Der Gentleman

Er: «Hast du denn nie bei einer Frau übernachtet, ohne dass es dann grad …, nun, du weisst schon?», fragt mich Schreiber. Wir sind in ein Gespräch verstrickt, in dem es darum geht, ob ein Mann bei einer Frau im Bett schlafen kann, ohne auf andere Gedanken zu kommen.

«Doch.» Schreiber atmet auf. «Siehst du? Warum sagst du dann, das gehe nicht?» «Das geht schon. Wenn man sich als Mann zusammenreisst.» «Zusammenreisst?» «Ja, das ist die wahre Bedeutung des Begriffes ‹Gentleman›.»

«

Ich hörte den Frauen nur zu. Nächtelang.»

Sie lacht heraus und sagt: «Wie meinst du das?» «Ein Gentleman tut das, was eine Frau erwartet.»
«Aha. Also fasst er sie nicht an, obwohl er es am liebsten würde?», fragt Schreiber.
«Genau, und das habe ich auch schon getan. Vor deiner Zeit lag ich mit schönen Frauen im Bett, die dann sagten, sie könnten so gut reden mit mir und ich sei so anders als die anderen Männer, die immer nur das eine wollten. Dass ich auch dieses eine wollte, konnte ich dann natürlich nicht anbringen, denn dann wäre ich ja wie alle anderen gewesen. Also hörte ich zu. Nächtelang.»
Schreiber lacht: «So ticken also die Männer? Und, hast du auf diese Weise dein Ziel wenigstens erreicht?» Ich blicke zu ihr hinüber: «Nur bei dir.»

Sie: Ich weiss noch genau, wie lange Schneider nichts von mir wollte. Wochenlang. Was haben wir uns angeschmachtet, geredet, sind spazieren gegangen, waren im Kino, in Restaurants, gemeinsam auf Reportagen. Verbündet, verliebt und voller Zurückhaltung. Wir haben uns umschwirrt wie beschwipste Schmetterlinge.

«Echt, es hat mich tief beeindruckt, dass du so unaufdringlich warst», sage ich. Schneider schweigt und geniesst offensichtlich meine Schmeicheleien. Ich füge an: «Ganz ehrlich, das war doch was vom Schönsten, dieses Knistern. Herrlich spannend.» Er nickt. «Wir haben uns richtig Zeit gelassen. Da wusste ich, dass dir meine Seele wichtig ist», sage ich. – «Mann, was hab ich gelitten ...», sagt Schneider.

«

Er wollte wochenlang nichts von mir.»

«Hat sich aber gelohnt, oder?» – «Und wie!» Wir kichern und es macht Spass, an damals zu denken. Als wir noch nicht wussten, ob es was werden würde mit uns. Wir schwelgen in Erinnerungen, etwa an den Abend auf der Burgruine in Baden am ersten Rendezvous, als unsere Hände millimeternah nebeneinander auf den Steinen lagen und keiner wagte, näher zu rücken, während die Sonne unterging.

«Ich liebe unseren Anfang und dich», sage ich. – «Ohne Ende, hoffentlich», schnurrt Schneider.

 (Coopzeitung Nr. 22/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 30.05.2016, 00:00 Uhr

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