Die Nase der Männer

Schreiber: «Kennst du einen Geruch, der mit deiner Kindheit verbunden ist?», frage ich Schneider, der grad eine Mandarine schält. «Mandarinen.» Wie originell, denke ich. «Ich meine einen Duft, der Bedeutung hat, der die Kindheit wieder lebendig werden lässt. Zum Beispiel Maiglöckchen – mein erstes Parfum, das mir meine Mutter geschenkt hat. Oder Lötfett, wenn Papi in der Werkstatt werkelte, oder Katzenpisse, wenn die Kater wieder mal unser Sofa markierten, oder ...» «Sagtest du nicht: einen Duft?», wirft Schneider kauend ein. «Mir kommen halt grad viele in den Sinn. Aber der schönste Duft war der von frisch gebackenen Quarkhörnchen gefüllt mit Johannisbeermarmelade.» «Aha!», murmelt Schneider.

«

Es gab bei uns einen Friedensgeruch: süss, warm sicher.»

«Wenns Quarkhörnchen gab, hatten Mami und Papi keinen Streit. Das war der Friedensgeruch. So süss, so warm, so sicher.» Bevor Schneider etwas sagen kann, denke ich laut nach: «Welcher Duft wird wohl bei unseren Kindern Bedeutung haben, später, wenn sie erwachsen sind und sich zurückerinnern? Was werden ihnen die Nasen erzählen?» Für mich ist klar: Ich werde öfter Quarkhörnchen backen. Nicht, weil Schneider und ich Streit haben, sondern weil wir so viel Frieden miteinander erleben dürfen.

Schneider: Schreiber blättert in einem Buch über kreatives Schreiben. «Toll, was es da hier drin für Schreibinspiration gibt», sagt sie und fragt nach meinem Duft der Kindheit. Ich sage spontan «Mandarine», denke aber an die Motocrossrennen in unserem Dorf. Ich hätte mich als Bub hinter die Töff-Auspuffe legen können, so sehr mochte ich die stechenden Abgase. Und ja, Benzin roch ich auch sehr gern. Und dann gab es in der Fabrik meines Grossvaters ein Lösungsmittel, das fantastisch duftete – aber als ich mal zu lange daran schnüffelte, bekamen die Arbeiter Flügel und schwebten an der Decke.

«

Abgase, Benzin, Lösungsmittel, Weiberfürze: Ja, das liebte ich.»

Ich erinnere mich auch an den Geruch detonierter Weiberfürze, die wir in Ameisenhaufen steckten, oder an das schweflige Aroma verbrannter Haare, die wir versehentlich anzündeten, oder an die versengten Spinnenbeine, an denen wir damals die neuen Feuerzeuge ausprobierten. Da schwärmt Schreiber lächelnd, dass Quarkhörnchen-Duft ihr liebster Geruch sei, der stehe für Frieden. Zum Glück habe ich noch nichts gesagt! Zähle ich mein grässliches Sündenregister als kleiner Bub auf, dann wars das mit dem Winterfrieden. Also bleibe ich dabei: «Mandarinen – und ich freue mich auf Quarkhörnchen.»

 (Coopzeitung Nr. 03/2015)

Schreiber vs. Schneider live mit ihrem neuen Programm «Spesen einer Ehe»: 15. Januar in Gossau; 22. Januar in Ins. Infos über www.schreiber-schneider.ch

Das Duell: Riechen Männer anderes als Frauen?

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 29.12.2014, 00:00 Uhr

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