Der längste Tag

Er: Ein gemeinsames Schlafzimmer hat Gutes, aber nicht nur: Zum Beispiel ist das Lichtbedürfnis von Schreiber und mir sehr unterschiedlich. Ich mags rabenschwarz, sie taghell.

«Hier, nimm die Schlafbrille, so wirds zappenduster», sagt sie, als sie beim Insbettgehen die Rollläden aufmacht und die Strassenlaternen ihr grelles Licht in unser Zimmer schleudern.

«

Ich mags rabenschwarz, sie mags taghell.»

Schlafbrille! Wann kapiert sie, dass eine Schlafbrille sich bei jeder Drehung verschiebt? Die hing mir morgens auch schon an der Stirn oder am Kinn. «Schlafbrillen prinzipiell nur im Flugzeug!», sage ich. «Und unser Bett ist kein Jet.»

«Sei nicht heikel. Ich kenne viele Leute, die damit schlafen.» «Ach, wen denn?» «Na ja, viele ist etwas übertrieben», gibt sie kleinlaut zu. Es ist zum Verzweifeln. Unsere Lichtdiskussion ist nie erhellend. Wir werden uns seit Jahren nicht einig. Und wenn andere sich über den längsten Tag freuen, denke ich bloss an die kürzeste Nacht. Immerhin, ein Gegenmittel gibts: abtauchen im Gästezimmer.

Schreiber versteht das nicht: «Wo liegt das Problem? Du stehst doch gerne frühmorgens auf!»
Absolut, ich liebe das Morgenlicht! Aber nur dann, wenn ich vorher einige Stunden in Dunkelheit schlafen durfte.

Sie: Mein Maulwurf verbuddelt sich unter Kissen, seufzt überlaut, wenn ein Spalt breit Licht ins Zimmer strahlt, und wirft sich dann demonstrativ auf die andere Seite. Er will es kellerdunkel,  bis der Wecker klingelt. Ich ticke anders: «Ich wache besser auf, wenn ich den Tag kommen sehe», erkläre ich ihm zum wiederholten Male.

«

Ich liebe es, den Tag kommen zu sehen.»

«Wie kannst du ihn kommen sehen, wenn du die Augen zu hast?», kontert Schneider.
«Ach, dann ist es bei dir also rabenschwarz, wenn du die Augen schliesst?» Schneider denkt nach, merkt, dass er ein Eigentor geschossen hat, und sagt: «Es ist genetisch geregelt: Dunkelheit heisst Schlafen, Helligkeit heisst Wachsein.» Er steht auf, kurbelt die Rollläden wieder runter und schlüpft zurück ins Bett.

Ich sehe gar nichts mehr – wie kann ich da schlafen? Wäre es eine Lösung, abwechslungsweise mal hell, mal dunkel zu pennen? Oder soll ich Schneider eine passgerechte Schlafbrille schneidern?
Sein Atem geht ruhig. Ich warte noch ein Weilchen, stehe sachte auf und kippe dann gaaaanz leise die Lamellen unserer Storen, damit am Morgen Sonnenlicht meine Nasenspitze kitzeln kann. Ist nämlich immer noch die allerbeste Lösung: helldunkel einschlafen und hellheiter aufwachen.

 (Coopzeitung Nr. 25/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 20.06.2016, 00:00 Uhr

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