Organisch: ein Entwurf von Vincent Callebaut für Shenzhen in China.

Die Zukunft: Wie werden wir wohnen?

Viele träumen vom idyllischen Haus auf dem Land, wo man sich noch kennt und grüsst. Doch auch die Stadt muss nicht kalt und anonym sein.

Gibt es in Zukunft Platz genug für alle? Wie werden dann unsere Wohnungen aussehen? Und unser Alltag, unser Leben? Diesen Fragen geht die Ausstellung «Die Zukunft ist unser» nach, konzipiert vom Think Tank «W.I.R.E.». Senem Wicki, die Kuratorin der Ausstellung, erklärt, worum es dabei geht.

Wenn Sie in die Zukunft reisen könnten – und eine Fee Ihre Wohnwünsche erfüllen würde, wie würden Sie gerne wohnen?
Die selbstreinigende Wohnung und das sich selbst aufräumende Kinderzimmer – mit solchen Träumen kann ich mich natürlich gut identifizieren! (lacht) Auch ein Kühlschrank, der mit dem Internet verbunden ist und selbst nachbestellt, was ich gerne mag, wäre schön. Oder ein Roboter, der das Abendessen kocht, wenn die Zeit zu knapp wird. Solche Roboter gibt es übrigens schon, sie sind aber noch sehr teuer. Die Technologie wird aber wohl günstiger werden, sodass sie sich hoffentlich bald auch die breite Masse leisten kann.

Und wie würde die Wohnung aussehen?
Sie müsste nicht zwingend gross sein, eine Stadtwohnung in einer zentral gelegenen Siedlung. Wenn die Nachbarn einen ähnlichen Lebensstil pflegen wie ich, könnte ich mir auch vorstellen, dass gewisse Wohnfunktionen in der Siedlung zusammenlegt würden. Ein gutes Beispiel für solche urbane Wohnmodelle ist die Kalkbreite-Überbauung hier in Zürich: Dort gibt es Aufenthaltsräume oder auch Küchen, die man gemeinsam nutzt. In unserer aktuellen «Abstrakt»-Publikation schlägt der Designer Konstantin Grcic sogar Gemeinschaftsbäder vor, um platzsparender und dafür zentraler leben zu können. Ich weiss nicht, ob ich mich damit anfreunden kann, aber die Frage stellt sich vielleicht auch erst, wenn ich zwischen Bad und Esszimmer entscheiden müsste. Oder wenn zum Gemeinschaftsbad ein Coiffeur gehörte, der mir täglich die Haar wäscht. Das würde der Vision in meinem Fall eine enorme Attraktivität verleihen.

Sie möchten also kein umgebautes Bauernhaus?
Gut, in einer idealen Welt vielleicht schon. Aber man muss realistisch sein und es braucht weder Hellseher noch Zukunftsforscher, um zu verstehen, dass das umgebaute Bauernhaus, das sich viele wünschen, in der Schweiz nicht für alle umsetzbar ist. Und zwar ganz unabhängig davon, ob die Zuwanderung begrenzt wird. Zeitgemässe Neuauflagen dieser vergangenen Wohnträume zu kreieren, ist eine der grossen Herausforderungen der Zukunft.

Im alten Rom zum Beispiel ging das einfache Volk in öffentliche Bäder und Garküchen. Private Bäder und Küchen galten als Luxus und Fortschritt. Siedlungen wie die Kalkbreite kann man deshalb auch als Rückschritt sehen.
Bei «W.I.R.E.» beschäftigen wir uns – zum Beispiel zusammen mit der Stadtentwicklung Zürich – mit der Zukunft von urbanen Räumen. Aus dieser Zusammenarbeit wissen wir: Das steigende Bedürfnis der Stadtbevölkerung nach mehr Gemeinschaft ist den Stadtverwaltungen bewusst und es werden Lösungen gesucht, diese Freiräume zu schaffen. Denn trotz exponentieller Zunahme der digitalen Kommunikation, trotz der steigenden Mobilität, die es uns ermöglicht, an unterschiedlichen Orten zu Hause zu sein, brauchen wir vertraute Orte, um uns auszutauschen und füreinander da zu sein. In diesem Zusammenhang gesehen ist der Verzicht auf Privatheit zugunsten einer Stärkung von Gemeinschaft keine Zurückentwicklung.

Weshalb träumen dann so viele Leute vom Einfamilienhaus?
Sicher auch, weil wir uns Ruhe und Erholung davon versprechen. Und das kann ich sehr gut nachvollziehen, denn die Konfrontation mit anderen kann anstrengend sein. Wir wohnen aber zunehmend auch zu Repräsentationszwecken und inszenieren unser Zuhause vor allem für andere. Ich finde, man sollte sich diesem Repräsentationsdruck etwas entziehen und sich stattdessen eher fragen, was man wirklich braucht, sich leisten kann und ob vielleicht auch weniger Quadratmeter dafür ausreichen.

Senem Wicki, Kuratorin der Ausstellung «Die Zukunft ist unser».

Senem Wicki, Kuratorin der Ausstellung «Die Zukunft ist unser».
Senem Wicki, Kuratorin der Ausstellung «Die Zukunft ist unser».
«

Wir müssen aufpassen, dass unser Leben nicht zur Kartonkulisse wird.»

Senem Wicki

Die Wohnung der Zukunft in der Ausstellung ist eng, sehr voll und für Selbstversorger konzipiert. Weshalb?
Wir haben sie zusammen mit den Elektrizitätswerken Zürich und dem Designbüro «Oupas!» aus Portugal entwickelt. Dabei hatten wir alle das Gefühl, dass das Thema Autarkie, also das Selbstversorgertum, zu wenig kritisch hinterfragt wird. Der Trend zum Selbermachen wird aktuell rundum positiv bewertet. Wir wollten anhand einer Wohnung einmal konsequent durchspielen, wohin es führt, wenn das Ideal des Selbermachens auf die Spitze getrieben wird. Welche Dinge des täglichen Bedarfs müsste man unterbringen, um wirklich autark leben zu können? Angesichts der Tatsache, dass wir künftig tendenziell weniger Fläche pro Person zur Verfügung haben werden, hat sich dann unsere Beispielwohnung der Zukunft gefüllt und ist immer enger geworden.

Was würde man denn alles selber machen?
Um autark leben zu können, müsste man selbst Energie erzeugen, Rohstoffe sammeln und Nahrungsmittel anpflanzen, Dinge des täglichen Bedarfs im 3-D-Drucker herstellen und wieder reparieren, man müsste sich selbst medizinisch versorgen und so weiter.

Das klingt anstrengend!
Der Bewohner unserer Zukunftswohnung wäre wohl relativ einsam, denn er hätte gar keine Zeit, um mit jemandem in Kontakt zu treten vor lauter Selbstversorgung. Und auch wenn er stattdessen einen Roboter hätte, der ihm noch ein bisschen Nähe gibt am Abend – ein wirklich erfülltes Leben findet in dieser Wohnung wohl eher nicht statt. Zudem stellt sich die Frage, ob das Leben darin nicht auch von einer sinkenden Qualität geprägt würde. Das selbst gebackene Brot mag emotional befriedigen. Ob es tatsächlich besser schmeckt und nahrhafter ist als dasjenige vom Profibäcker, bezweifle ich.  

Aber man kann die eigenen Fähigkeiten laufend verbessern.
Die grösste Schwierigkeit, welche sich in Bezug auf die autarke Zukunftsvision stellt, ist Zeit. Denn wer gleichzeitig Landwirt, Arzt, Roboterexperte, Elektriker und Energie-Experte sein möchte, kann sich das Wissen theoretisch vielleicht sogar über das Internet oder Fern-Unis aneignen. Aber eine einzige Lebenszeit reicht dafür schlicht nicht aus.

Und warum ist die Wohnung aus Karton?
Rezyklierbarer Karton ist leicht aufbaubar und eignet sich gut für eine temporäre Ausstellung. Zudem ist Karton auch Symbol für den mobilen, flexiblen Lebensstil, den wir heute pflegen. Und vielleicht liesse noch eine weitere Metapher daraus ableiten: Wir sollten aufpassen, dass unser Leben nicht zur Kartonkulisse wird, in welcher der schöne Schein, zusammenkopiert aus Wohnzeitschriften, wichtiger wird als die ganz persönliche Vision davon, wie und mit wem man leben und wohnen möchte.

Entwicklung der durchschnittlich beanspruchten Wohnfläche

Pro Person in der Schweiz in Quadratmeter


Quelle: BFS 2007, Eidgenössische Volkszählung, Schätzung ARE

Höher, grüner, dichter

Schon immer hat man versucht, mit der Architektur Menschen und Gesellschaften zu formen. Nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Denn um sich wohlzufühlen, müssen die Bewohner ihre Lebensumgebung auch mitgestalten können. Die deutsche Stadt Jülich etwa wurde im 16. Jahrhundert nach einem Brand als «Idealstadt» wieder aufgebaut.

Le Corbusier: Die Ideen des Schweizer Architekten wurden gehasst und geliebt.

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Im 20. Jahrhundert wollte der berühmte Architekt Le Corbusier mit seinem «Plan Voisin» Teile des historischen Zentrums von Paris abreissen und durch 18 Hochhäuser ersetzen. Statt lärmigen, dreckigen Strassen sollte die Stadt damit Licht, Luft und Grünflächen bekommen. Doch sein Entwurf wurde als unmenschlich und kalt abgelehnt.

Grüner Wohnturm von Vincent Callebaut in Taipei, Taiwan.

Grüner Wohnturm von Vincent Callebaut in Taipei, Taiwan.
Grüner Wohnturm von Vincent Callebaut in Taipei, Taiwan.

Eine andere Wohn-Utopie mit dem originellen Namen «bolo’bolo» richtet sich gegen «Geld, Grossindustrie und den Staat». Autonome Kommunen sollten demnach weltweit Grosshaushalte bilden, mit vielen geteilten Strukturen und Räumen, sogar einer eigenen Plansprache. Auch daraus ist nichts geworden. Obwohl zum Beispiel die Siedlung Kalkbreite in Zürich mit Erfolg an solche Ideen anknüpft. Ein neuer Trend ist die biotechnologische Architektur, die Hochhäuser mit viel Grün verbindet. Einer ihrer Vertreter ist der belgische Architekt Vincent Callebaut.

Die Zukunft ist unser

Unsere Zukunft selbst erfinden? Die Ausstellung «Die Zukunft ist unser» des Think Tanks «W.I.R.E.» zeigt, wie das gehen könnte. Sie entführt die Besucher ins Übermorgen, inszeniert in sieben Lebenswelten. Eine davon ist die Wohnung der Zukunft. Die Ausstellung ist nur durch eine Führung zugänglich (donnerstags und samstags), für die man sich anmelden muss, und dauert bis zum 19. Dezember.

Hier erfahren Sie mehr Info zum W.I.R.E Profil
Mehr zum Think Thank «W.I.R.E»
Weitere Informationen zur Ausstellung
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Katalin Vereb

Redaktorin, Kolumnistin

Foto:
Davide Caenaro, Keystone, Vincent Callebaut Architectures
Veröffentlicht:
Montag 10.11.2014, 12:17 Uhr

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