Die Welle

Sie: Wir sehen jeden Tag die Wellenreiter und Schneider beschliesst: «Das machen wir auch.» Er kramt in seinen verjährten Erfahrungen als Surfer in Australien und ich werfe einen Blick auf die Wellen. «Die sind ja haushoch!» «Für Zwerge vielleicht», ruft Schneider gegen den Wind. 

«

Die Wellen sind haushoch und Schneider will da raus.»

Nun zotteln wir Vier unserem Surf-Lehrer hinterher Richtung Gischt. Ein Typ halb so alt wie Schneider und mit doppelt so vielen Muskeln zeigt uns im Trockenen, wie wir uns aufs Brett legen sollen, erklärt, dass wir mit den Armen paddeln müssen und demonstriert, wie man im entscheidenden Augenblick auf die Füsse schnellt.

Ich kann das kaum am Strand. Wie soll das je im Wasser klappen? «Und wer ist für die Kinder zuständig, während ich absaufe?», frage ich möglichst locker auf Englisch. Unser Lehrer, der nur aus Muskeln, Rastalocken und meergrünen Augen besteht, deutet mit dem Daumen auf seine Brust. Aha. Dieser Mann, den ich seit 15 Minuten kenne, wird mein Wertvollstes in den Ozean hinaus treiben. Ich blicke zu Schneider. Er findet das eine gute Idee: «Der Typ ist Profi.» Dann grinst er mich aus seinem Neopren-Ganzkörperanzug an, in dem er wie eine satte Seerobbe wirkt, und sagt: «Zudem bin ich ja auch noch da.»

Er: Die Wellen sind erstaunlich hoch, stelle ich fest, wenn man im Wasser schwimmt. Vor allem scheint mir, dass sie aus allen Richtungen kommen. Wenn ich es überhaupt schaffe, mich auf das Brett zu hieven, katapultiert mich gleich eine fiese Welle von der Seite her vom Brett und wirbelt mich unter die schäumende Gischt. Mist. In Australien ging das damals doch ganz gut. Einverstanden, da war ich auch ein schönes Stück jünger. Und ebenfalls mit Muskeln und blonden Locken ausgestattet. So wie unser Six-Pack-Adonis.

«

Sie steht auf dem Brett, gleitet mit der Welle.»

Hatte ich tatsächlich geglaubt, dass ich meinen drei Mädels, also Schreiber, unserer 14-Jährigen und der Zehnjährigen, beistehen könnte? Dass nicht nur der junge, braungebrannte Südafrikaner ein cooler Typ ist, sondern dass ich auch einer bin? Dass ich ganz elegant vom Brett hüpfen würde und nachher dem Surflehrer assistieren könnte?

Jedenfalls kämpfe ich jetzt nur um das nackte Überleben, während die Kleinere mit Schreiber weinend aus dem Wasser marschiert und die Grössere tatsächlich auf dem Brett steht! Ihre blonden Locken glitzern in der Sonne, sie streckt die Arme aus, federt in den Knien und gleitet mit der Welle. Das ist wohl das, was man Nachfolgeregelung nennt.

 (Coopzeitung Nr. 07/2015)

Muss ein Vater immer danach trachten, der Grösste zu sein?

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 09.02.2015, 16:47 Uhr

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