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Die emsigen Bienen von St. Moritz  

Der Sommer ist die Hochsaison der Imker. Im Engadin ist Edgaro Vassella stolzer Besitzer von 30 Bienenvölkern. Erfahren Sie, was es mit den Bienenstöcken in den Bergen auf sich hat.

Unter wilden Heidelbeersträuchern schwirrt eine Biene um eine rosarote Blume. Wir befinden uns in einem Wald in der Nähe von St. Moritz im Engadin. «Das ist eine Gebirgsrose oder Rosa alpina, die Bienen lieben sie», sagt Imker Edgaro Vassella. Vor schädlichen Umwelteinflüssen und Pestiziden geschützt, geniessen die Bienen die Bergluft auf 1800 Metern Höhe. Durch das Bestäuben ermöglichen sowohl wilde als auch domestizierte Bienen die Befruchtung von Blüten, die sich dann in Samen und Früchte verwandeln. Dadurch ernähren sie indirekt auch uns Menschen. Laut dem Schweizer Zentrum für Bienenforschung ist jeder dritte Bissen, den Menschen essen, bestäubungsabhängig, etwa 80 Prozent davon leistet die Honigbiene. Domestizierte Bienen produzieren neben Honig auch Wachs, Blütenpollen und Gelée Royale. Um mehr über Bienen zu erfahren, sind wir mit dem 63-jährigen passionierten Imker Edgaro Vassella unterwegs. Der pensionierte Lokführer begeistert sich seit seiner Kindheit für die gestreiften Insekten. Warum? «Weil ich Honig mag», sagt er lachend. Jedes Jahr isst er 20 Kilo davon. Honig ist nicht nur süss, sondern auch heilsam: «Bei Heuschnupfen empfiehlt es sich, heimischen Honig zu essen. Das hilft, Antikörper zu bilden».

Zufrieden zeigt Imker Edgaro Vassella Wachswaben seiner Bienen.

Zufrieden zeigt Imker Edgaro Vassella Wachswaben seiner Bienen.
Zufrieden zeigt Imker Edgaro Vassella Wachswaben seiner Bienen.

In einer Waldlichtung kommen wir zu einem hölzernen Bienenhaus, das einem Gartenhäuschen gleicht. Die Bienen fliegen emsig rein und raus. Ein Bienenvolk besteht aus rund 50 000 Bienen – was fünf Kilos entspricht –, entsprechend lebhaft ist das Treiben. Edgaro besitzt 30 Völker, die jährlich je etwa 15 Kilo Honig einbringen – wenn es gut läuft. Das erfordert Disziplin: «Anders geht es gar nicht». Der Sommer ist für Imker die Hochsaison. Jeden Tag gibt es etwas zu tun. «Es ist ganz sicher nicht so, dass wir einfach ein Glas unter einen Bienenstock stellen und der Honig einfach so rausfliesst!», meint Edgaro schmunzelnd. Vor 30 Jahren hat er mit der Imkerei angefangen. Zunächst besuchte er Kurse, las viel und fragte andere Imker um Rat. Der Bündner ist in Poschiavo geboren und liess sich 1975 mit seiner Frau Maria in Celerina nieder. Die drei Kinder sind erwachsen. Edgaro führt uns zu weiteren Bienenstöcken. Er hat hauptsächlich graue Kärntner- oder Carnica-Bienen, einige italienische Bienen, die gelb sind, und Kreuzungen zwischen den beiden Rassen. Für die Carnica-Biene hat er sich wegen ihres friedlichen Charakters entschieden. Um Krankheiten zu bekämpfen, die zum Beispiel durch die Milbe Varroa destructor übertragen werden, behandelt er die Bienenstöcke mit ätherischen Ölen – also ganz natürlich.

Eine Biene vor dem Abflug in die gute Engadiner Höhenluft auf 1800 Metern Höhe. 

Eine Biene vor dem Abflug in die gute Engadiner Höhenluft auf 1800 Metern Höhe. 
Eine Biene vor dem Abflug in die gute Engadiner Höhenluft auf 1800 Metern Höhe. 

Wenn er das Leben seiner Schützlinge beschreibt, spürt man seine Faszination für die Welt der Bienen. Er zeigt ein Stück Wachs mit Wabenzellen, die die Bienen gebaut haben. Die sechseckige Form ist kein Zufall: Sie benötigt nur wenig Wachs und Platz bei gleichzeitig optimalen Speichereigenschaften und hoher Resistenz. In einigen Wabenzellen entwickeln sich die Nymphen (Jungbienen), während sich in anderen Pollen befinden. Wieder andere enthalten Nektar. Dieser verwandelt sich durch Dehydration in Honig. Verursacht wird diese durch die im Bienenstock herrschende Hitze und die Flügelschläge der Bienen. Je nachdem, was in ihnen steckt, weisen die Bienenwaben unterschiedliche Gelb- und Brauntöne auf. «Sehen Sie, was da glänzt? Das ist Honig», freut sich Edgaro Vassella. Er zeigt auf eine grosse Wabe. Es ist die der Königin, ohne die im Bienenstock nichts möglich ist. Während eine Arbeiterin 42 Tage lebt, kann eine Königin bis zu fünf Jahre alt werden. Sie besitzt eine Spermathek, um die Spermien der Drohnen zu speichern, mit denen sie sich gepaart hat. Nach dem Hochzeitsflug – die Drohnen sterben nach der Paarung – kann die Königin 2000 Eier pro Tag legen! Edgaro zündet im Bienenstock eine Zigarre und ein Holzstück an, um die Bienen zu beruhigen. Er öffnet einen Bienenstock und zieht mit ruhiger Hand die Waben he-raus. Rundherum summt es. Da fängt sich der Imker einen Bienenstich ein. Doch das lässt ihn kalt: Wer Bienen liebt, zählt die Stiche nicht.

Das Interesse ist geweckt

Der im letzten Jahr erschienene Film des Zürchers Markus Imhoof «More than Honey» hat mehr als 230 000 Besucher in die Kinos gelockt. Er ist damit der meistgesehene Schweizer Dokumentarfilm. Der Filmemacher geht der Frage nach, warum seit 15 Jahren weltweit Bienenvölker dezimiert werden. Der Film warnt vor Übernutzung der Böden und Bienen – und hat in der Schweiz viel Interesse an der Imkerei geweckt. Imkereiverbände, die Einsteigerkurse anbieten, verzeichnen eine deutlich gesteigerte Nachfrage. Das ist angesichts der Situation eine gute Nachricht. Vincent Dietemann vom Zentrum für Bienenforschung in Liebefeld BE erklärt, dass die Zahl der Imker und der Bienen in der Schweiz bereits seit dem Zweiten Weltkrieg stetig abnimmt. Heute gibt es schweizweit 17 000 Imker – vor einem Jahrhundert waren es noch mehr als doppelt so viele. Wie geht es den Bienen in der Schweiz? «Der Verlust von Völkern ändert von Jahr zu Jahr. Der normale Rückgang liegt bei 10 bis 15 Prozent, es kann – wie im letzten Jahr – auch zu dramatischen Rückgängen mit 30 Prozent Totalverlust kommen, (50 Prozent, wenn man die nichtproduktiven Völker mitzählt)», so der Forscher. Er erklärt, dass sich Forscher und Imker einig sind, dass das Bienensterben hier vor allem von der Varroa-Milbe verursacht ist. «Es gibt zwar wirksame Bekämpfungsmethoden, aber sie haben alle auch Nachteile. Wir arbeiten daran, die Situation zu verbessern», fasst der Forscher die Lage zusammen.

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Text:
Joëlle Challandes
Foto:
Charly Rappo / Arkive.ch
Veröffentlicht:
Freitag 26.07.2013, 13:14 Uhr

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