Die Blumendecke

Sie: Ich brauche etwas zum Anziehen, denn unsere Ältere wird gefirmt. Sie lädt zum Fest viel Verwandtschaft und ihre beste Freundin ein, und da möchte ich natürlich hübsch aussehen. «Gönn dir einen Einkaufsbummel», hatte Schneider gemeint, und jetzt bin ich so weit. Ich schenke mir einen Nachmittag in der Stadt und suche das Teil.

Doch nach drei Stunden an- und ausziehen, zwängen und seufzen, staunen und kreischen, beginne ich an mir zu zweifeln. Und an der Mode. Mal sehe ich brav und fad aus, mal ist der Jupe zu kurz, mal bin ich zu lang.

«

Mir wird ganz leicht zumute.»

Bei einem Kleid werden meine kräftigen Knie derart betont, dass sogar die Verkäuferin bei deren Anblick zusammenzuckt und rasch den Vorhang schliesst.

Schneider hatte auch gesagt: «Du kaufst dir selten was, also gönn dir doch was Tolles».

Bloss was? Ich möchte gerne etwas Ungewöhnliches, etwas Freches, etwas Feminines, etwas Künstlerisches, etwas Heiteres. Nichts Strenges, nichts Dunkles, nichts Unbequemes.Da entdecke ich auf einmal eine Blumenwiese. Mit Ärmeln. Tailliert. Mir wird ganz leicht zumute. «Ein echter Hin-
gucker», sagt die Verkäuferin. «Sie können das tragen.» Na, wenn die das sagt! Ich schlüpfe rein. Und dann gebe ich mir den Schubs.

Er: Schreiber schleppt aufgeregt Tüten ins Haus, sagt: «Setz dich!», und huscht ins Bad. Ich höre Reissverschlüsse sirren. Sie ruft durch die Türe: «Augen zu, muss Schuhe suchen.» Sie geht zur Garderobe, dann klackern Absätze auf dem Holzboden. «Nicht blinzeln», mahnt sie, «ich brauche noch Lippenstift.»

Die Firmung ist doch nicht heute, denke ich. «Gleich kannst du gucken», trällert sie. Ich nehme meine Aufgabe ernst, halte die Augen geschlossen und hoffe sehr, dass sie etwas Schickes gefunden hat.

«

Soll ich wirklich ganz ehrlich sein?»

«Also, gell», sagt sie, «ich hab etwas gewagt, und ich kann das auch umtauschen, also,
es ist halt schon ein bisschen ungewöhnlich für mich, hmm, ich weiss nicht, vielleicht hab ich mich von der Verkäuferin falsch beraten lassen, also ...»

«Darf ich jetzt endlich schauen?» «Tataaaa! Und bitte, sage ganz, ganz ehrlich, wie du es
findest.»

Ich öffne die Augen. Vor mir steht Schreiber mit roten Lippen und hektischen Flecken am Hals und kommentiert nervös: «Das ist Peach, die Modefarbe dieses Sommers». Darüber trägt sie eine wahnsinnig lange geblümte Tischdecke. Vielleicht so etwas wie eine Jacke? Jedenfalls bin ich nicht sicher, ob ich nun ganz, ganz ehrlich sagen soll, wie ich das finde.

 (Coopzeitung Nr. 18/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 02.05.2016, 00:00 Uhr

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