Der Vorausschauer

Er: Es ist verzwickt: Seit wir TV-Serien als ganze Staffeln auf DVD haben, müssen wir unsere Freizeit am Abend anders einteilen. Damit wir uns vor lauter Serien nicht aus den Augen verlieren, schauen wir deshalb gemeinsam. Was harmlos anfing mit dieser durchgeknallten Patchwork-Familie in «Türkisch für Anfänger», setzt sich in Hochspannung fort: Wir sind bei «Homeland» gelandet, einer US-Serie über die CIA.

 
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Eine für mich atemberaubende Geschichte, stellenweise brutal, aber auch voller Identifikationspotenzial und mit grandiosen Schauspielern besetzt.

«

Sie hält es kaum noch aus auf dem Sofa.»

Schreiber sieht das genauso, mit einem klitzekleinen Unterschied: Sie erträgt die brutalen Szenen nicht. Kündigt sich eine an, wird sie nervös, greift nach einem Kissen, das sie sich vor die Augen drücken könnte, atmet kaum noch und japst: «Dreh den Ton leiser!» Steigt die Spannung weiter an, hält es Schreiber nicht mehr auf dem Sofa. Sie stemmt sich mit Tempo aus den Polstern, rennt in die Küche und bleibt dort abrupt stehen, schaut zurück und fragt: «Ist es vorbei? Kann ich wieder kommen?» Kann sie schon. Aber angesichts ihrer nächsten Fluchtattacke, was meinen Filmgenuss erheblich stört, frage ich mich: Will ich das?

Sie: Eigentlich ist mir diese Serie viel zu brutal! Doch gleichzeitig will ich wissen, was Carrie Mathison widerfährt, dieser knallharten und sensiblen CIA-Agentin. Ein Dilemma, das ich bewältige, indem ich selektiv zusehe. Dazu benötige ich Schneider. Er ist mein Vorausschauer. Während ich in der Küche ausharre und nur hören kann, was ich nicht sehen will, beobachte ich ihn. Er sitzt auf dem Sofa, zuckt mit keiner Wimper, als blicke er der Wettervorhersage zu und keinem Bombenangriff. Hat der keine Gefühle? 

«

Eine Bombe, ich zucke zusammen, er schreit.»

«Willst du auch einen Tee?» Null Reaktion. «Ich mach was mit Eisenkraut, das magst du doch!», rufe ich, als grad Feuerpause ist. Stille. Atmet er noch? «Mit einem Keks dazu?» Schweigen. «Kann ich wieder kommen?», frage ich freundlich. «Wenns unbedingt sein muss», schimpft Schneider. Wie bitte? Witzbold! «Ich brauch dich! Du musst mir doch erzählen, was ich verpasse», sage ich lachend. Schneider seufzt. Ich halte ihm den Tee hin und sage: «Von mir aus könnten wir schlimme Szenen auch einfach vorspulen.» Schneider rollt die Augen, da explodiert eine Bombe. Ich zucke zusammen, die heisse Brühe schwappt ihm aufs Bein. Er schreit. Sag’ ich doch, diese Serie ist brutal! 

 (Coopzeitung Nr. 16/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 13.04.2015, 00:00 Uhr

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