Die Welt mit Henkel

Sie: Dass Schneider immer mich fragt, wenn er etwas sucht, ist nichts Neues. Neu aber ist, dass er mein iPhone sucht: «Kann ich einen Jass klopfen?», fragt er.

«Klar, es steckt in meiner Handtasche», sage ich. Es ist ein Ritual von ihm geworden, dass er nach dem Abendessen zehn Minuten gegen mein Mobiltelefon jasst. Mit seinem Uralt-Handy kann mein Liebster eben nur telefonieren.
Ich sehe ihn im Gang in meiner Handtasche wühlen.
«In der vorderen», rufe ich.
«Wo ist vorne?»
«Da, wo keine Reissverschlüsse sind, ist hinten.»
«Aha. Vorne sind aber vier Reissverschlüsse.» Er klingt überfordert.

«

Er sucht – und findet nicht. Er ist überfordert.»

«Der obere rechts ist es, da ist mein iPhone immer drin.»
«Immer? Diese Tasche sehe ich zum ersten Mal», ruft er zurück. 
Ach, stimmt. Habe ich mir vor einer Weile gekauft und erst jetzt in Betrieb genommen. Tolles Teil! Gross, schön und superpraktisch dank enorm vieler Fächer für Lippenstift, Notizheft, Füller und so.
«Nein, da sind nur Taschentücher», behauptet Schneider jetzt.
«Herrje, du bist beim linken Fach. Ich sagte doch rechts. Oben! Vorne! Aussen!»
Er seufzt. 
Ich rufe: «Erstaunlich, dass Männer den Weg zum Mond gefunden haben, wenn sie schon in einer Handtasche die Orientierung verlieren.»

Er: Das ist keine Handtasche, das ist ein Einfamilienhaus, eine Villa mit Terrassen und Nebenräumen! Ich wühle mich durch die Etagen auf der Suche nach Schreibers iPhone. Sie behauptet, es sei dort, wo es immer sei. Dabei sehe ich diese Tasche zum ersten Mal.

Und ich staune. Warum schleppt sie eine Taschenlampe mit sich herum? Und drei Lippenstifte? Und was ist in diesem hölzernen Schächtelchen? Ich klappe es auf und fast purzeln Dutzende Zahnstocher heraus. Ich dreh’ gleich durch! Schreiber posaunt von der Küche her irgendwas vom Mond. Derweil verschwindet mein Arm vollends bis über den Ellbogen auf dem Boden des Ungetüms aus grünem Leder und meine Finger ertasten zahllose rätselhafte Gegenstände. Kein Wunder, hat Schreiber Rückenschmerzen, sie trägt ja den halben Hausrat mit sich rum. Mir reicht eine Hosentasche für den Krempel, den ich unterwegs brauche. Und merkt sie eigentlich nicht, dass sie mir schon längst zu Hilfe kommen sollte?

«

Sie trägt ja den halben Haushalt mit sich rum.»

Endlich marschiert sie an, greift sich den grünen Sack, greift zielsicher in eine der Aussentaschen und zückt ihr iPhone:
«Siehst du? Wo ich gesagt habe! Rechts oben vorne aussen!»
Vielleicht lege ich mir doch mal ein eigenes Smartphone zu.

 (Coopzeitung Nr. 11/2016) 

Lesungen mit den Kolumnisten: 18. März Bülach; 19. März Klosters.

Infos: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 07.03.2016, 00:00 Uhr

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