Die Nachbarn

Er: Ein kleines Vierbettzimmer auf Rädern: Das ist unser neues Auto. «Als wärs für uns gemacht!», haucht Schreiber, die vom Vorplatz in unser Arbeitszimmer hereinkommt. Sie gibt alles, um mich von ihrem Traumbus zu überzeugen. «Komm raus und schau mal!» Etwas widerwillig lasse ich von der Arbeit ab und gehe raus: Dort steht das neue Auto mit hoch gestelltem Dach. Schreiber gluckst vor Glück und blickt mich erwartungsvoll an. 

«

Ich fürchte, ich bin kein guter Schauspieler.»

Ich weiss: Sie würde sich wahnsinnig freuen, würde ich ihre Verzückung teilen. «Komm», sagt sie, nimmt meine Hand, schubst mich in den Schlafbus und drückt ein Knöpfchen. Zwei Lämpchen gehen an. «Dimmbar! Fantastisch, nicht? Du kannst oben liegen und ein Buch lesen, genau in der Helligkeit, die du dir wünschst.»
Ich dimme das Licht und sage so begeistert wie möglich: «Das habe ich mir schon immer gewünscht.»
«Und fühl mal die Matratze! Mit Lattenrost!», fährt sie fort. Ich drücke meinen Finger in den Schaumstoff und wieder versuche ich, enthusiastisch zu klingen: «Spitze.» Ich fürchte, ich bin kein guter Schauspieler, denn sie sagt: «Ein wenig freuen könntest du dich schon. Wenigstens für mich. Mit dir macht das gar keinen Spass!» 
Eben. Ich hab’ ja keinen.

Sie: Ich schiebe den Deckel zur Seite, löse zwei Riegel, zwei Haken, dann stemme ich mich mit voller Kraft dagegen – wumms! – und klappe das Dach hoch. Schon kann ich aufrecht im neuen Auto stehen. So viel Platz! Grandios! Schneider lässt das kalt. Er ist in diesem Fall nicht so typisch Mann: Autos sind ihm schnurz. Was mir bisher egal war, aber jetzt geht es um unseren neuen Bus. Er kommentiert meine Präsentation mit müden «Ahs» und «Ohs», was eher nach «oje» und «ach nein» klingt. «Kann ich jetzt zurück an die Arbeit?», fragt er. 

«

Noch ein Nachbar, der Interesse zeigt. Super!»

Ich bin ernüchtert. Habe ich doch ein bisschen zu forsch dieses neue Auto durchgedrückt? Bloss um meinen Traum von einem Schneckenhaus auf Rädern zu verwirklichen? Dabei würde ich meine Freude so gern teilen. 
«Oh, der ist ja klasse! Neu?» Ich blicke aus dem Autofenster. Einer unserer Nachbarn. Ich springe aus dem Bus: «Willst du mal schauen?» Er nickt, er hört zu, er ist begeistert. Während ich ihm den Motor mit integrierter Ausschaltfunktion erkläre, ruft eine weitere Stimme: «Kann ich auch mal?» Noch ein Nachbar. «Super!»
Das macht Spass, Fachgespräche über unser neues Auto zu führen! Und besser mit den falschen Männern als mit gar keinem.

 (Coopzeitung Nr. 38/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 19.09.2016, 16:00 Uhr

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