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Die Auswahl ist gross? Ob dieser Châteauneuf-du-Pape vielleicht der Richtige ist?

Passt zu … Traubensorte(n) … Ideale Genusstemperatur: Es lohnt sich, die Rückenetikette zu lesen.

Die Etikette ist auch eine Visitenkarte

Weinetiketten gibts seit rund 200 Jahren. Sie sind der Mode unterworfen, doch es gibt auch Klassiker, die sich nie verändern.

Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin nach einer halben Stunde vor dem Weingestell so klug als wie zuvor. Welchen soll ich denn jetzt nehmen? Den mit dem schönen Namen Moulin à Vent? Oder doch die Flasche mit dem Aufdruck Reserva? Wäre allenfalls der mit dem goldfarbigen Etikette edler? Was um alles in der Welt bedeutet Zinfandel? Am Schluss bin ich so verwirrt, als ob ich den Wein nicht angeschaut, sondern getrunken hätte.

Wobei – sooo schwierig ist es auch wieder nicht. Wer eine Etikette lesen kann, ist zwar (noch) kein Weinkenner, aber er weiss (meistens), was in der Flasche ist und woher es kommt. Damit das mit dem richtigen Deuten aber nicht zu einfach wird, haben sich die Weinproduzenten ein paar Tricks einfallen lassen: «Weine aus der sogenannten Neuen Welt sind oft primär mit dem Namen der Traubensorte beschriftet – etwa Cabernet Sauvignon», erklärt der Coop-Önologe Jan Schwarzenbach. In der Alten Welt steht hingegen in der Regel der Herkunftsort auf der Flasche, beispielsweise Moulin à Vent. Aber es gibt auch Mischformen.

Schon die Sumerer kennzeichneten ihre mit Wein gefüllten Tongefässe, und zwar mit Rollsiegel. Nach römischer Sitte klebte oder hängte man bei uns im Mittelalter handschriftlich beschriebene Papierzettel an die Weinbehälter. Lange Zeit wurde der Wein durch den Korkbrand gezeichnet – also Aufdrucken auf dem Korken. Die ersten Weinetiketten waren schmale Rechtecke und präsentierten sich oft mit fantasievollen Ornamenten. Sie sagten jedoch über den Flascheninhalt nur sehr Allgemeines aus: «Vin de Bourgogne» etwa.

Weinflaschen und -etiketten, wie wir sie heute kennen, gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert, seit der Erfindung der Lithografie. Und seit die Etiketten serienmässig hergestellt werden können, kennt auch die Fantasie keine Grenzen mehr. Ob Berge oder Schlösser, schöne Frauen oder bärtige Männer, Blumen oder Meer … alles geht. Es gibt künstlerisch so gute und schlechte Etiketten, wie es gute und schlechte Weine gibt. Der italienische Produzent Lunardelli etwa verkauft Rotwein mit dem Konterfei von Mussolini und Hitler. Und er verkauft ihn sehr gut. Aber es geht auch anders – besser. Château Mouton Rothschild, eines der berühmtesten Weingüter der Welt, lässt seine Etiketten jedes Jahr von einem Künstler kreieren, welcher für die Etikettengestaltung mit einer Partie «seines» Weines bezahlt wird. So kamen Joan Miró, Hans Erni oder Pablo Picasso in den Genuss dieses Weines aus dem Bordelais.

Wie fast alles, sind auch Weinetiketten der Mode unterworfen. Und auch die ist in jedem Land anders. «Generell stehen heute die rechtlich relevanten Angaben auf der Rückenetikette», weiss Reinhard Vögele, der Coop-Kellermeister. Die Frontetikette wird schlichter, klarer und prägnanter. «Es gibt auch alte Etiketten, die zu Klassikern geworden sind und sich nie verändern werden», sagt Vögele. So etwa der Aigle les Murailles, den in der Deutschschweiz (fast) jeder als «Eidechsliwii» kennt. Doch Gott sei Dank sind im «Eidechsliwii» keine Eidechsen und im Hitlerwein … Aber was ist denn wirklich drin? Im Artikel «Kleine Etikettenkunde» erfahren Sie mehr.

Weinkauf? «Wer einen Wein nicht kennt, verlässt sich meist auf die Etikette», weiss der Önologe Jan Schwarzenbach. Was auf einer Etikette steht, kann nach Land, Region und Kanton variieren. Was heute auf allen Weinetiketten stehen muss, sindfolgende fünf beschriebenen Punkte:

  1. Weinherkunft/Land
  2. Inhaltsangabe 
  3. Alkoholgehalt
  4. Allergene
  5. Produzent, Händler oder Importeur

«Wir bei Coop gehen, wenn eine Mitsprache bei der Etikettengestaltung möglich ist, weiter», erklärt Schwarzenbach. So steht etwa auf der Etikette des Rioja Las Flores, wie und zu was der Wein schmeckt, aus welchem Gebiet er stammt, die Ausschanktemperatur, die optimale Lagerdauer, die Traubensorten und sogar die Farbe und die Aromen. Nicht alles jedoch ist selbsterklärend wie die Angabe der Volumenprozente. Manchmal stehen Buchstabenkombinationen auf der Etikette. AC beziehungsweise AOC – Appellation (d’Origine) Contrôlée (F). DOC beziehungsweise DOCG – Denominazione di Origine Controllata (e Garantita) (I) oder DO beziehungsweise DOCa: Denominación de Origen (Calificada). Hinter diesen sperrigen Begriffen steckt die Gewissheit, dass der Wein tatsächlich aus einer ganz bestimmten, geografisch fest umrissenen Region stammt. An diese Bezeichnung sind eine Reihe weiterer Kriterien geknüpft, die eine gleichbleibend hohe Qualität der Weine und – beispielsweise durch Festlegung der erlaubten Trauben – einen unverwechselbaren gebietstypischen Geschmack garantieren.

Eine Knacknuss ist oft auch die Lagebezeichnung – etwa «Maienfelder Schloss Salenegg». Eine Lagenbezeichnung auf der Etikette kann auf einen bedeutenden, historisch verbürgten Weinberg verweisen. Es kann sich aber auch pures Marketingkalkül dahinter verbergen. Niemand kann es einem Weinproduzenten verbieten, sein Gewächs zum Beispiel «Herrschäftler Sonnenhang» zu nennen, auch wenn die Trauben im Schattenloch vor sich hin kümmern. Die Nennung einer Lage per se ist kein Qualitätsmerkmal. Das gilt für die meisten europäischen Länder und auch für die Neue Welt.

In Frankreich hingegen gibt es ein ausgeklügeltes, über Jahrhunderte gewachsenes System der Weinberg-Klassierung, die Cru classé. Die Bezeichnung «Grand Cru» oder «Premier Cru» hat also tatsächlich immer etwas mit Qualität zu tun. Die Qualitätsbezeichnung Riserva/Reserva hingegen unterliegt regional sehr unterschiedlichen Bedingungen. Darum hilft alles nix, und Papier – auch Weinetiketten – ist geduldig. «Es gibt Bücher und WWW-Adressen, Weinseminare und Vorlesungen», sagt Schwarzenbach. Das ist alles sehr hilfreich und öffnet die Augen für die Geschichte des Weins, die ja eng mit der Geschichte der Menschheit verbunden ist. Im Wein liegt Wahrheit, doch die kommt erst an den Tag, wenn man ihn trinkt – nicht liest.

Wie beurteilen Konsumenten Weinetiketten? Welche Weine würden sie auf Grund der Etikette kaufen, welche eher nicht? Zwei Redaktoren der Coopzeitung haben im Coop Südpark in Basel eine kleine Umfrage gemacht. Die Leute mussten die Etiketten von fünf unterschiedlichen Weinflaschen beurteilen und den Preis der Weine schätzen.

Maienfelder Pinot Noir Steinbock AOC 2012 Fr. 11.60/75 cl

Frau, 53: Ist noch originell
Frau 33 & Mann 37: Gefällt am wenigsten, Schrift in Kombination mit Bild und Aufteilung gefällt nicht so. Typisch schweizerische Ästhetik Ca. 20 Fr.
Mann, 67: Gefällt am wenigsten
Mann, 35: Eher ansprechend 10-15 Fr.
Frau, 31: Gefällt nebst dem Aigle am besten von der Optik her, gefällt ihr wenn Kunst drauf ist Ca. 15 Fr.
Mann, 21: Würde er eher kaufen als Eidechse, auch schon moderner Ca. 15 Fr.

 

Mouton Cadet Baron de Rothschild Bordeaux AOC 2011 Fr. 13.40/75 cl

Frau, 53: Sehr klassisch, will modern sein
Frau 33 & Mann 37: Gefällt nicht so. Französischer Stil 
Mann, 67: Eher modern, würde er zum Schenken kaufen, weil bekannter Name, gilt als exklusiv ca. 30 Fr. 
Mann, 35: Klassisch, gefällt Ist eher einfach – es steht aber Rothschild drauf Ca. 15 Fr. 
Frau, 31: Gefällt am wenigsten, ist langweilig - Begründung: ist ja meist so, wenns nicht so speziell aussieht, ists ein bisschen teurer Ca. 15–16 Fr. 
Mann, 21: Kennt er schon - Nicht zuviel, nicht zuwenig, das passt - Ca. 12 Fr.

 

Les Michelots Moulin à Vent AOC 2012 Fr. 9.90/75 cl

Frau, 53: Gefällt am besten, elegant, mittlerer Preis (sie kennt ihn) ca. 10 Fr.
Frau 33 & Mann 37: auch schön 
Mann, 67: Gehört nebst dem Bourgogne zu den Favoriten. Die alte Art von Etiketten ist ansprechend 
Mann, 35: -
Frau, 31: Sehr klassisch, kennt man - Ca. 20 Fr.
Mann, 21: Sieht am Teuersten aus - Ca. 20 Fr.

 

Aigle Les Murailles H. Badoux Chablais AOC 2012 Fr. 21.–/70 cl

Frau, 53: Gefällt am wenigsten - Ist sicher teurer - Ca. 12–14 Fr.
Frau 33 & Mann 37: Gefällt nicht so. Da ist zuviel auf dem Bild. 
Mann, 67: ist altes Original von 1963 - 18–20 Fr.
Mann, 35: 17 - 18 Fr.
Frau, 31: Gefällt nebst dem Maienfelder am besten von der Optik her,  gefällt ihr wenn Kunst drauf ist - Ca. 9 Fr.
Mann, 21: Farbig, moderner, Würde er nicht kaufen, Eidechse passt irgendwie nicht. Sieht ein bisschen aus wie ein Kochwein - Ca. 5 Fr.

 

Bourgogne Pinot Noir L. Jadot AOC 2010 Fr. 14.90/75 cl

Frau, 53: Recht klassisch, noch schön
Frau 33 & Mann 37: Favorit, sieht am Hochwertigsten aus, ca. 16–20 Fr.
Mann, 67: Gehört nebst dem Moulin zu den Favoriten. Die alte Art von Etiketten ist ansprechend.
Mann, 35: Zu viel Schnörkel
Frau, 31: Sehr klassisch, kennt man Fr. 12-15
Mann, 21: Kennt er schon sieht teurer aus, hat etwas Altmodisches und klassisches 9–10 Fr. (er hat ihn schon mal gekauft).

 

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Franz Bamert

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Freitag 31.01.2014, 11:22 Uhr

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