Eine Rabenkräge kämpft mit einer Saatkrähe (r.)

Die schlauen Rabenkrähen

Es gibt immer mehr Rabenkrähen in Siedlungsgebieten. Für die einen sind es faszinierend schlaue Tiere, andere nerven sich über aufgerissene Müllsäcke, Lärm und Kot. Wie geht man mit den Vögel am besten um?  

Es ist richtig kalt. Eine Rabenkrähe blinzelt in die Dunkelheit. Der schwarze Vogel ist gerade erwacht und hockt auf einem verschneiten Ast, zusammen mit seiner Partnerin – und vielen weiteren Rabenvögeln. Es ist früh am Morgen. Unsere beiden Rabenkrähen – nennen wir sie Franz und Susi – wollen ihr Nachtquartier früh verlassen. Ihr Nest befindet sich Kilometer entfernt auf einem Baum im Garten der Vogelwarte. Auch wenn das Paar jetzt im Winter keine Jungen grosszieht, muss das Revier bewacht werden. In der Schweiz gibt es viele Rabenkrähen, die guten Reviere sind rar, es wird um Plätze gestritten. Lange ausschlafen können die beiden deshalb sicher nicht, sonst wird ihr Platz von anderen besetzt. 

Christoph Vogel mit Präparaten im Schulungsraum der Vogelwarte

Christoph Vogel mit Präparaten im Schulungsraum der Vogelwarte
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Christoph Vogel mit Präparaten im Schulungsraum der Vogelwarte

Rabenkrähen leben in zwei «Gesellschaftsschichten». Die einen haben ihren Partner fürs Leben gefunden, brüten regelmässig und bleiben in einem Revier. Die anderen, meist Jungvögel, bilden grosse Schwärme und ziehen umher. Die beiden Gruppen treffen sich trotzdem für die Nacht an traditionellen Plätzen. Hier auf dem kleinen naturgeschützten Gamma-Inseli im Sempachersee im Kanton Luzern befindet sich ein Schlafplatz der Rabenvögel. Tausende von ihnen sammeln sich in den Bäumen. Die Tiere schlafen oft ausserhalb der Siedlungsgebiete, in die sie in den letzten Jahren vermehrt eingewandert sind. «Ich habe hier schon so um die 4000 Krähen gezählt und etwa 800 Dohlen», erzählt Christoph Vogel. Sein Name ist Programm. Er leitet bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach Projekte für Umweltbildung. So lässt er beispielsweise Schulklassen das Leben einheimischer Vögel erforschen. Und mit «Vogels Vogelbuch» hat er ein ausgezeichnetes Bestimmungsbuch für Kinder geschrieben. 

«

Die Rabenkrähen sollten nicht gefüttert werden.»

Christoph Vogel (61), Rabenvogelexperte

Sein Steckenpferd sind die Rabenvögel. Deshalb beantwortet er als Experte viele Anfragen an die Vogelwarte zu diesem Thema. Auch in seiner Freizeit beobachtet er die schwarzen Vögel. Die Versammlung der Rabenkrähen auf dem Gamma Inseli fasziniert ihn immer wieder aufs Neue. Christoph Vogel: «Solche Schlafplätze werden über Jahrzehnte aufgesucht.» Vögel schlafen auf ihre ganz eigene Art, weiss der Fachmann. Eine Hälfte des Gehirns bleibt wach, während die andere schläft. So können die Tiere bei Gefahren schneller reagieren. Ein spezieller Mechanismus der Natur sorgt ausserdem dafür, dass sich die Zehen festklammern am Ast, wenn sich die Vögel hinsetzen. So fallen sie nicht vom Baum, wenn sie ihr Nickerchen machen.

Die Nahrungssuche

Nahrungssuche: Krähen legen Vorräte an, die sie im Winter wiederfinden.

Nahrungssuche: Krähen legen Vorräte an, die sie im Winter wiederfinden.
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Nahrungssuche: Krähen legen Vorräte an, die sie im Winter wiederfinden.

Franz und Susi haben ungestört geschlafen. Doch die Nacht war sehr kalt. Die Rabenkrähen und andere Vögel haben deshalb morgens jeweils grossen Hunger. Die Körpertemperatur ist bei Vögeln mit 41 Grad Celsius relativ hoch. «Dies ist so, damit sie schnell wegfliegen können, ohne dass sie die Muskeln vorher gross aufwärmen müssen», erklärt Christoph Vogel. Doch so eine hohe Körpertemperatur aufrechtzuerhalten verbraucht auch viel Energie. «Das heisst, die Vögel müssen viel fressen, am besten energiereiche Nahrung wie Samen, Nüsse oder Kleintiere.»
Franz und Susi machen sich also nach einer kurzen Kontrolle beim Nest auf Nahrungssuche. Dabei fliegt Franz an Abfallsäcken vorbei und beäugt sie neugierig. Dies ist in Siedlungsgebieten ein häufiges Problem: Rabenvögel bedienen sich an den Säcken und verteilen den Inhalt über die Trottoirs. Doch Moment – sind es wirklich die Vögel, die unsere Müllsäcke aufreissen? Christoph Vogel zweifelt daran. «Rabenvögel können nicht riechen. Woher sollen sie wissen, dass im Abfall Essbares sein könnte? Wahrscheinlicher ist, dass Marder oder Füchse bei der Futtersuche die Abfallsäcke aufreissen. Die Rabenvögel kommen später dazu.» Vogel regt an, die Säcke erst morgens kurz vor der Abfuhr aufs Trottoir zu stellen. Und er rät davon ab, Krähen zusätzlich zu füttern: «Sie finden selbst im Winter genug Nahrung. An den Futterplätzen können zudem grosse Versammlungen entstehen. Darüber freuen sich nicht alle und es kann Streit mit Nachbarn geben.»
Rabenkrähen sind Allesfresser, sie versammeln sich also auch auf Mülldeponien. Gute Futterplätze sprechen sich in der Kolonie rasch herum. Doch Franz hat noch einen Trumpf im Ärmel. Er hat nämlich vorgesorgt. Im Garten der Vogelwarte hat er ein paar Baumnüsse versteckt. Lange suchen muss er nicht. Franz landet, steckt kurz seinen Schnabel durch den Schnee ins Erdreich, und voilà: Da sind die Nüsse, die er vor Monaten vergraben hat. Eine erstaunliche Gedächtnisleistung. Doch es geht noch verblüffender: Der Tannenhäher, der ebenfalls zu den Rabenvögeln zählt, versteckt bis zu 100 000 Arvennüsschen, die er auch nach Monaten unter einer Schneedecke wiederfindet. So sorgt er ganz nebenbei dafür, dass sich diese Baumart verbreiten kann, denn etwa ein Fünftel der Samen bleibt im Boden liegen.
Rabenvögel gelten als sehr intelligent. Christoph Vogel spricht lieber von kognitiven Fähigkeiten. «Das ist klarer definierbar. Sehr bekannt ist zum Beispiel ihr Trick, Nüsse oder Muscheln aus grosser Höhe fallen zu lassen. Anschliessend picken sie den Inhalt aus der Schale.» Manchmal warten die Tiere gezielt, bis Autos über die Nüsse fahren und die Räder sie knacken. Wissenschaftler schätzen die Fähigkeiten der Vögel ähnlich hoch ein wie die von Primaten oder Delfinen.

Intelligenzbestien  

Aufmerksamer Blick: Krähen sind schlaue Vögel.

Aufmerksamer Blick: Krähen sind schlaue Vögel.
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Aufmerksamer Blick: Krähen sind schlaue Vögel.

Diese Intelligenz verführt sie aber auch zu problematischem Verhalten. In Neuenburg zum Beispiel dachte man zuerst an skrupellose Vandalen, als die Pflanzen in der Fussgängerzone der Esplanade du Mont-Blanc immer wieder ratzfatz ausgerissen waren. Schliesslich wurden die wahren Schuldigen gefunden: Rabenkrähen machten sich scheinbar einen Spass daraus, die Blumen in den Rabatten zu zerpflücken.
Der Rabenexperte der Vogelwarte Sempach glaubt aber nicht, dass die Vögel so etwas nur aus Spass machen. «Es kann sein, dass sie auf Insekten aus sind, die sich an den Wurzeln der Pflanzen finden.» In Neuenburg versucht man nun, die schwarzen Vögel mit Angstschreien von Krähen zu vertreiben, die über einen Lautsprecher zu hören sind. Die Stadtgärtnerei empfindet die Krähen jedoch alles andere als lästig, da sie viele Schädlinge wie Engerlinge vertilgen.
Und Franz und Susi? Die beiden haben sich inzwischen satt gefressen und verbringen den Nachmittag in der Nähe des Nestes. «Im Winter gibt es nicht so viel zu tun», sagt Vogel. «Die Schwarmkrähen versammeln sich schon vor der Dämmerung für den Flug zum Schlafplatz. Die Paare mit einem Brutrevier fliegen als Letzte zum Nachtquartier.» Im Frühling allerdings lassen Paare ihre Küken nicht allein. Es lauern zu viele Gefahren für die Jungvögel, zum Beispiel von Greifvögeln.
Aber bevor die beiden Rabenkrähen zum Gamma-Inseli fliegen können, landet ein Mäusebussard in ihrem Revier. Mit wilder Entschlossenheit und akrobatischen Flugkünsten bringen sie den grossen Greifvogel so lange in Bedrängnis, bis er das Weite sucht. Das wäre für einen Rabenvogelfan wie Christoph Vogel eine schöne Fotostrecke gewesen. Doch anders als andere Vogelbegeisterte fotografiert er nicht. «Das wäre bei Rabenkrähen auch sehr schwierig. Sie sind sehr vorsichtige und scheue Tiere. Sobald man ein Objektiv auf sie richtet oder ihnen zu nahe kommt, sind sie in der Regel weg.»

 

Umgang mit Rabenkrähen: Tipps der Vogelwarte

Schwarze Vögel in der Stadt
Im Umgang mit Rabenkrähen gibt es einiges zu beachten. Zu diesem Thema hat die Vogelwarte nützliche Informationen zusammengestellt. PDF-Broschüren zu Raben, Krähen und Elstern in Siedlungsgebieten finden Sie auf deren Webseite zum Download. Weitere Auskünfte gibt es auch zu anderen Arten. Zum Beispiel, was man tun sollte, wenn man einen Jungvogel findet. Und wer Lust bekommen hat, selbst Vögel zu beobachten und mehr über sie zu erfahren: Das Besuchszentrum der Vogelwarte ist auch im Winter geöffnet.

Diese verschiedenen Arten von Rabenvögeln leben in der Schweiz.

Das sind Raben! Oder Krähen? Nein, Dohlen. Oder? Wie heissen diese vielen schwarzen Vögel überhaupt richtig? Die verschiedenen Bezeichnungen sorgen immer wieder für Verwirrung. Im Volksmund redet man von Raben und von Krähen, oft bezeichnet man die gleichen Vögel mit diesen zwei Namen. Das ist nicht ganz richtig.

Wissenschaftlich korrekt muss man allerdings erst einmal von der Familie der Rabenvögel sprechen. In dieser Familie gibt es weltweit 21 Gattungen und 123 Arten. Dabei sehen längst nicht alle diese Vögel gleich aus. Und nicht alle Rabenvögel sind schwarz. Zu ihnen gehört beispielsweise auch der bunte Eichelhäher.

Doch zurück zu den schwarzen Rabenvögeln der Gattung Raben und Krähen. Am häufigsten kommt in der Schweiz die Rabenkrähe vor. Die Vogelwarte Sempach schätzt den Bestand auf bis zu 150 000 Paare. Von Kolkraben unterscheiden sie sich in der Grösse. Ausserdem ist ihr Schnabel kleiner, spitz und lang.

Rabenkrähen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker in Siedlungsgebieten ausgebreitet. Die Raben und Krähen zählen übrigens zu den Singvögeln. Was angesichts ihrer wenig melodischen Lautäusserungen nicht leicht nachzuvollziehen ist.

 

Alpendohle 

Alpendohle 
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Alpendohle 

Alpendohle 

Wie der Name schon sagt, lebt dieser Vogel vorwiegend in den Berggebieten und oberhalb der Waldgrenze, aber nicht nur in den Alpen. Erkennungszeichen sind seine leuchtend roten Füsse und der gelbe Schnabel. Die sehr seltene Aplenkrähe sieht ihr ähnlich, hat jedoch einen roten Schnabel.

 

Dohle 

Dohle 
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Dohle 

Dohle 

Dieser relativ kleine Rabenvogel hat einen charakteristisch grau gefärbten Nacken und hellblaue Augen. Die Dohle ernährt sich von Insekten und von Samen. Wie Kolkraben frisst sie aber auch Abfall, wenn sie dazu Gelegenheit hat. In Siedlungsgebieten ist sie häufiger anzutreffen.

 

Eichelhäher  

Eichelhäher  
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Eichelhäher  

Eichelhäher  

Dieser Vogel ist prächtig gefärbt und gehört ebenfalls zur Familie der Rabenvögel. Sein Name kommt daher, dass er für den Winter Eicheln und Nüsse versteckt. Mit seinem Alarmruf warnt er nicht nur Artgenossen vor Gefahren. Er kann allerdings auch Geräusche oder Vogelstimmen nachahmen. 

 

Elster  

Elster  
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Elster  

Elster   

Mit ihrem vorwiegend schwarz-weissen Gefieder und dem langen Schwanz lässt sich die Elster leicht bestimmen. Sie ist wie die Rabenkrähe ein Allesfresser und lebt auch oft in Siedlungsgebieten. Wegen ihres grossen Interesses an glänzenden Gegenständen wird sie «diebische Elster» genannt.

 

Kolkrabe 

Kolkrabe 
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Kolkrabe 

Kolkrabe  

Dies ist quasi der echte Rabe. Da der Bestand in der Schweiz nicht besonders gross ist, bekommt man ihn seltener zu Gesicht als die Rabenkrähe. Er unterscheidet sich von ihr auch in der Grösse. Kolkraben können fast 70 Zentimeter lang werden und haben eine Spannweite von bis zu 130 Zentimetern.

 

Nebelkrähe 

Nebelkrähe 
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Nebelkrähe 

Nebelkrähe  

Dieser Vogel ist ein enger Verwandter der Rabenkrähe. Ein deutliches Unterscheidungsmerkmal sind die grauen Federn der Nebelkrähe. Sie ist vor allem im Wallis, in Graubünden und im Tessin verbreitet. Wie die Rabenkrähe hält auch sie sich vermehrt in Siedlungsgebieten auf.

 

Rabenkrähe

Rabenkrähe
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Rabenkrähe

Rabenkrähe

Sie sieht der Nebelkrähe ähnlich, ist aber ganz schwarz. Diese Krähen sind Allesfresser, ernähren sich etwa von Fleisch, Insekten, Samen oder Eiern und Schnecken. Ihr Schnabel ist spitz und leicht gebogen. Da sie auch Essbares aus Abfall picken, sind sie häufig in Siedlungsgebieten anzutreffen.

 

Saatkrähe

Saatkrähe
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Saatkrähe

Saatkrähe 

An dem zum Teil hellen Gesicht ist die Saatkrähe eindeutig zu erkennen. Trotz ihres Namens ernährt sie sich hauptsächlich von Insekten und Kleintieren. Auch sie ist in Städten und Dörfern anzutreffen. Sie brütet in grossen Kolonien und kann dann wegen Kot und lautem Gekrächze unangenehm auffallen.

 

Tannenhäher  

Tannenhäher  
http://www.coopzeitung.ch/Die+schlauen+Rabenkraehen Tannenhäher  

Tannenhäher  

Um menschliche Siedlungsgebiete macht dieser Vogel einen grossen Bogen. Er bevorzugt den Tannenwald, passend zu seinem Namen. Der Tannenhäher frisst im Winter von seinem grossen Vorrat an Arven- und Haselnüssen. Im Sommer ernährt er sich hauptsächlich von Insekten.

Eine Krähe und ein Hund spielen mit einem Ball

 

Ein Experiment mit einer Rabenkrähe: Im Glas mit Wasser befindet sich Futter. Sie muss einen Weg finden, um daran zu gelangen.

 

Krähen öffnen Walnüsse:

 

Eine Rabenkrähe lernt, ein Kästchen mit Verschluss zu öffnen.

Zur Vogelwarte
Informationsbroschüre der Vogelwarte zum Thema Rabenvögel
Rabenkrähen und Elstern im Siedlungsraum

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Katalin Vereb

Redaktorin, Kolumnistin

Foto:
Heiner H. Schmitt, Fotolia
Veröffentlicht:
Freitag 20.01.2017, 14:52 Uhr

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