«Auf und davon Spezial» Folge 3: Mona Vetsch (rechts) mit der Familie Dänzer aus Hünibach BE, die 2011 nach Florida ausgewandert ist. 

Die Extreme: «Entweder sehr viel oder gar nicht»

Mona Vetsch zählt seit 20 Jahren zu den populärsten Moderatorinnen von SRF. Für «Auf und davon» besucht sie wieder Auswanderer in aller Welt.

«Ausschlafen wird 
total überschätzt!»

«Ausschlafen wird 
total überschätzt!»
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total überschätzt!»

Mona Vetsch, wann und wohin sind Sie zum ersten Mal auf und davon?
Da ich früher extreme Flugangst hatte, nahm ich den Zug. Mit 18 habe ich – wie fast alle aus meiner Generation – Interrail gemacht. Weil mich der Norden schon immer mehr angezogen hat als der Süden, fuhr ich mit einer Freundin vier Wochen durch England und Schottland. Dabei habe ich das Bahnland Schweiz so richtig schätzen gelernt!

Weshalb?
Vor dieser Reise hatte ich mir nicht vorstellen können, dass ich auf dem Perron auf einen Zug warte und auf der Anzeigetafel «cancelled» erscheint. Bei den SBB ist ja schon «verspätet» ein Ereignis. Da kamen wir bei British Rail richtig auf die Welt! (Lacht.) Zum Glück haben sich meine Eltern nie gross Sorgen gemacht. Sie haben uns Mädchen gehen lassen und ich weiss nicht, ob und wie oft ich zu Hause angerufen habe.

Wo haben Sie in Ihrer Kindheit Ferien gemacht?
Da war ich gar nie richtig in den Ferien. Ich bin auf einem Bauernhof im Thurgau in der Nähe der Grenze aufgewachsen. Mit der Familie waren wir nur im Ausland, wenn wir schnell in Deutschland drüben waren. Aber das Reisen hat mir nicht gefehlt. Fremde Welten habe ich beim Lesen von Gothic Novels, Fantasy- und Science-Fiction-Literatur entdeckt.

Dann waren Sie eigentlich gar nicht für die Moderation von «Einfach-luxuriös», «SF Spezial Fernweh» oder «Auf und davon» prädestiniert.
Nein, aber ich glaube, diese Ausgangslage – gepaart mit einer ziemlich grossen Portion journalistischer Neugier – war für mich sicher ein Vorteil. Doch wer glaubt, dass diese Reisen fürs Fernsehen etwas mit Ferien oder gar Entspannung zu tun haben, der täuscht sich gewaltig. Sie sind zwar extrem interessant und total bereichernd, aber auch sehr anstrengend. Das Thema und die Sendung haben immer Priorität, deine eigenen Bedürfnisse tun da nichts zur Sache.

«

Ich denke, jeder trägt seinen Sehnsuchtsort in sich drin.»

Was macht Ihrer Erfahrung nach den erfolgreichen Auswanderer aus?
Es sind meistens Menschen, die handwerkliches Talent mitbringen, sehr bodenständig sind, aber trotzdem grosse Träume haben. Ohne diese spezielle Kombination geht es nicht. Wer nur Fernweh hat, geht und kommt relativ schnell wieder zurück. Und wer keine Vision hat, wird nie auswandern.

Welche Eigenschaften brächten Sie mit?
Ich bin handwerklich völlig unbegabt und verspüre überhaupt keinen Drang, für längere Zeit wegzugehen. Das ist super, denn es verstärkt mein Bestreben darin, herausfinden zu wollen, weshalb die Auswanderer all die Schwierigkeiten und Risiken in Kauf genommen haben.

Wie entscheiden Sie, wen Sie besuchen?
Damit habe ich nichts zu tun. Diese Auswahl trifft die Redaktion, die vorher abklärt, was im Leben der Auswanderer passiert ist, seitdem das Schweizer Fernsehen sie begleitet hat. Diese Trennung ist Absicht. Natürlich werde ich zuvor von der Redaktion gebrieft, will aber nicht schon alles bis ins Detail wissen. So kann ich, wenn ich am anderen Ende der Welt an der Haustüre klingle, spontan auf das reagieren, was ich gerade erfahre, und muss dabei nichts vorspielen oder mich irgendwie verstellen.

Welches ist Ihre Traumdestination?
Ich denke, jeder trägt seinen Sehnsuchtsort in sich drin. Bei den Auswanderern ist es oft Australien oder Kanada. Ich liebe Schottland und Irland, die schroffen Klippen und die melancholische Stimmung. Ich brauche in den Ferien kein schönes Wetter, nur die richtige Kleidung! (Lacht.)

Worauf achten Sie besonders?
Wenn ich beruflich unterwegs bin, muss ich auf alle Klimazonen vorbereitet sein und mich für meine Auftritte vor der Kamera selbst schminken. Privat reise ich total simpel. Ich brauche einen Schal, weil ich Klimaanlagen hasse, eine Mütze, damit ich auch am Tag überall schlafen kann, und Thermounterwäsche, denn frieren geht bei mir gar nicht!

Finden Sie in der Einsamkeit einen Ausgleich zur Betriebsamkeit im Beruf?
Ich konnte immer gut allein sein, brauche nie grosse Action, sondern konnte mich im Kleinen sehr gut selbst beschäftigen. Aber es stimmt: Ich rede beruflich schon so viel mit anderen Menschen, dass es wie zu viel würde, wenn ich mich auch noch privat dauernd austauschen müsste. Zu Hause habe ich immer noch eine Postkarte, auf der steht: «Wenn ich gross bin, werde ich schweigen.»

Wie gross sind Sie jetzt?
1,55 Meter! (Lacht.) Ich glaube, ich bevorzuge einfach die Extreme: entweder sehr viel oder gar nicht.

Weshalb moderieren Sie bei Radio SRF 3 seit 2000 den Morgen, obwohl Sie sich selbst als Morgenmuffel bezeichnen?
Der Morgen ist beim Radio die absolute Prime Time, weshalb es für mich das höchste der Gefühle war, als ich diese spannende Sendung bekam. Ausserdem glaube ich, dass man für seine Leidenschaft manchmal bluten muss. Das «Leiden» steckt ja schon im Wort. Wobei ich heute leichter um 2 Uhr nachts aufstehe als morgens um 6 Uhr ...

Wie organisieren Sie sich familiär, wenn Sie Frühschicht haben?
Ich gehe um 19 oder 20 Uhr schlafen. Morgens kümmert sich mein Mann um die Kinder. Dafür bin ich am Nachmittag für sie da.

Geniessen Sie es, wenn Sie mal richtig ausschlafen können?
Nein, darauf kann ich gut verzichten. Ausschlafen wird total überschätzt. Man verpasst die schönste Zeit des Tages. Ausserdem kriege ich immer Kopfschmerzen, wenn ich zu lange schlafe.

Sie sagten mal, Sie hätten mit 21 Jahren schon alles erlebt, was im Ausgang möglich ist. Das klingt unheimlich spannend ...
Ich denke, weil ich so aussah wie ich aussah, stellen sich viele meine Jugend zu wild vor. Ich habe schon früh viel gearbeitet, aber das fühlt sich ja trotzdem an wie Rock’n’Roll, wenn du beruflich ständig an Open Airs, Konzerten und so herumlungerst.

Ist von Ihrem damaligen Style heute noch was übrig?
Nein, irgendwann habe ich mich von der Vorstellung verabschiedet, nach aussen spiegeln zu müssen, was innerlich abgeht. Seit ich meine Bettwäsche selber wasche, verzichte ich gern auf die roten oder blauen Haarfarben – die färben grausam ab. Ich bin ja schon gespannt, mit welchen Frisuren unsere drei Buben mal zur Türe reinkommen werden.

Bestseller-Autorin Susanna Schwager hat Sie für ihr neues Buch «Das halbe Leben – Junge Frauen erzählen» angefragt. Wie haben Sie da reagiert?
Ich war skeptisch, weil ich dachte, dass ich nicht so interessant bin wie die Menschen, die in ihren bisherigen Büchern vorkamen. Ich sagte ihr, dass ich noch nicht viele Brüche im Leben hatte und alles recht konventionell verlaufen ist. Als Susanna mich trotzdem wollte, liess ich mich auf das Experiment ein.

Was haben Sie bei der Lektüre der zwanzig Buchseiten über sich selbst gelernt?
Ein Care-Team habe ich bislang noch keines gebraucht und die psychologische Nachbearbeitung steht noch aus! (Lacht.) Mir sind vor allem zwei sprachliche Eigenheiten aufgefallen. Ich verwende für alles viele Superlative wie wahnsinnig, total, krass, brutal, extrem ... Das ist furchtbar zu lesen. Ich möchte mir das abgewöhnen, aber es wird mir wohl nicht gelingen.

Und sonst?
Ich benutze einige Thurgauer Ausdrücke, denen ich mir nicht bewusst war. Statt «Nein» sage ich «Nä’ä», was ich erst realisierte, als im Transkript von Susanna Schwagers Interview «Näggä» stand und ich mich fragte, ob dies wohl für ein Emoji steht, das ich nicht kenne, dabei hat sie einfach das «Nä’ä» nicht als «Nein» verstanden.

 

Mona Vetsch (41) wuchs als Bauerntochter in Hattenhausen TG auf. Sie absolvierte ein Praktikum bei Radio Thurgau und begann in St. Gallen ein Wirtschaftsstudium, das sie 1997 abbrach, als sie die SF1-Jugendsendung «Ooops!» übernehmen konnte. Später moderierte sie unter anderem den «Club» und «Der Morgen» auf SRF 3. Mona Vetsch lebt mit ihrem Mann und den drei Buben am Stadtrand von Zürich. Ab 21. April ist sie im Dok-Format «Auf und davon Spezial» (Fr, 21 Uhr auf SRF 1) zu sehen.

Zum «Auf und davon - Spezial» bei SRF

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