. Ich reiste fürs IKRK zwölf Jahre lang immer wieder in Kriegsgebiete und war wie alle IKRK-Mitarbeitenden nie mit Bodyguards unterwegs. Unsicherheit war Teil meines Lebens. Das heisst nicht, dass ich nie angespannt gewesen wäre. Aber man lernt, mit gefährlichen Situationen besser umzugehen.

Viele Menschen sind verunsichert, weil die früheren Attentate zielgerichtet waren. Heute kann es theoretisch jede und jeden treffen.
Die heutigen Terroristen wollen in breiten Kreisen Angst und Schrecken verbreiten. Viele Menschen in Europa wurden erst durch die jüngsten Anschläge vor ihrer Haustür aufgeschreckt. Doch denken Sie an die Anschläge, die seit Jahren systematisch gegen Shiiten ausgeübt werden – in Pakistan, im Irak! Ich will die Anschläge in Europa nicht herunterspielen. Es gibt Menschen, die seit Langem mit dieser Bedrohung leben.


Sind die Terroristen erfolgreich mit ihrer Schreckensstrategie?
Nein. Aber sie bewirken, dass viele Menschen eher bereit sind, ihre eigene Freiheit zugunsten der eigenen Sicherheit einzuschränken. Das habe ich auch in meiner Tätigkeit in Kriegsgebieten immer wieder beobachtet. Würde die Freiheit in demokratischen Ländern wie der Schweiz zu stark beschränkt, bin ich zuversichtlich: Die Gerichte würden sich einschalten.

Kellenberger ist blitzgescheit, er wählt seine Worte mit Bedacht. 

Kellenberger ist blitzgescheit, er wählt seine Worte mit Bedacht. 
Kellenberger ist blitzgescheit, er wählt seine Worte mit Bedacht. 

Wegen der Attentate nimmt die Ablehnung von Muslimen weltweit zu.
Mag sein, aber es ist falsch, von einem Zusammenprall der Zivilisationen zu sprechen. Wir reden von Extremisten, und die muslimische Welt ist selbst von terroristischen Anschlägen betroffen – wegen der seit Jahren dauernden Bürgerkriege in Afghanistan oder Jemen! Dort sind Tausende Zivilisten ums Leben gekommen. In Ägypten wurden nach dem Militärputsch Hunderte in zweifelhaften Verfahren zum Tode verurteilt.

Wird die Welt immer gefährlicher?
Europa und die Schweiz sind nicht unsicherer geworden. Denken Sie an die beiden Weltkriege, Vietnam, Ruanda, den Balkan.

Was raten Sie den Mitbürgern?
Ich würde meine Lebensführung nicht anpassen, einfach aufmerksamer werden.

Mehr Aufmerksamkeit, Kontrolle und Überwachung sind das eine. Sie präsidieren «Swisspeace», eine friedensfördernde Organisation. Was kann diese bewirken?
Kurzfristig realistisch ist leider nur eine Verstärkung der Überwachung und Kontrolle. Friedens- und Konfliktvorbeugungsprojekte brauchen viel Zeit. Swisspeace ist gegenwärtig in einem Projekt mit Teilen der syrischen Zivilgesellschaft engagiert. Die internationale Gemeinschaft sollte viel mehr in die Konfliktprävention investieren. Das gilt vor allem für die UNO.


Wo müsste die internationale Gemeinschaft aktiver werden?
Es tut mir wirklich weh, wie sich Syrien seit 2011 entwickelt hat, ein Land, dem es trotz eines autoritären und gegenüber politisch Andersdenkenden brutalen Systems damals nicht so schlecht ging. Ich war zu Beginn des Krieges dreimal in Syrien, um mehr Handlungsmöglichkeiten für das IKRK auszuhandeln. Seither verfolge ich die Entwicklungen so genau wie möglich. Da fragt man sich: Wie wäre es gekommen, wenn die USA, Russland und die Regionalmächte vor vier, fünf Jahren mehr geeint und entschlossener in die Konfliktprävention investiert hätten?

Was kann die Zivilgesellschaft, was können Privatpersonen beitragen?
Sie können sich engagieren: Indem sie erstens dafür sorgen, dass der eigene Staat offen bleibt für Menschen, die Schutz und Hilfe suchen. Und zweitens indem sie spenden, und zwar dort, wo man genau weiss, wie und wo das Geld eingesetzt wird.

Vor Ihrer Zeit beim IKRK haben Sie die Schweizer Europapolitik mitgeprägt. Glauben Sie, dass sich die Schweiz und die EU noch vor Ablauf der dreijährigen Frist Anfang 2017 über eine Umsetzung der Massenein-wanderungsinitiative einigen?
Das würde mich überraschen. Die EU könnte die Personenfreizügigkeit an ein Rahmenabkommen knüpfen, und sie wird sich vermutlich nicht mit der Schweiz über die Personenfreizügigkeit einigen, bevor sie ihre Austrittsverhandlungen mit Grossbritannien abgeschlossen hat. Das könnte noch einige Zeit dauern.

«

Es ist falsch, von einem Zusammenprall der Zivilisationen zu sprechen.»

Von EU-Gegnern hiess es damals wie heute, die Schweiz habe zu wenig gut verhandelt.
Wir haben gut und hart verhandelt – die Gespräche drohten gar zu scheitern. Es bleibt aber ein alter Traum von mir, die Leitung der Verhandlungen mit der EU einem SVP-Vertreter zu übergeben. Dann würde die Schweizer Bevölkerung sehen, was dabei rauskommt! Und ich möchte doch betonen, dass die Bilateralen Verträge damals mit 67 Prozent Ja-Stimmen angenommen wurden ...

... während die Masseneinwanderungsinitiative nur knapp angenommen wurde.
Genau. Ich habe damals grossen Wert darauf gelegt, Verträge auszuhandeln, die in der Schweiz mehrheitsfähig sind. Der Abstimmungssonntag, an dem die Bilateralen mit Zweidrittelmehr angenommen wurden, war ein Freudentag!

Würde es Sie schmerzen, wenn «Ihre» Bilateralen Verträge nun gekündigt würden?
Ich würde es bedauern. Wir haben mit diesen Verträgen gut gelebt und leben noch immer gut mit ihnen.

Zurück nach Lugano. Sie leben nach der Pensionierung weitab von den politischen Entscheidungszentren, wie kam das?
Ich wollte einen Strich ziehen unter meine früheren Verpflichtungen. Als Staatssekretär und IKRK-Präsident war ich viel unterwegs in Hauptstädten und Krisengebieten. Heute leben wir in Lugano im Haus der Eltern meiner Frau, die hier aufgewachsen ist, und Château- d’Oex ist unser Zweitwohnsitz. Zurückgezogen habe ich mich nicht: Ich lehre an der Genfer Hochschule für Internationale Beziehungen und an der Universität Salamanca, bin in einem Beratungsorgan von Swiss Re, präsidiere Swisspeace. Unsere in Holland und Irland lebenden Töchter erwarten unseren gelegentlichen Besuch.

Wie verläuft der Tag eines pensionierten Staatssekretärs?
Ich treibe mit meiner Frau viel Sport und stehe noch immer jeden Tag vor sieben Uhr auf und arbeite. Ich habe immer gerne geschrieben und verfasse Zeitungsartikel zu aktuellen Themen. Ein weiteres Buch ist zurzeit nicht geplant: Ich schreibe in eine offene Zukunft hinein, und das geniesse ich.

Jakob Kellenberger (71) trat 1974 nach dem Literaturstudium in den diplomatischen Dienst ein und prägte die Schweizer Aussenpolitik während 30 Jahren: zunächst als Botschaftssekretär, dann als Leiter des Integrationsbüros, Staatssekretär und Chefunterhändler in Brüssel. Von 2000 bis 2012 präsidierte er das IKRK. Der Appenzeller ist verheiratet und hat zwei Töchter, die in Dublin und Amsterdam leben. 

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