Der Schlafwagen

Sie: Nun ist es da, unser neues Auto, zwar gebraucht, aber dafür auch günstiger. Elektronisch ist es auf neustem Stand, und, vor allem, mit einem Innenleben ausgestattet, das mich mächtig begeistert: Im Dach steckt ein Doppelbett mit Lattenrost samt Matratze! Ab sofort können wir unterwegs von hier nach dort schwuppdiwupp ein Nachtlager aufklappen. Und wenn ich meine Freundin im Prättigau besuche, kann ich auf dem Weg am Waldrand eine Siesta in einem richtig guten Bett machen. Herrlich! Mein Traum von einem Auto ist wahr geworden – ein Traum, den ich seit meiner Kindheit habe, als Freunde meiner Eltern auf dem Campingplatz in Elba einfach ihr Bus-Dach hochklappten, während wir schwitzend und fluchend ein windschiefes Hauszelt in den Sand setzten und von Ameisen überfallen wurden.

«

Nun ist es da, unser neues Auto. Ein Traum!»

Schon bald werden wir unsere erste Nacht im siebten Himmel verbringen, mitten in der Natur. Schneider findet meine Aufregung reichlich übertrieben. «Glaub’ bloss nicht, dass wir jetzt auf jeder Fahrt zwangsschlafen, nur damit du glücklich bist.» «Wer redet von Zwang? Unser neues Auto hat einen elektronischen Müdigkeitsmelder. Blinkt der auf, bedeutet das …» «Wie bitte?» «… ab ins Bett – oder genauer: unters Dach!»

Er: «Du bist einfach kein typischer Mann», behauptet Schreiber. Kann schon sein. Denn es ist mir egal, was für ein Auto ich fahre. Solange es zuverlässig und sparsam ist und über genügend Platz verfügt, ist mir alles recht. Ein Auto ist bloss ein Transportmittel, weder ein Symbol meiner Persönlichkeit noch eine Vergrösserung meiner Männlichkeit. Und nun ist Schreiber aus dem Häuschen, denn auf unserem Vorplatz steht ihr Traumbus: dunkel-blau glänzend, ausgestattet mit allen Schikanen nach ihren Vorstellungen. Sie wirft dem Auto verliebte Blicke zu und streichelt es zärtlich. Gehts noch? Sie sollte gefälligst mir um den Hals fallen, denn zum Bus ist sie nur dank meines raffinierten Handelsabkommens gekommen, das da lautete: «Wir kaufen dein Traumauto nur unter der Bedingung, dass du dann endlich an deinen Kurzgeschichten weiterschreibst und sie an einen Verlag schickst!»

«

Sie wirft dem Auto verliebte Blicke zu.»

Nach diesem Vorschlag fiel sie mir damals freudestrahlend um den Hals und machte sich sofort an die Arbeit: nämlich ausgiebig Auto-Kataloge zu studieren und mit gelben Zettelchen zu versehen. Dann machte sie sich mit Verve auf die Suche. Nur an ihren Kurzgeschichten hat sie bis heute nicht weitergearbeitet.

 (Coopzeitung Nr. 37/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 12.09.2016, 16:00 Uhr

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