Dialekte: Lebendiger Teil der Schweizer Kultur

Die verschiedenen Dialekte sind untrennbar mit der Schweizer Kultur und Mentalität verbunden. Daher möchten auch immer mehr Zugewanderte den lokalen Dialekt lernen.

Sie kommen aus Brasilien, Bulgarien, Aserbaidschan, Griechenland und Deutschland. Und sie alle wollen Schweizerdeutsch lernen. Baseldeutsch, besser gesagt. Im Kurs erklären die Lehrerinnen Monika Georg und Lotti Herrmann ihren Schülerinnen und Schülern zum Beispiel den Unterschied zwischen jemandem «e Fungg gää» und jemandem «aalütte». Ersteres verwende man vor allem im Freundeskreis, Letzteres auch im Umgang mit Fremden.
Es sind kleine, aber feine Unterschiede. Doch wenn man sie kennt, hilft es einem, sich in der Schweiz wohlzufühlen, sich zu integrieren. «Wenn ich mit Schweizern Hochdeutsch rede, sind sie oft etwas distanziert. Nur schon zwei, drei Wörter Baseldeutsch wirken da Wunder», erzählt Agapi Fostiropoulos, die den Fortgeschrittenen-Kurs an der GGG (Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige) in Basel besucht. Sie ist als Tochter einer Schweizerin und eines Griechen in Griechenland aufgewachsen und hat dort eine Deutsche Schule besucht. Dass sie sich als Kind geweigert hat, Schweizerdeutsch zu sprechen, bereut die 34-Jährige heute.

Etwa die Hälfte der Kursteilnehmer hat Deutsch als Muttersprache. 

Etwa die Hälfte der Kursteilnehmer hat Deutsch als Muttersprache. 
http://www.coopzeitung.ch/Dialekte_+Lebendiger+Teil+der+Schweizer+Kultur_ Etwa die Hälfte der Kursteilnehmer hat Deutsch als Muttersprache. 

Dialektkurse sind gefragt

Auch die Brasilianerin Venicia Mathias Muff (52) besucht den Baseldeutsch-Kurs. Sie lebt zwar schon seit 23 Jahren in der Schweiz, weil aber ihr Ex-Mann sehr gut Portugiesisch konnte, war es ihr lange Zeit kein Bedürfnis, Schweizerdeutsch zu lernen. «Mein neuer Freund hat mir nun aber ans Herz gelegt, einen Kurs zu besuchen.» Denn gerade wenn sie mit ihm und dessen Kollegen zusammen sei, würde es helfen, Schweizerdeutsch zu können.
Agapi und Venicia sind keine Ausnahmen. Immer mehr Zugewanderte möchten Schweizerdeutsch lernen, das bestätigen Kursanbieter in der ganzen Schweiz. «Seit etwa drei oder vier Jahren steigt die Nachfrage nach Schweizerdeutsch-Kursen», sagt Anatol Schenker, Schulleiter der GGG. Angeboten würden sie aber schon seit knapp 40 Jahren. «Früher wollten vor allem Tessiner, Romands und Elsässer Schweizerdeutsch lernen», erinnert er sich. Heute seien es praktisch nur Ausländer, etwa die Hälfte mit deutscher Muttersprache.

Agapi Fostiropoulos

Agapi Fostiropoulos
http://www.coopzeitung.ch/Dialekte_+Lebendiger+Teil+der+Schweizer+Kultur_ Agapi Fostiropoulos
«

Schweizerdeutsch klingt sehr musikalisch»

Agapi Fostiropoulos

Regionale Eigenheiten

Doch warum ist der Dialekt, ist das Schweizerdeutsche heute so wichtig – vielleicht sogar wichtiger denn je? «Es ist sicher eine Art Gegentrend zur Globalisierung», sagt Anatol Schenker. Man besinne sich wieder mehr auf lokale und regionale Eigenheiten. Für Agapi Fostiropoulos steht die Integration und die Bedeutung für die zwischenmenschliche Kommunikation im Zentrum. «Als ich mit 18 Jahren fürs Studium in die Schweiz kam, verstand ich kein Schweizerdeutsch.» Witze habe sie oft nicht mitgekriegt und es sei ihr schwergefallen, sich wirklich wohlzufühlen. Nach einigen Jahren Unterbruch wohnt sie jetzt seit zwei Jahren wieder in der Schweiz. Und ihr sei bewusst geworden, wie sehr der Dialekt ein Bestandteil der Schweizer Mentalität und Kultur sei. «Schweizer sind sehr stolz auf ihre Dialekte – das kenne ich aus anderen Ländern so nicht.»
Für Schweizer steht der eigene Dialekt für Heimat, für Identität. Er zeigt die Zugehörigkeit zu einer gewissen Gruppe von Menschen, zu einer bestimmten Region. Gerade an traditionellen Anlässen werden die Dialekte daher regelrecht zelebriert. «Nirgends ist das Baseldeutsch so wichtig wie an der Fasnacht», sagt Baseldeutsch-Lehrerin Monika Georg. «Dann kommen auch ältere Ausdrücke wie Gnäggis und Miggis* zum Zug, die in der Alltagssprache schon nicht mehr verwendet werden.» Denn der aktiv benutzte Wortschatz verändert sich schnell, oft schon innert einer Generation. Dem Grunddialekt ihrer Kindheit bleiben die meisten Menschen allerdings ihr Leben lang treu, selbst wenn sie später in einer anderen Region der Schweiz leben.
Daher erstaunt es auch nicht, dass in der kleinräumigen Schweiz – trotz gestiegener Mobilität – immer noch eine grosse Vielfalt an unterschiedlichen Dialekten herrscht. Wie viele genau, darüber ist man sich nicht ganz einig. Oft werden einfach die Kantonsgrenzen als Dialektgrenzen angenommen. Dabei gibt es auch innerhalb der Kantone wieder verschiedene Richtungen. So sprechen die Leute im St. Galler Rheintal anders als jene in der Stadt St. Gallen oder im Toggenburg. Und die Grenzen sind fliessend. Selbst Wissenschaftler tun sich schwer damit, absolute Sprachräume festzulegen. Im «Kleinen Sprachatlas der deutschen Schweiz», den die Germanistin Helen Christen (siehe Interview Seite 19) mitherausgegeben hat, bilden sich je nach Wort, das betrachtet wird, wieder andere Räume und Grenzen.

Kursleiterin Monika Georg erklärt den Unterschied zwischen «öbber» und «öbbis».

Kursleiterin Monika Georg erklärt den Unterschied zwischen «öbber» und «öbbis».
http://www.coopzeitung.ch/Dialekte_+Lebendiger+Teil+der+Schweizer+Kultur_ Kursleiterin Monika Georg erklärt den Unterschied zwischen «öbber» und «öbbis».

Beliebte und unbeliebte Dialekte

Nimmt man die Kantone als Dialekträume, dann zeigt sich in den meisten Umfragen: der Berner Dialekt ist am beliebtesten. Auch den Bündnern und den Wallisern hört man gerne zu. Auf den hinteren Rängen landen hingegen die Ostschweizer. Unvergessen die Debatte in den Medien, als die Thurgauerin Anita Buri 1999 zur Miss Schweiz gekürt wurde. «Darf eine so schöne Frau so hässlich sprechen?», fragte der Blick und trat eine Diskussion los. Doch woher kommt eigentlich die Beliebtheit oder Unbeliebtheit eines Dialekts? Es sei schwierig zu sagen, ob es eher der Klang sei, oder was die Leute mit bestimmten Orten verbinden, sagt Helen Christen. «Die Einstellung zu einem Dialekt und zur Region, die er repräsentiert, sind unauflösbar miteinander verwoben.» Das zeige sich zum Beispiel beim Sächsischen, das in Deutschland als eher hässlich gelte, wohl weil man es mit der früheren DDR in Zusammenhang bringe. «Wenn man Schweizern Hörbeispiele aus Sachsen vorspielt, dann fehlt ihnen dieser örtliche und politische Bezug, und sie finden den Dialekt lustig und sympathisch.»

Venicia Mathias Muff gefallen Wörter mit einem «i» am Schluss: zum Beispiel Dääfeli.

Venicia Mathias Muff gefallen Wörter mit einem «i» am Schluss: zum Beispiel Dääfeli.
http://www.coopzeitung.ch/Dialekte_+Lebendiger+Teil+der+Schweizer+Kultur_ Venicia Mathias Muff gefallen Wörter mit einem «i» am Schluss: zum Beispiel Dääfeli.

Schweizerdeutsch macht gute Laune

Doch egal, welchen Dialekt Sie nun sprechen. Aus dem grossen Kanton im Norden erreichen uns positive Neuigkeiten: Forscher der Universität Erfurt haben nämlich herausgefunden, dass die vielen hellen Vokale wie «i» und «e» im Schweizerdeutschen die Stimmung verbessern würden.

*Gnäggis = Bub, Kind; Miggis = wertloses Zeug, Kleinkram  

Frage der Woche

«

Ist Schweizerdeutsch eine eigene Sprache?»

Was denken Sie, ist Schweizerdeutsch einfach eine Mundart oder eine eigenständige Sprache?

Hier gehts zu weiteren Wochenfragen

«Der Wortschatz verändert sich»

Germanistin Helen Christen ist Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Fribourg.

Germanistin Helen Christen ist Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Fribourg.
http://www.coopzeitung.ch/Dialekte_+Lebendiger+Teil+der+Schweizer+Kultur_ Germanistin Helen Christen ist Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Fribourg.

Coopzeitung: Meine Eltern verwenden Dialektwörter, die ich schon nicht mehr benutze. Ist es ein neues Phänomen, dass sich die Sprache so schnell verändert?
Helen Christen: Jein. Dass die Jüngeren gewisse Wörter der älteren Generation nicht mehr verwenden oder dass neue Wörter hinzukommen, das hat es schon immer gegeben. Möglich ist allerdings, dass das Tempo der Veränderung zugenommen hat.

Finden Sie das nicht schade?
Wörter gehen verloren, das ist so. Menschen brauchen die Sprache, um miteinander zu reden und nicht, um bestimmte Dialektwörter zu gebrauchen. Übrigens verändert sich vor allem der Wortschatz. Die Aussprache der Vokale und Konsonanten, die «Lautung», verändert sich viel langsamer.

Gab es vor 200 Jahren noch mehr verschiedene Dialekte?
Früher benutzten die Leute im einen Dorf vielleicht ein Wort, wofür man im nächsten Dorf schon ein anderes brauchte. Heute gibt es eine gewisse Ausgleichstendenz. Sehr lokale Formen werden weniger benutzt oder ganz aufgegeben. Dies sieht man im ganzen deutschen Sprachraum. Etwa bei Wörtern wie Schmetterling, Butter oder Löwenzahn. Da gibt es viele regionale Ausdrücke wie Pusteblume, Söiblueme oder Chrottepösche, die zugunsten des gemeinsamen Wortes, das auch im Hochdeutschen vorkommt, verschwinden.

Verändert sich die Sprache in städtischen Gebieten schneller als auf dem Land?
Das könnte man denken, weil in Städten die Zuwanderung grösser ist. Allerdings haben sich gerade in den Schweizer Städten die Dialekte gut halten können. Viele der Zugewanderten behalten zwar ihren eigenen Dialekt oder Akzent, doch deren Kinder haben sich bisher rasch den lokalen Dialekt angeeignet.


Quelle: Repräsentative Meinungsumfrage LINK/561 Interviews 2002
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Informationen zu den Baseldeutsch-Kursen
Angebote für Zürichdeutsch-Kurse
Regionalwörterbuch: Das Schweizerische Idiotikon 
Das Chochichäschtli-Orakel erkennt Ihre Herkunft

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Nicole Hättenschwiler
Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 13.10.2014, 21:50 Uhr

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