Silvia Aeschbach, Buchautorin und Journalistin

Die neue Ordentlichkeit

Alle um mich herum üben sich in Kondo. Was wie eine asiatische Kampfsportart tönt, bedeutet nichts anderes, als perfekt Ordnung zu schaffen.

Und anscheinend ist es zurzeit hip, seine persönlichen Dinge perfekt aufzuräumen. Frei nach dem Motto: Je chaotischer es in der Welt zu und her geht, desto aufgeräumter muss das eigene Umfeld sein. Denn das gibt einem ein Gefühl der (trügerischen) Sicherheit.
Vorreiterin dieser Bewegung ist die japanische «Ordnungshüterin» und Autorin Marie Kondo, die zahlreiche Bücher zu diesem Thema verfasst hat. Sie vertritt die These: Wer Ordnung hält, hat auch sein Leben im Griff. Und anscheinend trifft Kondo einen Nerv der Zeit. Ihre Bücher wurden in 27 Sprachen verlegt und das Magazin «Time» wählte sie letztes Jahr unter die 100 einflussreichsten Personen der Welt.

Vor allem jüngere Leute scheinen an der neuen Ordentlichkeit Gefallen zu finden. Kürzlich bekam ich ein Gespräch zwischen zwei sehr jungen Kolleginnen mit, die sich darüber unterhielten, wie durch perfektes Falten der Wäsche in einer Schublade viel Platz gespart werden könne. Sie hatten auch ein gemeinsames Ärgernis: den sogenannten «Kleiderstuhl» ihrer Partner, der stets von seinen Klamotten belegt sei.

Ich traute meinen Ohren nicht! Es gab in diesen Beziehungen Streit, weil die Männer ihre Kleider nach dem Tragen nicht zurück in den Schrank versorgten? Und wir reden hier nicht von jahrealten Partnerschaften, in denen einem die Macken des Partners auf die Nerven gehen, sondern von jungen Paaren, die statt über Ordnung zu diskutieren doch besser ihre Liebe und Leidenschaft stürmisch leben sollten.

Mein Mann hätte ob dieser Konversation übrigens sicher gelacht, ist er doch mit der Meisterin des Kleiderstapelns verheiratet. Und nicht nur Kleider staple ich, auch Magazine, Bücher, Beautyprodukte und vieles mehr findet man bei mir zu Hause im Überfluss und in einem bunten Durcheinander.
Ich bin kein Messie, aber ich liebe eine gewisse Unordnung, sie gibt mir das Gefühl, lebendig zu sein. Das Perfekte, Überoptimierte dagegen macht mich nervös. Bin ich in einer Wohnung eingeladen, in der man vom Fussboden essen könnte und wo man die Schuhe ausziehen muss, bevor man eintritt, werde ich sogar latent aggressiv. Und wenn ich abends aus dem Büro gehe und die aufgeräumten Tische meiner beiden Kolleginnen sehe, die aussehen, als würden sie am nächsten Morgen nicht mehr kommen, werfe ich einen liebevollen Blick auf mein von unzähligen Dingen überquellendes Pult.
Ich halte es da mit Albert Einstein, dessen Schreibtisch stets unaufgeräumt gewesen ist. Nicht, dass ich mich mit einem Genie vergleichen möchte, aber ich bin der Überzeugung: Kreativität und ein geordnetes Chaos sind ein tolles Team!

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Text: Silvia Aeschbach

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Freitag 02.09.2016, 14:28 Uhr

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