Die Nudel an der Strasse

Er geht baden – sie fischt ihn aus der Patsche.

Steven Schneider: Ich koste jeden Tag aus, um nochmal im Rhein zu treiben. Wenn mich der Fluss mitzieht, vorbei an mächtigen Bäumen, bade ich im Glück. Wortwörtlich. Und dieses Glück teile ich spontan mit einer Bekannten aus Basel, die keine Angst vor kühlen Temperaturen und schneller Strömung hat. Ich verabrede mich mit ihr um halb zwei an der Hauptstrasse, von dort sind es nur 200 Meter bis zum Ufer. 

«

Am liebsten würde ich jetzt untertauchen.»

Damit unser Flussbad komfortabler wird, hat sich Schreiber angeboten, uns weiter unten mit dem Auto einzusammeln. Badetücher und Kleider bringt sie uns dann mit. Darum stehe ich jetzt schon rheintauglich an der Strasse: Badeschuhe, Badehose, Badenudel. Ich warte zehn Minuten, doch meine Bekannte kommt nicht. Vorbeifahrende Autofahrer grinsen mich an. Ich werfe einen Blick ins Schaufenster hinter mir, spiegle mich im Glas und mir wird klar: In dieser lächerlichen Aufmachung muss ich mich aus dem Staub machen, bevor mich jemand erkennt. Doch zu spät. Schon bremst einer ab, lässt die Scheibe runter, lacht aus vollem Hals. Einer unserer Gemeinderäte. «Das wär ein Foto fürs Facebook!», ruft er. Blöd, stehe ich immer noch auf Asphalt, denn am liebsten würde ich jetzt untertauchen.

Sybil Schreiber: Schneider will unbedingt nochmal im Rhein treiben. Damit der Heimweg nicht so frisch ist, werde ich ihn flussabwärts abholen. Kein Problem. Denn ich weiss, wie glücklich es ihn macht. Dass er diesmal noch einen Gast im Schlepptau hat, ist ein Grund mehr, die beiden später mit trockenen Klamotten am Ufer zu empfangen. Soll ja für alle ein positives Erlebnis werden. Als ich eine Viertelstunde nach Schneider aus dem Haus gehe und durch den Ort zum Rhein fahre, bleibt mir kurz der Atem stehen: Da wartet einer in Badehosen, mit Badeschlappen an den Füssen und einer Badenudel unterm Arm vor einem Schaufenster. Schneider! Halb nackt. Mitten im Verkehr. Stossstange an Stossstange. Wieso steht der hier noch rum? Ist sein Rendez-vous bachab gegangen?

«

Ist sein Rendez-vous bachab gegangen?»

Ich nutze eine Lücke auf dem Trottoir, stelle das Auto ab, brülle ihm aus dem Fenster über die Strasse zu: «Was machst du denn hier?» Schneider stutzt, dann blickt er zu mir, wedelt mit der Nudel und rennt über den Zebrastreifen auf meine Seite. Was für ein Bild! Bevor ich etwas sagen kann, hechtet er ins Auto, schliesst die Türe und ruft: «Schnell, fahr los! Ich habe mich noch nie so nackt gefühlt!» Kann ich verstehen.

(Coopzeitung Nr. 39/2013)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 23.09.2013, 14:20 Uhr

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