Die Pionierin

Schneider: Unsere jüngere Tochter mag Tiere. Und den Wald. Und nun, da sie in der vierten Klasse ist, will sie erst recht selbstständig werden. Das heisst: Sie macht eigene Pläne. Wenn man sie lässt. An diesem Sonntagmorgen beschliesst sie, alleine eine Velotour in den Nachbarort zu unternehmen. Diese führt auch am Waldrand entlang, und dort könnte sie, so hofft sie, Tiere sehen. Schreiber ist beunruhigt. Ich bin stolz. Schreiber denkt an alles, was passieren könnte.

«

Ich bin stolz auf meine kleine Pionierin.»

Ich denke daran, dass unsere Tochter am Selbstbewusstsein arbeitet. Schreiber wird die nächsten zwei Stunden bibbern, ich hingegen nehme meine kleine Pionierin in den Arm und beglückwünsche sie zu ihrem Mut. Genau das ist doch die Aufgabe der Eltern: Die Kinder zu unterstützen in dem, was sie machen, auch wenn sie es nicht perfekt machen und womöglich auf die Nase fallen. Na und? Dann stehen sie halt wieder auf. Was aber macht Schreiber? Sie schreibt der Kleinen vor, was sie mitnehmen müsse, welche Schuhe die passenden wären, einen Regenschutz, eine Wasserflasche, einen Apfel, einen Pulli ... Da schaut die Kleine hoch und schimpft: «Es reicht, Mama! Ich wollte alles alleine machen. Jetzt bleibe ich eben hier.»

Schreiber: Schneider hat unsere Tochter nun doch überredet, ihre Veloreise zu unternehmen. Immerhin war sie einverstanden, mein Handy mitzunehmen, falls unterwegs etwas passiert. Das beruhigt mich. Jetzt ist sie weg. Hoffentlich geht das gut. Der Boden ist schlammig, da kann sie ausrutschen und hinfallen. Schneider ist noch ganz aufgebracht: «Wenn sie alleine eine Velotour machen will, dann musst du ihr das nicht ausreden!»

«

Hilfe! Ich hoffe nur, es ist nichts passiert!»

«Habe ich nicht. Ich habe nur gesagt, woran sie denken solle und was sie deshalb mitzunehmen hat.» «Weisst du, als ich noch Lehrer war, war mein Ziel, mich überflüssig zu machen. Wenn das gelingt, bedeutet das, dass die Schüler auf eigenen Beinen stehen. So sollten wir auch als Eltern denken.» «Sie ist gerade mal zehn!» «Aber sehr weit für ihr Alter. Auch mutig. Und geschickt.» «Und kann es sein, dass du einfach nur zu stolz bist auf dein Mädchen und gar nicht siehst, dass es für alles ein richtiges Alter gibt und es unsinnig ist, Kinder zu Dingen zu ermutigen, für die sie noch nicht reif sind?» Gerade als Schneider zum Konter ausholt, klingelt unser Telefon. Auf dem Display: die Nummer meines Handys! Hilfe! Ich hoffe nur, es ist nichts passiert!

 (Coopzeitung Nr. 41/2014)

Ist Angst ein geeigneter Erziehungsratgeber?

Sybil und Steven im Duell. Wer hat die besseren Argumente? Stimmen Sie hier ab.

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 06.10.2014, 15:17 Uhr

Die neuesten Kommentare zu Schreiber vs. Schneider:

Annette Lefevre antwortet vor zwei Tagen
Sextest
Liebe Schreiber und Schneider, ... 
Oli Skyler antwortet vor zwei Tagen
Fan und forsch
Habe Ihre Kolummne heute in de ... 
Veronica antwortet vor 2 Wochen
Die Velotortour
Besser Butterschnitte statt da ... 

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Finde uns auf Facebook:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?