Der Lehrplan 21 ist kein Schulbuch. Er fliesst in die Lehrmittel ein und entfaltet seine Wirkung erst mit der Zeit.

Die neue Schule

In vielen Kantonen formiert sich Widerstand gegen den Lehrplan 21. Dabei will er gar nichts Revolutionäres, sagt Bildungsforscher Urs Moser. Er regelt nur, was die Schüler auf welcher Stufe können müssen.

An sich sind sich alle einig: Das Schulsystem in der Schweiz soll so weit harmonisiert werden, dass Kinder gleichen Alters überall etwa den gleichen Wissensstand haben. 2006 haben die Schweizer Stimmberechtigten deshalb mit einem Ja-Anteil von 86 Prozent den Bildungsartikel 62 angenommen. Nun sind die Kantone an der Umsetzung. Einige müssen ihre ganzen Strukturen reformieren, wie etwa Basel, das diesen Schulumbau auf dieses Schuljahr hin umgesetzt hat. Dort gehen die Schüler nun sechs Jahre in die Primarschule und dann drei weitere in die Sekundarschule statt wie bisher vier Jahre in die Primarschule, drei Jahre in die Orientierungsstufe und dann zwei Jahre in die Weiterbildungsstufe. In anderen Kantonen reicht es, wenn sie ihren kantonalen Lehrplan mit dem gemeinsamen Lehrplan 21 der 21 beteiligten Deutschschweizer Kantone abstimmen. Der Lehrplan 21 gibt vor, in welchen Fächern die Schüler welchen Wissensstand erreichen sollen. Das schrieben bislang die 26 kantonalen Lehrpläne vor. Doch nun wächst landesweit der Widerstand gegen diesen Lehrplan 21. In Zürich etwa sammelt die SVP Unterschriften, um den Lehrplan 21 dem Volk vorlegen zu können. Unterstützung bekommt sie durch Lehrer und die Jungparteien von SVP und FDP, aber auch durch «wenig transparente Vereine wie Bürger für Bürger oder Interessengemeinschaften wie «Eine Schule für unsere Kinder», wie der Tagesanzeiger kürzlich schrieb. Urs Moser, Leiter des Instituts für Bildungsevaluation der Uni Zürich, erklärt, warum es den Lehrplan 21 braucht.

Urs Moser, Professor am Institut für Bildungsevaluation der Uni Zürich.

Früher mussten wir in der zweiten Klasse bis 100 rechnen können. Ist das jetzt anders?
Überhaupt nicht. Auch heute müssen Schülerinnen und Schüler am Ende der zweiten Klasse mit Zahlen bis 100 rechnen können. Wenn man die Formulierungen mit früheren Lehrplänen vergleicht, findet man ähnliche Sätze. Früher hiess es «Den Zahlenbereich von 0 bis 100 erarbeiten», heute, «die Kinder können Zahlen bis 100 lesen und schreiben». Im Prinzip geht es um Wissen und Können, also um Kenntnisse und Fähigkeiten.

Wo liegt der Unterschied zu den früheren Lehrplänen?
Man hat versucht, den Aufbau des Wissens und die Anwendung des Wissens in verschiedenen Situationen in den Vordergrund zu rücken. Früher hat man den Inhalt definiert, heute versucht man zu definieren, was die Schüler auf welcher Stufe können müssen. Dadurch ist der Begriff der Kompetenz in den Lehrplan gerückt, der mittlerweile etwas inflationär verwendet wird und von dem niemand so genau weiss, was er für die Schule bedeutet. Das hat den Eindruck erweckt, als würde nun alles ganz anders, als würden keine traditionellen Inhalte mehr vermittelt, sondern nur noch gesellschaftlich verwertbare Ziele verfolgt und der Lehrplan sei einzig auf die Wirtschaft ausgerichtet. Das stimmt natürlich nicht. Kompetenz ist vielleicht ein unglücklicher Begriff für einen Lehrplan, weil es darin primär um die Festlegung von Zielen und Inhalten geht.

Und dann lernen in der Schweiz alle Kinder das Gleiche?
Ja und nein. In Fachbereichen wie Mathematik und Sprachen gibt es kaum Schwierigkeiten, einem einheitlichen Lehrplan zu folgen, das Grundwissen in Mathematik und in den Sprachen ist überall etwa gleich. In den Fremdsprachen richten wir uns nach dem europäischen Referenzrahmen, der vorgibt, was die Schüler können müssen. Geschichte hingegen darf man durchaus regionalisieren. Der Kanton Obwalden hat beispielsweise das Thema Niklaus von der Flüe als verbindlich erklärt.

Aber grad bei den Fremdsprachen bringt es ja nichts, wenn ein Schüler in Englisch ein definiertes Niveau erreicht, aber im Nachbarkanton wird Französisch als erste Sprache unterrichtet.
Das ist richtig, das kann bei einem Kantonswechsel zu Schwierigkeiten führen. Dieses Problem kann der Lehrplan 21 aber nicht lösen. Die Frage, welche Fremdsprache zuerst gelernt werden soll, ist keine pädagogische, sondern Gegenstand einer politischen Diskussion. Bei der Regelung des Fremdsprachenunterrichts geht es nicht nur um Kompetenzen und Ziele, sondern auch um die Stellung der Landessprachen und den nationalen Zusammenhalt.

Worin unterscheidet sich der Lehrplan 21 von den Vorgängerversionen?
Die grössten Unterschiede findet man vermutlich in der Bezeichnung von Fächern und Fachbereichen. Biologie, Chemie und Physik werden nicht als einzelne Fächer aufgeführt, sondern integriert in Natur und Technik. Ebenso Geschichte und Geografie, die im Bereich Räume, Zeiten und Gesellschaft enthalten sind. Aber das wird den Unterricht für die Lehrpersonen nicht gross verändern. Auch im Fach Räume, Zeiten, Gesellschaft wird der Lehrer irgendwann eine Landkarte nutzen, wenn er beispielsweise das Thema Migration behandelt. Kein Lehrer nimmt am Morgen den Lehrplan zur Hand und überlegt sich, was er unterrichten soll. Der Lehrplan 21 fliesst vor allem in die Lehrmittel ein und hat deshalb keine unmittelbare Wirkung.

Müssen die Eltern von schulpflichtigen Kindern etwas wissen über diesen Lehrplan 21?
«Müssen nicht». Der Lehrplan ist aber informativ, weil er relativ konkret darüber informiert, was die Schüler können müssen. Dies kann für Eltern durchaus von Interesse sein. Mit dem Lehrplan wird aber nichts Revolutionäres eingeführt. Natürlich kann es zu Anpassungen der Stundentafel kommen, damit die vorgegebenen Ziele erreicht werden. Ansonsten merken die Eltern wohl nicht viel. Die Zusammenarbeit Schule–Eltern wird nicht im Lehrplan geregelt.

Was merken die Schülerinnen und Schüler vom Lehrplan 21?
Von heute auf morgen werden sie kaum etwas merken. Die Wirkung des Lehrplans wird völlig überschätzt. Der Lehrplan 21 ist ein Planungsinstrument, das langsam und vor allem über die Lehrmittel in den Unterricht einfliesst. Die Kompetenzorientierung, also der verstärkte Blick auf das Lernergebnis und die Anwendung des Wissens in verschiedenen Anwendungsfeldern, kann nicht einfach von oben diktiert werden. Die Kompetenzorientierung muss ins Denken der Lehrperson einfliessen und setzt Verständnis der Lehrpersonen für den Aufbau des Wissens voraus – das braucht Zeit.

Soll der Lehrplan 21 auch den Unterricht verbessern? Vielleicht bessere Ergebnisse in der Pisa-Studie ermöglichen?
Das ist eine schwierige Frage. Es ist nicht die Aufgabe des Lehrplans, den Unterricht oder die Schüler zu verbessern. Er gibt nur vor, was in der Schule behandelt wird und welches Wissen und Können erreicht werden muss. Mit der Kompetenzorientierung kann jedoch der Verdacht entstehen, dass sich der Unterricht grundsätzlich ändern muss. Das sehe ich nicht so. Die Methode, wie unterrichtet wird, bleibt nach wie vor Sache des Lehrers oder der Lehrerin.

Kritiker werfen den Autoren des Lehrplans vor, sie hätten Lehrerschaft und Bevölkerung zu wenig einbezogen.
Man hat zuerst einen Grundlagenbericht ausgearbeitet und zur Diskussion gestellt. Danach wurde der Lehrplan ausgearbeitet und wiederum in eine Vernehmlassung gegeben. Aufgrund der Vernehmlassung wurde der Lehrplan überarbeitet. Ich wüsste nicht, wie man das anders hätte tun sollen. Der Lehrplan wird von Fachleuten und Praktikern entwickelt, nicht «von der Bevölkerung» oder von einer Partei.

In Basel hat der Unterricht nach dem Lehrplan 21 vor Kurzem begonnen. Gibt es schon erste Feedbacks?
In Basel ist die Strukturreform der grosse Brocken. Das ist einschneidend, denn die Lehrer unterrichten nun plötzlich an einer anderen Stufe, Schulhäuser wurden umgebaut. Ich denke nicht, dass sich die Basler Lehrerinnen und Lehrer gross Gedanken über den Lehrplan 21 gemacht haben. Die haben andere Sorgen.

Mehr Informationen zum Lehrplan 21

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Lernen die Kinder in der Schule das Richtige?»

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Getty Images
Veröffentlicht:
Montag 21.09.2015, 18:51 Uhr

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