Die Endlosschleife

Sie packt ein und bringt ihn aus der Fassung.

Sybil Schreiber: Freunde haben uns zum Essen eingeladen. Während ich Geschenkschleifen binde, fällt mir ein, wie das früher ablief: Weder Schneider noch ich dachten an ein Mitbringsel und so rasten wir in letzter Sekunde in einen Tankstellen-Shop, um überteuerte Pralinés oder fragwürdige Blumengestecke zu organisieren. 

«

Geschenke organisieren? Das mache ich.»

Das ist passé, seit ich die Schenkchefin bin. Ich organisiere jeweils für jedes Familienmitglied eine Aufmerksamkeit. Im Sonderfall auch für das Haustier der Gastgeber. Und damit aus einem normalen Gegenstand ein Geschenk wird, muss die richtige Verpackung her. Ich verbringe also viel Zeit, um Holzbrett, Gemüseschäler und Bio-Gurke originell einzukleiden. Oder einen kiloschweren Kauknochen mit Krepppapier in einen Papierhund zu verwandeln. Stolz bin ich auf meine Kreation «Aus-Flasche-wird-Bonbon»: Mit Seidenpapier und Bändel zaubere ich aus Hochprozentigem Kitschhochburgen. Während ich also grad ein Badeöl und selbst gefundene Muscheln in einen Mini-Strandkorb fülle, baut sich vor mir eine schäumende Welle der Empörung auf. Schneider! Er zischt, als wäre er die Gischt am Kap der Guten Hoffnung: «Wir wollten vor einer halben Stunde losfahren und du spielst Basteltante!»

Steven Schneider: Was ist das für ein Impuls, alles in letzter Minute zu erledigen? Schreiber verfällt in hausgemachte Hektik, bloss weil sie wieder mal die Zeit vergessen hat. Ich kenne das. 

«

Sie hat wieder mal die Zeit vergessen.»

Besser: Ich kannte es. Zum Beispiel aus meiner Gymnasialzeit, als ich sieben Minuten vor Beginn der Chemieprüfung mit Lernen anfing. Und auch wenn ich nie eine gute Note in Chemie erzielte, so habe ich damals doch etwas gelernt: nicht bis zum letzten Moment zu warten. Jetzt warte ich schon eine Viertelstunde vor dem Auto – und es reicht! Ich gehe hoch und sehe: Unser Schlafzimmer gleicht einem Geschenkeparadies. Es funkelt, glitzert und riecht nach Leim. Schreiber ist dabei, eine Weinflasche zu dekorieren. Ich frage mich: Wozu? Wein ist doch schon in einer Packung! Sie dafür nicht: keine Schminke, nur Unterwäsche. Sie bemerkt meinen Blick: «Ich zieh mich gleich an und schminken tu ich mich im Auto. Darfst einfach nicht zu ruckelig fahren, gell?» «Warum hast du diese Mitbringsel nicht früher eingepackt?» «Das hättest du ja auch machen können.» «Ich würde gar nichts mitbringen.» «Siehst du, das ist eben der Unterschied! Es macht sich einfach besser, ein Geschenk dabeizuhaben, wenn wir schon zu spät kommen!»

 (Coopzeitung Nr. 29/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 14.07.2014, 17:30 Uhr

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