Der Missionar: «Wir werden gewinnen»

Der amerikanische Ex-Vizepräsident Al Gore (69) ist zum charismatischen Vorkämpfer gegen die Klimakrise geworden. In Zürich stellte er seinen zweiten Kinofilm vor.

Am «Zurich Film Festival» ist der berühmte rote Teppich grün. Die perfekte Bühne also für Al Gore, der für seinen Klimaschutz-Film «An Inconvenient Sequel» die Werbetrommel rührt, die Fortsetzung seines Oscar-prämierten Dokumentarfilms «An Inconvenient Truth». Grün ist auch der Pin an Al Gores edlem Revers, als uns der frühere US-Vizepräsident zum Gespräch empfängt. Wie der 69-Jährige hinter dem ovalen Tisch im Zürcher Nobelhotel «Baur Au Lac» sitzt, wirkt er tatsächlich sehr präsidial. Umso mehr überrascht, dass er uns als Erstes für unsere Zeit dankt – obwohl wir im Vorfeld um jede Interview-Minute kämpfen mussten. Sehr nett empfängt uns ebenfalls seine Pressedame: «Machen Sie sich keine Gedanken um die Zeit. Ich sage Ihnen, wenn Sie die letzte Frage stellen dürfen.» Wirklich zuvorkommend.

Mr. Vice President, die Klima-verbesserungen seit Ihrem ersten Film 2005 sind überschaubar. Fühlen Sie sich manchmal wie Don Quixote im Kampf gegen Windmühlen?
Nein, überhaupt nicht. Auf globaler Ebene machen wir erhebliche Fortschritte. Das Klimaabkommen von Paris war ein historischer Durchbruch. Praktisch die ganze Welt verpflichtet sich damit, bis Mitte des Jahrhunderts den Schadstoffausstoss auf null zu reduzieren. Wir sehen ein rasantes Aufkommen von Solar- und Windenergie: Batterien, Elektroautos, Energieeffizenz-Verbesserungen. Leider werden die klimabedingten Wetterphänomene schlimmer, zerstörerischer und häufiger. Aber wir haben nun die weltweiten Emissionen stabilisiert. Sie beginnen sogar langsam zu sinken.

Nächstes Jahr werden Sie 70. Was gibt Ihnen die Energie, Ihre Mission fortzuführen – trotz aller Rückschläge?
Ich finde, es ist ein Privileg, jeden Tag Arbeit zu haben, welche all die Energie rechtfertigt, die ich hineinstecke. Es gibt mir Energie zurück. Es macht Freude, das zu tun, worin du deine Aufgabe siehst und dass du darin Fortschritte machst. Ich könnte es nicht nicht tun, und stecke all meine Energie hinein.

Der WWF hat Sie kürzlich einen «Klimahelden» genannt  …
Oh, das ist nett!

Haben Sie das Image des «Mr. Perfect» manchmal auch satt?
Ich habe nie behauptet, «Mr. Perfect» zu sein. Für mich ging es immer um die Mission, nie um mich. Als ich jünger war, hätte ich nie gedacht, es würde jemals eine Mission werden, aber das ist es nun. Ich bin dankbar, einen Weg gefunden zu haben, positiv und effektiv zu arbeiten. Ich bin inspiriert von den Millionen Aktivisten an der Basis – übrigens gibt es eine ganze Menge hier in der Schweiz. Ihre Arbeit ist unbezahlbar.

Unermüdlich: Al Gore gibt der Umwelt eine Stimme.

Unermüdlich: Al Gore gibt der Umwelt eine Stimme.
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«

Trump isoliert sich selber von den Vereinigten Staaten. Wir werden gewinnen.»

Wann entdeckten Sie Ihr ökologisches Gewissen?
Das erste Bekenntnis zur Umwelt erlebte ich als ganz kleiner Junge auf dem Bauernhof meiner Familie. Die Generation meines Vaters in Amerika war darauf konzentriert, Bodenerosion zu verhindern. Als Vier- oder Fünfjähriger habe ich gelernt, eine Rinne zu stoppen, die sich durch das Ackerland frass. Als ich dann ein Teenager war, hat meine Mutter mir und meiner Schwester aus Rachel Carsons «Silent Spring» vorgelesen. Das war für mich ein Entwicklungsschritt in meinem ökologischen Bewusstsein, von den Rinnen auf dem Bauernhof zu einem grösseren Ausmass an Bedrohung.

Gab es keinen Aha-Effekt?
Doch. Ein Licht ging mir im College auf. In den 60er-Jahren hatte ich das Privileg, unter einem der grössten Klimawissenschafter zu studieren: Roger Revelle. Er hat mir die Augen geöffnet. Aber sogar da hätte ich mir nie vorstellen können, jemals irgendeine Rolle zu spielen. Ich nahm einfach an, mein Land würde das Richtige tun. Sieben Jahre nach meinem College-Abschluss wurde ich in den Kongress gewählt. Ich fragte als Erstes, was jetzt gegen die Klimaerwärmung getan wird. Und die Antwort lautete: nichts. Nicht einmal ein Hearing mit meinem Professor als Redner sorgte im Kongress für Erleuchtung. Ich war sehr enttäuscht. Da dachte ich zum ersten Mal: Vielleicht sollte ich herausfinden, wie man dieses Thema anderen vermitteln kann, um denselben Aha-Effekt zu erzielen.

Wie muss man sich ökologische Erziehung im Hause Gore vorstellen?
Meine Familie ist wie andere Familien: Eigentlich erziehen die Kinder die Eltern. Ich bin sicher, dass sie durch meine Arbeit einiges mitbekommen haben. Aber es scheint, als ob sie dieses Bewusstsein auch von sich aus hätten. Sie waren es, die das umfassende Recyclingsystem bei uns zu Hause eingeführt haben. Ich lerne ebenso viel von ihnen, wie sie je von mir gelernt haben. Jedes meiner Kinder hilft auf unterschiedliche Weise beim Lösen der Klimakrise.

Der Untertitel Ihres Films heisst «Truth to Power». Richten Sie sich mehr an Entscheidungsträger oder eher an die breite Masse?
Beides ist wichtig. Aber in nahezu jeder grossen sozialen Revolution kam der Impuls von der Basis aus. Der Ausspruch «Truth to Power» gründet teilweise auf Mahatma Gandhis Konzept der «Kraft der Wahrheit». Wahrheit hat ihre eigene Anziehungskraft und jeder von uns hat die angeborene Fähigkeit zu spüren, ob etwas eher stimmt oder nicht. Aber die Führung ist natürlich auch von Bedeutung.

Die USA litten jüngst unter schweren Stürmen. Ist den Amerikanern der Zusammenhang mit dem Klimawandel bewusst?
Grundsätzlich ja. Etwas mehr als zwei Drittel der Amerikaner sehen die Verbindung sehr deutlich und möchten, dass die Regierung aktiv wird. Aber es gibt in den USA immer noch das Phänomen, dass Leute den Klimawandel leugnen – mehr als in anderen Ländern. Das ist sicher kein Zufall. Dazu gekommen ist es teilweise deswegen, weil die grossen Kohlenstoff-Sünder das Gleiche machen wie die Tabakhersteller vor einigen Jahren. Damals wurde die Schädlichkeit von Tabak schlicht geleugnet, und die Leute haben es geglaubt.

Weil es für sie einfacher war.
Ja. Aber immer mehr Menschen ändern ihre Meinung. So machen wir Fortschritte.

Die Pressedame unterbricht. «Wir müssen aufhören. Die 15 Minuten sind um.» So viel zu ihrem Versprechen am Anfang. Al Gore jedoch interveniert: «Für eine Frage ist noch Zeit. Wollen Sie noch etwas zu Trump wissen?»

Ja, sehr gerne.
Ich war besorgt, als Donald Trump erklärte, dass die USA aus dem Pariser Abkommen austreten werden. Aber schon am nächsten Tag war ich froh, weil alle anderen Länder der Welt erklärten, sie seien nach wie vor dabei. Und auch in Amerika erklärten die grössten Staaten, Hunderte Städte und Tausende Wirtschaftsführer, noch immer hinter dem Abkommen zu stehen. Es gibt einen Unterschied zwischen Trump und den Vereinigten Staaten. Trump isoliert sich selber. Wir werden gewinnen.

Was kann die Schweiz da tun?
Die Menschen hier haben darüber abgestimmt, dass ihre Regierung mehr tun soll. Danke dafür. Und danke auch an die hiesige Regierung, dass sie mehr macht. Auch wenn jedes Land mehr tun sollte, so wurde doch die Schweiz zu einer Anführerin und dafür bin ich dankbar.

Auch wenn wir ein sehr kleines Volk sind …
Das stimmt. Aber die Schweiz wird bewundert. Sie ist bekannt für die wettbewerbsfähigste Wirtschaft, funktioniert gut und ist ein Vorbild für viele andere Länder.

Ja, die Wahrheit ist auch zwölf Jahre nach «An Inconvenient Truth» immer noch unbequem. Al Gore wird nicht müde, den Finger in die offenen Wunden unseres Planeten zu legen.

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Würde Al Gore für ein Produkt werben, dann wäre der Tenor: Oh nein, nicht schon wieder! Den Text kennen wir doch schon… Doch Al Gores «Produkt» ist nichts Geringeres als unser aller Heimat – die Erde. Ja, wir kennen seine Botschaft. Doch leben wir auch wirklich danach? Kann jeder von uns behaupten, er tue alles in seiner Macht stehende, um die globale Erwärmung nicht noch weiter voranzutreiben. Fahren Sie mit dem Auto zur Arbeit? Mit dem Zug anstatt dem Flugzeug in die Ferien? Recyceln Sie konsequent? Jeder hat wohl seine kleinen Umweltsünden, weshalb auch jeder etwas tun kann für Mutter Erde. Das ist die Botschaft von Al Gore.

Die Zahl und Heftigkeit der Stürme auf der Erde haben zugenommen.

Die Zahl und Heftigkeit der Stürme auf der Erde haben zugenommen.
http://www.coopzeitung.ch/Der+Missionar_+_Wir+werden+gewinnen_ Die Zahl und Heftigkeit der Stürme auf der Erde haben zugenommen.

Der frühere US-Vizepräsident blickt zurück auf die zwölf Jahre, die seit «An Inconvenient Truth» vergangen sind. Seine Bilanz fällt zwiespältig aus, muss ja auch, sonst hätte er wohl kaum eine Fortsetzung gedreht. Die Reden und Präsentationen des heute 69-Jährigen haben nichts an ihrer Eindrücklichkeit verloren. Al Gore hat eine fast greifbare Präsenz. Die Erde kann sich keinen besseren Fürsprecher wünschen als den charismatischen Amerikaner. Dennoch gibt es noch viel zu tun, denn die Temperaturen auf der Erde steigen. «Na und?», werden viele Ignorante fragen. Für all jene, welche die Tragweite der Klimaerwärmung kleinreden wollen oder gar zu jener unsäglichen, von US-Präsident Donald Trump angeführten Gruppe der Klimaerwärmungs-Leugner gehören, hat Al Gore eine beeindruckende Kausalkette parat: 93 Prozent der Erwärmung geht in die Ozeane, wodurch es einerseits immer heftigere Stürme gibt, welche die Insel- und Küstenregionen mit verheerender Wucht treffen. Andererseits werden die extremen Wetterphänomene wie Dürren und Überschwemmungen immer häufiger. Weil es meistens die ohnehin schon ärmsten Regionen der Welt betrifft, steigt die soziale Unzufriedenheit, was wiederum zu Flüchtlingsströmen führt. Und spätestens hier bekommen es auch die wirtschaftlich gutgestellten Länder zu spüren.

Die Gletscher auf Grönland schmelzen immer schneller. Al Gore nimmt einen Augenschein vor Ort.

Die Gletscher auf Grönland schmelzen immer schneller. Al Gore nimmt einen Augenschein vor Ort.
http://www.coopzeitung.ch/Der+Missionar_+_Wir+werden+gewinnen_ Die Gletscher auf Grönland schmelzen immer schneller. Al Gore nimmt einen Augenschein vor Ort.

Um diesen selbstzerstörerischen Trend zu stoppen oder gar umzukehren, gilt es, die Ursache zu bekämpfen: den Schadstoffausstoss. Und da sind die grossen Player gefragt – bevölkerungsreiche Länder wie China, Indien, Russland, USA oder Brasilien. Al Gores Gespräche mit den Indern zeigen aber die andere Perspektive. Mit dem wirtschaftlichen Wohlstand im Rücken sei es für die westlichen Länder einfach, von Wind- und Wasserenergie zu sprechen, sagen sie. Indien könne es sich gar nicht leisten, auf die Kohlekraftwerke zu verzichten. «Und wie oft habt ihr heute schon die Sonne gesehen?», entgegnet Al Gore trocken und zeigt anhand des Smogs in Indien auf, warum die Luftqualität auch den Umweltsündern nicht egal sein kann.

Betroffenheit: Al Gore spricht mit dem Angehörigen von Opfern des Taifuns «Haiyan», der 2013 weite Teile der Philippinen verwüstete.

Betroffenheit: Al Gore spricht mit dem Angehörigen von Opfern des Taifuns «Haiyan», der 2013 weite Teile der Philippinen verwüstete.
http://www.coopzeitung.ch/Der+Missionar_+_Wir+werden+gewinnen_ Betroffenheit: Al Gore spricht mit dem Angehörigen von Opfern des Taifuns «Haiyan», der 2013 weite Teile der Philippinen verwüstete.

Spannung mit einem Dokumentarfilm zu erzeugen, ist eine Kunst. «An Inconvenient Sequel» baut diese Spannung mit der aufwühlenden Weltklimakonferenz in Paris 2015 auf. Im Schatten der Terroranschläge in der französischen Hauptstadt wird um das Abkommen gekämpft, Al Gore  als entscheidender Akteur für das Zustandekommen inszeniert. Ob er wirklich ausschlaggebend war, ist nicht belegt. Wie er jedoch mit den internationalen Entscheidungsträgern vernetzt ist, und welches Ansehen er geniesst, das macht Eindruck.

Auf du und du mit den Entscheidungsträgern: Al Gore und Kanadas Staatschef Justin Trudeau.

Auf du und du mit den Entscheidungsträgern: Al Gore und Kanadas Staatschef Justin Trudeau.
http://www.coopzeitung.ch/Der+Missionar_+_Wir+werden+gewinnen_ Auf du und du mit den Entscheidungsträgern: Al Gore und Kanadas Staatschef Justin Trudeau.

Das Ende mussten die Filmemacher nach Abschluss des Films noch einmal umbauen. Neu bildet Donald Trumps Rückenschuss, seine Ankündigung, das Pariser Abkommen zu kündigen, den Abschluss. Doch Al Gore wäre nicht Al Gore, würde er sich davon ins Bockshorn jagen lassen. «Wir werden gewinnen», lautet seine Botschaft. «Wir», das ist die ganze Welt. Die Botschaft wird ziemlich pathetisch an den Mann gebracht. Zu pathetisch für jedes andere Produkt als die Erde. Unser Planet kann froh sein, dass Al Gore auch mit 69 Jahren immer noch voller Leidenschaft für seine Mission ist.

Credits:
Filmstart: ab 12. Oktober 2017 in den Deutschschweizer Kinos
Land: USA, 2017
Länge: 98 Minuten
Regie: Bonni Cohen, Jon Shenk

  • Albert Arnold Gore Jr. wurde am 31. März 1948 in Washington D.C. geboren.
  • Er trat in die Fussstapfen seines Vaters, war erst Abgeordneter, dann Senator von Tennessee.
  • 1988 scheiterte er als Präsidentschaftskandidat, amtierte dann unter Bill Clinton als Vizepräsident.
  • Nach seiner Wahlniederlage gegen George W. Bush im Jahr 2000 verschrieb er sich dem Kampf gegen den Klimawandel.
  • Er erhielt 2007 den Friedensnobelpreis.

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Fabian Kern

Redaktor

Text:
Noëmi Kern
Foto:
Paramount Pictures, Zurich Film Festival
Veröffentlicht:
Montag 16.10.2017, 16:54 Uhr

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