Alltäglich ist anders: Guido Varesi mit Richtschwert in seinem Henkermuseum.

Der Vollstecher – ein Mann fürs Sinistre

Guido Varesi ist nicht nur Tätowierkünstler mit einem Sinn für abgründige Kunstwerke, er führt auch das einzige Henkermuseum der Schweiz. Vor allem aber ist er ein äusserst friedlicher Zeitgenosse.

Wer in der Schweiz ein Henkermuseum betreibt, muss ein ziemlich finsterer Mensch sein. Das sieht Guido Varesi allerdings nicht ganz so. Und er muss es wissen. Denn er betreibt nicht nur im baselländischen Sissach das einzige Henkermuseum der Schweiz, sondern ist auch mit Leib und Seele Tätowierer – seit gut dreissig Jahren. Und obschon er bekannt ist für seine sinistren Tattoos, sagt er von sich: «Ich bin kein negativer Mensch, ich habe ein sonniges Gemüt.»

Tatsächlich, wer dem 53-jährigen Nonkonformisten gegenübersitzt, erlebt weder einen martialischen Gewaltverherrlicher noch einen depressiven Spinner. Sondern einen offenen und empathischen Familienmenschen, der bereits Grossvater ist und mit viel Stolz von seinen beiden Söhnen erzählt, die in seine Fussstapfen getreten sind und die Tätowiernadel führen. Und der von seiner Frau «Jackie» sagt: «Wir sind seit über dreissig Jahren zusammen und wie aus einem Guss. Wo andere zusammen Ferien am Strand machen, steigen wir zusammen in dunkle Keller auf der Suche nach Exponaten für das Museum.»

Nur, woher die Faszination für das Makabre kommt, ist nicht so ganz klar. Es war schon immer da. Obwohl Guido Varesi keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Er, der gerne Fleisch isst, legt grossen Wert darauf, dass das Fleisch, das bei ihm auf dem Teller landet, von einem natürlich gehaltenen Tier stammt, das auf schonende Art geschlachtet wurde. Genauso, wie er auch ein Gegner der Todesstrafe ist. Auch wenn sein Museum eine andere Sprache spricht. Bestaunen die Besucher dort doch unerwartete Dinge wie das originale Richtschwert, mit dem Anna Göldin, die «letzte Hexe» der Schweiz, enthauptet wurde. Nebst einer ganzen Anzahl weiterer Gerätschaften, mit denen in früheren Zeiten Angst und Schrecken verbreitet wurden.

Frühe Bestimmung

Es ist nicht eine sadistische Neigung, die Varesi umtreibt. Vielmehr ist es die Faszination von der dunklen Seite im Menschen. «Eine Tante von mir sagte einmal, ich sei das makaberste Kind, das sie je gesehen hätte.» Was womöglich daran lag, dass er schon als kleiner Knopf ein Faible für Beerdigungen hatte. Nebst einem grossen Interesse für Piraten und Cowboys. «So Bubensachen haben mich immer fasziniert. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der alles verweiblicht wurde. Wahrscheinlich habe ich auch deshalb oft den Gegenpol gesucht.»

Entsprechend absolvierte er als Jugendlicher eine Berufslehre als Steinmetz, was ihm entgegenkam, bestand doch ein Grossteil der Arbeit im Gestalten von Grabsteinen. Aber die Probleme liessen nicht lange auf sich warten: «Ich war mir nie einig mit dem Lehrmeister, wenn es um die Gestaltung der Steine ging.» Deshalb besann er sich schon früh auf das, was ihn wirklich faszinierte, wo er viele seiner Fantasien verwirklichen konnte: das Tätowieren. Damals, 1988, als er in Sissach sein Tätowierstudio «Varry’s Tattoo» eröffnete, war er einer der Ersten professionellen Tätowierer der Schweiz und baute, mangels Angebot, seine ersten Tätowiermaschinen gleich selber.

Heute ist er Vizepräsident des Schweizerischen Tätowiererverbandes und setzt sich für hohe hygienische Standards in der Tätowiererszene ein. Allerdings bleibt die Nadel nach wie vor sein wichtigstes Werkzeug, um zu seiner Ausdrucksform zu finden. Wenn er tätowiert, sind es oft dunkle Figuren und Dämonen, wie er erläutert: «Natürlich kann ich auch Blümchen tätowieren, aber mich interessieren die finsteren Bilder, so wie sie auch HR Giger gestaltete.» Er ist ein grosser Bewunderer des vor zwei Jahren verstorbenen Künstlers, der seine eigene Horrorwelt kreierte und mit seinen Alien-Figuren sogar einen Oscar einheimste. Was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte, denn Giger war auch von Varesis dunkler Bildwelt sehr angetan.

So war es von den Tattoos zum 1999 eröffneten Henkermuseum nur ein logischer Schritt. Schliesslich sammelte der Tätowierer mit einem Faible für die Abgründe der Menschheit schon immer sonderliche Dinge. Von Überbleibseln der Titanic bis hin zum ersten Modell der Guillotine, mit welchem der französische Arzt Joseph-Ignace Guillotin im 18. Jahrhundert für ein «humanes» Vollstreckungsinstrument der Todesstrafe warb. Eine Sammlung übrigens, die ihm Kontakte mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt bescherte, manchmal auch   ziemlich ungewöhnliche: «Einmal meldete sich ein netter älterer Herr im Hawaiihemd, der mir verschiedene Exponate für meine Sammlung anbot.» Dass es sich um den letzten Scharfrichter von Algerien handelte, stellte sich dann erst später heraus.

Definitiv, es sind die Abgründe der Menschheit, die Varesi anziehen, wie er erklärt: «Ich habe mich immer für Geschichte interessiert und dabei festgestellt, dass alle Länder auch ihre dunklen Seiten haben. Nur die Schweiz hat nur Heidi und Co. zu bieten. Aber nach einem Besuch bei Madame Tussaud in London wurde mir klar, was in der Schweiz fehlt.» Ein Henkermuseum.

Zur Homepage des Henkermuseums

...im Leben von Guido Varesi

1985: die Heirat mit seiner Frau Jackie.

1985: die Geburt seines Sohnes Damien.

1987: die Geburt seines Sohnes Floyd.

Kommentare (1)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.










Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?