Der Notruf

Schneider: Ich trete in die Pedale wie auf Epo. Meine kleine Tochter hat vor wenigen Minuten mit Schreibers Handy, das sie auf deren Geheiss mitnehmen musste, angerufen und geschluchzt, sie sei auf einem Waldweg gestürzt und blute. Ich wars, der sie ermutigt hatte, alleine eine Velotour zu unternehmen. Hatte mich gegen Schreiber durchgesetzt, die Bedenken hatte, eine Zehnjährige allein losziehen zu lassen. Ich erwiderte, Kinder bauten ihr Selbstwertgefühl auf, indem man sie machen lasse und nicht ständig behüte. Nach vier weiteren Minuten Höchstgeschwindigkeit sehe ich am Waldrand in einer Senke meine Tochter am Boden hocken. Das Velo liegt im Schlamm. Ich nehme Ida in den Arm, sie zittert. In ihrer Backe steckt ein kleiner Kieselstein.

«

In ihrer Backe steckt ein Stein, ihr Kinn blutet.»

Ihr Kinn blutet. Sie sagt, das Vorderrad sei im Schlamm weggerutscht. Ich drücke sie fester. Dann reinige ich mit einem Taschentuch ihre Wange, untersuche die Wunde, stelle das Velo auf die Räder, kratze den Dreck vom Lenker und den Pedalen und sage: «Es ist ja alles noch einmal gut gegangen, gell? Meinst du, du kannst mit dem Velo nach Hause fahren?» «Ja», sagt sie, zieht den Schnuder hoch und steigt auf. Das ist meine Tochter!

Schreiber: Vielleicht hatte Schneider doch recht, dachte ich vorhin, wenn er sagt, man solle Kinder machen lassen. Aber jetzt bricht es mir das Herz, als ich meine Tochter sehe: komplett verdreckt, Kinn und Hände aufgeschürft, ein blutiges Loch in der Wange. «Alles halb so schlimm», sagt Schneider, als sich unsere Piccolina in meine Arme wirft und wimmert. Ich drücke sie an mich. «Noch mal gut gegangen, Süsse!» Schneider beobachtet mich, grinst und zwinkert mir zu.

«

So, nun knöpfe ich mir Schneider vor.»

Das glaub ich nicht! Ich lasse ihn stehen und kümmere mich um meine Patientin, verarzte sie und lasse ihr eine Badewanne ein. Dann knöpfe ich mir Schneider vor. «Wieso grinst du? Das hätte schlimm ausgehen können.» «Ist es aber nicht. Dafür eine tolle Erfahrung: Hinfallen und aufstehen, die Krise überstehen und eine kleine Narbe fürs Leben davontragen.» «Und du wolltest nicht mal, dass ich ihr mein Handy mitgebe!» «Nein. Sie wäre auch so irgendwie allein zurückgekommen.» «Ach, und wenn sie ihr Bein gebrochen hätte?» «Hat sie aber nicht», sagt Schneider. Mir wird klar: Wenn man so einen Mann wie meinen hat, ist es notwendig, ein Handy zu haben, das man seinen Kindern auf ihre Abenteuerreisen mitgeben kann.

 (Coopzeitung Nr. 42/2014)

Schafft ein Handy Sicherheit?

Sybil und Steven im Duell. Wer hat die besseren Argumente? Stimmen Sie hier ab.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 13.10.2014, 20:30 Uhr

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