Arbeitnehmer dürfen daheim bleiben, wenn ihr Kind krank ist.

Die Mär der ausfallenden Eltern

Für Eltern ein Horrorszenario: Von heute auf morgen ist das Kind krank. Und beide Eltern müssen ihren Job machen. Welche Möglichkeiten hat man in solchen Fällen? Und sind Mütter wirklich die «schlechteren» Mitarbeiter?

Schon am späten Abend zeigen sich bei Lukas (4) Anzeichen einer Krankheit: Er schläft unruhig, weint und erbricht schliesslich. Nach Anstieg des Fieberthermometers wird klar: Das muss etwas Ernstes sein. Gleichzeitig steigt bei Lukas Mutter Eva (32) der Puls: Kann er am nächsten Tag in die Krippe – und sie zur Arbeit?! Unmöglich, die Kunden-Präsentation so kurzfristig abzusagen.

Und ihr Mann Marko (34): «Absolut unmöglich, Geschäftsreise! Ausgerechnet», seufzt er entschuldigend, aber doch unmissverständlich. Zwar ist es auch ihm unangenehm, nicht bei seinem kranken Sohn bleiben zu können. Aber als Haupternährer der Familie (Eva arbeitet als Betriebswirtin im Teilzeitpensum, Marko ist Abteilungsleiter bei einer Versicherung) haben seine beruflichen Belange Vorrang. Darauf hatten sich die beiden nach Lukas Geburt geeinigt. Doch wohin nun mit dem kranken Kind, das auch morgens noch mit fieberrotem Gesicht leise vor sich hin jammert? In so einem Zustand allein lassen, irgendwie «weg organisieren»? Oder stattdessen Chef und Kollegen enttäuschen, als unzuverlässig gelten? In welche Richtung Eva auch denkt: Sie hat Schuldgefühle und fühlt sich zerrissen von dem Anspruch, eine gute Mutter und eine gute Mitarbeiterin zu sein.

Eigene Krankmeldung als Notlüge

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So wie Eva geht es vielen berufstätigen Eltern. Kinder werden nun einmal mehr oder weniger häufig krank und nicht immer stehen Grosis oder Göttis freudig und auf Abruf parat, wenn sich Masern, Mumps oder Magen-Darm ankündigen. Manchmal – wie auch im Falle von Eva – wohnen sie auch schlicht und ergreifend zu weit weg. Eva und Marko zogen vor sechs Jahren aus beruflichen Gründen von Berlin nach Zürich. «Ich kann nicht jedes Mal meine Mutter einfliegen lassen, wenn Lukas krank ist», erklärt Eva. Und der Freundeskreis sei noch nicht so riesig. Ausserdem würden die meisten ihrer Freundinnen ebenfalls arbeiten. «Und sich oder die eigenen Kinder anstecken lassen? Wer will das schon?»

Früher, erinnert sich Eva an das Dreitagefieber von Lukas, habe sie auch schon mal zu einer Notlüge gegriffen und sich selber krankgemeldet. Gut habe sie sich dabei natürlich nicht gefühlt, aber ihr Kind sollte nicht «in die Schusslinie» ihres Arbeitgebers geraten und sie als Mitarbeiterin diskreditieren.

Berufstätige Mütter leisten mehr

Wie Eva, die ein halbes Jahr nach Lukas Geburt wieder ins Büro ging, kehren heute immer mehr gut ausgebildete Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub in den Beruf zurück. Das Angebot an Betreuungsmöglichkeiten in Krankheitsfällen hält mit dieser Entwicklung aber nicht Schritt. Daher wundert es wenig, dass die Zahl der Abmeldungen wegen kranker Kinder kontinuierlich ansteigt. In Deutschland hat sie sich in den letzten Jahren gemäss einer Erhebung des Bundesgesundheitsministeriums gar verdoppelt.

Zur Beruhigung aufgeschreckter Personalverantwortlicher dient jedoch das Ergebnis einer anderen Untersuchung: Zwar fehlen Eltern unter 40 Jahren zwei bis drei Tage häufiger als Kinderlose.

Bei Eltern über 40 dreht das Verhältnis allerdings (siehe Infografik unten). Langfristig und an Arbeitstagen gemessen, leisten Mitarbeiter mit Kindern also mindestens genauso viel wie jene ohne Nachwuchs. Kommt dazu: Aufgrund ihrer Doppelrolle verfügen insbesondere Mütter über viele Eigenschaften, die auch im beruflichen Alltag von Vorteil sind: So haben sie weniger Probleme mit Multitasking und sind besonders gut organisiert, effizient, flexibel und nervenstark, halten die Autoren der Untersuchung fest.

Häufig sind sich Wiedereinsteigerinnen dieser Fähigkeiten aber gar nicht bewusst, sondern haben eher das Gefühl, im Arbeitsleben nicht zu genügen. Auch Eva erinnert sich an den «Hausfrauenkomplex». «Als ich zurück im Job war, fühlte ich mich unsicher. Ich hatte permanent das Gefühl, als teilzeitarbeitende Mutter mehr leisten zu müssen.»

Die Zahlen sind aus Deutschland, aber trotzdem interessant: Junge Arbeitnehmer mit Kindern fallen öfter wegen Krankheit aus als kinderlose. Ab Mitte 40 ändert sich das.

Kranke Kinder «teilen»

Inzwischen habe sich alles ganz gut eingespielt, und ihr wurde sogar eine Beförderung in Aussicht gestellt. Umso ärgerlicher nun der Infekt des Sohnes. Als Eva zum Hörer greifen will, um sich bei ihrem Chef abzumelden, ruft eine Nachbarin an. Auch ihr Sohn, ein Krippen-Gspänli von Lukas, sei krank. Sie müsse aber am Nachmittag dringend für ein paar Stunden zur Arbeit ... So ein «Glücksfall», denn nun – da ja beide Kinder krank sind – können sich die Mütter die Betreuung teilen. Die Nachbarin nimmt Lukas für ein paar Stunden zu sich, während Eva ihre Präsentation hält. Anschliessend holt Eva die Jungen zu sich heim. Am nächsten Tag ist Samstag – und bis Montag sind beide hoffentlich wieder fit!

Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) und andere Organisationen bieten Unterstützung für Eltern kranker Kinder an. Mit finanzieller Unterstützung durch Coop konnte zum Beispiel das SRK eine Onlineplattform aufschalten.

Diese Rechte haben Sie

  • Arbeitnehmende dürfen gegen Vorlage eines ärztlichen Zeugnisses bis zu drei Tage daheim bleiben, wenn ihr Kind (bis 15 Jahre) krank ist.
  • Bei älteren Kindern hat man das Recht auf eine Mittagspause von mindestens 1 ½ Stunden, um das Kind zu versorgen.
  • Zeiteinheiten gelten pro Krank- heitsfall und Kind (nicht pro Jahr). Sind beide Eltern berufstätig, können sie sich die Pflege teilen, damit sich die Absenzen nicht bei einem Elternteil anhäufen.
  • Überstunden darf man verweigern, wenn man ein krankes Kind bis 15 Jahre betreuen muss.
  • Ist ein Kind länger krank und reichen die gesetzlich vorge-sehenen Betreuungstage nicht aus, braucht es wiederum ein ärztliches Zeugnis. Dann dürfen Eltern auch ausnahmsweise länger beim Kind bleiben.
  • Bei chronischen Krankheiten und langwierigen Therapien sollte man gemeinsam mit dem Arbeitgeber eine Lösung suchen.

Nicht nur Privatsache

Philippe Gnaegi (55), Direktor Pro Familia Schweiz

Philippe Gnaegi (55), Direktor Pro Familia Schweiz
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Für Philippe Gnaegi, Direktor Pro Familia Schweiz, sind Unternehmen, aber auch der Staat in der Pflicht, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sich Familien- und Erwerbsarbeit vereinen lassen.

Wenn Kinder berufstätiger Eltern krank werden, ist das schnell ein Problem. Was raten Sie Eltern?
Rechtlich besteht Anspruch auf bis zu drei Tage bezahlte Abwesenheit pro Krankheitsfall. Wir raten Eltern allerdings immer, die Situation direkt mit dem Vorgesetzten zu besprechen. Solange es nur wenige Betreuungsangebote auf dem Markt gibt, ist es wichtig, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Betrifft das Problem nicht immer noch vor allem die Mütter?
Ja, in 80 Prozent aller Fälle kümmert sich die Mutter um das kranke Kind. Das zeigt, dass die Mehrheit unserer Gesellschaft noch immer – bewusst oder unbewusst – davon ausgeht, dass sich die Frauen um Haushalt und Kindererziehung kümmern.

Und das, obwohl immer mehr Frauen berufstätig sind ...
Korrekt! Heute gehen 80 Prozent aller Frauen einer beruflichen Tätigkeit nach. Das führt bei Frauen zu einer Mehrfachbelastung, da sich in unserer Gesellschaft Beruf und Familie immer noch schlecht vereinbaren lassen.

So bereiten Sie den Notfall vor

  • Abklären: Wie steht mein Arbeitgeber zu Elternpflichten und möglichen, kurzfristigen Absenzen? (interne Regelungen)
  • Welche meiner Tätigkeiten können auf keinen Fall einen Tag aufgeschoben werden? Was könnte ich delegieren (Vertretung) oder vorübergehend von zuhause erledigen? (ggf. technische Infrastruktur anpassen)
  • Mit dem Partner die Aufgabenteilung in einem Notfall durchsprechen. (Aufteilung Absenzen)
  • Wer käme für eine kurzfristige Betreuung in Frage: Grosseltern, Geschwister, Gotte/Götti, Nachbarn, Babysitter, Freunde etc. (vorab Bereitschaft klären und Telefonliste erstellen)
  • Falls sich niemand finden lässt: Geeignete, familienexterne Betreuungsmöglichkeiten parat haben (am besten schon vorher anfragen und regionale Verfügbarkeit und Kosten abklären), so z.B. den SRK-Betreuungsdienst für kranke Kinder
  • Für längerfristige Unterstützung auch bei langfristigen Therapien, chronisch- oder schwerkranken Kindern:
    Kinder-Spitex
    Benevol Schweiz,
    Freiwilligenarbeit Deutschschweiz
    Entlastungsdienst Schweiz

    Pro Pallium

    Intensiv-Kids

Manchmal kann es sich auch lohnen, z.B. den Kinderarzt, die Krippenleitung oder andere berufstätige Eltern nach möglichen Notfalllösungen zu fragen.

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Text:
Gertrud Rall
Foto:
Alamy, zvg
Veröffentlicht:
Dienstag 26.12.2017, 09:41 Uhr

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