Dominique Gisin steht heute noch so oft wie möglich auf den Ski – und geniesst es, ohne jeden Erwartungsdruck über die Piste rauschen zu können.

«Es liegt mir nicht, zu ellbögeln»

Olympiasiegerin Dominique Gisin vermisst den Skisport, möchte aber trotzdem nicht zurück.

So fällt Dominique Gisin nicht auf. Dick verpackt unter der Kapuze ihres Mantels verschwindet sie in der Anonymität der Studentenmasse an der ETH Zürich auf dem Hönggerberg. Wenn sie aber doch einmal erkannt wird – «bist du nicht die Olympiasiegerin?» – und um ein Autogramm für das Grosi gebeten wird, ist sie für einen kurzen Moment wieder die Skifahrerin, die die Sportnation mit ihren Erfolgen, aber auch vielen Stürzen bewegte.

Im März 2015 beendete Gisin ihre Karriere. Heute studiert die Engelbergerin Physik an der ETH Zürich. «Das war schon immer mein Lieblingsfach», sagt sie, «noch weiss ich nicht, was ich damit anfangen werde.» Es gebe aber genug Schnittstellen zwischen Physik und Sport sowie mit der Fliegerei, die zu ihren Hobbys zählt.

Mit ihren 31 Jahren zählt sie zu den älteren Semestern in ihrem Fach. Von der Vorstellung, dass sie ihren Rückstand auf die anderen Studenten, den sie sich während ihrer Skikarriere eingehandelt hatte, mit mehr Einsatz problemlos aufholen könne, musste sie sich schnell verabschieden. «Die Leistungsbereitschaft hier ist extrem hoch.» Umso wichtiger ist es für sie, dass sie sich in der Freizeit vom Studium erholen kann. Mit Skifahren und eben – mit Fliegen.

Dominique Gisin ist heute froh, dass sie im Studium in der Masse verschwinden kann: «Im Skisport war ich immer exponiert.»

Dominique Gisin ist heute froh, dass sie im Studium in der Masse verschwinden kann: «Im Skisport war ich immer exponiert.»
Dominique Gisin ist heute froh, dass sie im Studium in der Masse verschwinden kann: «Im Skisport war ich immer exponiert.»

Dominique Gisin, Sie hätten mich zum Interview mit dem Flugzeug abholen können.
Nein, das wäre vorhin leider nicht möglich gewesen. Dafür war das Wetter eindeutig zu schlecht. Ich darf nicht durch eine geschlossene Wolkendecke fliegen. Das wäre erst mit der Instrumentenfluglizenz erlaubt. An dieser arbeite ich noch. Deshalb ist es für mich mit dem Flieger manchmal unmöglich, bei Bewölkung über gewisse Pässe zu kommen. Das ist aber nicht schlimm. Ich mache das bisher bloss als Hobby.

Wenn es aber irgendwann so weit ist und Sie Ihre Kunden an einen Ort fliegen, dann werden Sie sicher von Ihren Erinnerungen erzählen …
… wenn das dann gewünscht ist, warum nicht?

Welche Anekdote wäre ein Muss?
Geschichten gäbe es genug, wenn ich an all meine Stürze denke. Aber natürlich würde ich schon vom schönsten Tag meiner Karriere erzählen: als ich vor zwei Jahren in Sotschi Olympia-Gold in der Abfahrt gewann.

Wie haben Sie den Tag damals erlebt? Wie in Trance?
Ja und nein. Ich hatte ja zuvor darum kämpfen müssen, dass ich bei dem Rennen überhaupt dabei bin. Das hat mich belastet. Es liegt mir nicht, zu ellbögeln. Als ich mich jedoch qualifiziert und gleich auch noch das Training gewonnen hatte, fühlte ich mich befreit. Am Renntag war ich sehr fokussiert und vollkommen bei mir. Bis zum Moment, als ich nach meiner Fahrt in der Leaderbox stand und den anderen Fahrerinnen zusah, wie sie gegen meine Zeit kämpften. Da wurde das Ganze surreal.

In Erinnerung bleiben vor allem die Sekunden in der Leaderbox, als Sie weinend mit Ihrer Grossmutter telefonierten. Das waren Bilder für die Ewigkeit ….
… und ein wunderbarer Moment. Nach den OPs habe ich während der Reha stets bei den Grosseltern gelebt. Sie haben mich durch die härtesten Zeiten begleitet. Deshalb war es mir besonders wichtig, meine Freude mit ihnen zu teilen.

Sie mussten sich die Goldmedaille dann mit Tina Maze teilen, die exakt gleich schnell war. Wie oft haben Sie sich seither gefragt: Wo habe ich die entscheidende Hundertstelsekunde bloss liegen lassen?.
Nie, nicht einmal! Diese Frage hätte ich mir nur gestellt, wenn ich Zweite geworden wäre – mit eben einem Hundertstel Rückstand auf die Siegerin. Das Entscheidende war für mich, dass ich nach all den Verletzungen fähig war, eine solche Leistung abzurufen. Als ich durchs Ziel fuhr, war ich sehr zufrieden mit meiner Fahrt. Ich hätte es problemlos akzeptieren können, wenn ich es nicht ganz nach vorne geschafft hätte. Ich sagte mir in jenem Moment: Wenn ich jetzt auf die Anzeigetafel schaue und andere Fahrerinnen sind schneller, dann ist es halt so.

Es kam aber anders und war damit die bessere Geschichte.
Es gehörte auch etwas Glück dazu – jenes Glück, das mir zuvor gerade an den Grossanlässen gefehlt hatte, als ich mit sehr guter Zwischenzeit unterwegs gewesen war, aber noch stürzte oder sich die Bedingungen plötzlich änderten. So gesehen war es in Ordnung, dass mir der Zufall für einmal in die Hände spielte.

Was würden Sie mit Ihrem heutigen Wissen anders machen in Ihrer Karriere?
Vielleicht hätte ich mir nach gewissen Verletzungen mehr Zeit lassen sollen … (Pause)… wobei das jetzt einfacher klingt, als es damals der Fall war. Manchmal handelte es sich um meine letzte Chance, um den Sprung zurück in ein Kader zu schaffen. Eine Saison später wäre es zu spät gewesen. Oder aber ein Grossanlass stand vor der Tür, den ich nicht verpassen wollte – auch weil ich mir sagte: Keine Ahnung, wo ich in vier Jahren stehe, also versuche es lieber jetzt als später. Mir sass das Messer sehr oft am Hals.

Was vermissen Sie aus Ihrer Zeit als Skifahrerin?
Jeden Tag auf den Ski zu stehen. Aber auch das Reisen in andere Länder. Jeder Ort hat ja eine ganz eigene Atmosphäre, mit anderen Farben und einem ganz besonderen Geschmack. Manchmal, wenn ich in einer Vorlesung sitze, habe ich so etwas wie einen Flashback, mit dem all die Erinnerungen an jene Zeiten wieder zurückkehren. Skifahren war mehr als nur ein Job, es war mein Leben. Auf einmal ist das alles weg. Für mich war das eine Riesenumstellung.

Empfanden Sie so etwas wie einen Trennungsschmerz?
Ja, durchaus, wobei es vielleicht sogar heftiger war als bei der einen oder anderen Beziehung. Ganz einfach deshalb, weil mein Leben als Skifahrerin mich extrem prägte. Zum Glück stehe ich regelmässig auf den Ski, sonst wäre es noch schwieriger gewesen.

«

Die ersten Rennen nach meinem Rücktritt konnte ich nur schwer ertragen.»

Hatten Sie schlaflose Nächte nach Ihrem Rücktritt?
Nein. Ich schlafe immer gut.

Was könnte Ihnen den Schlaf rauben?
Da fällt mir nichts ein. Im Team nannten mich die anderen Fahrerinnen immer «Murmeltier». Ich kann überall schlafen: stehend, im Flugzeug. Das habe ich als Mädchen in der Akupunktur gelernt. Meine Therapeutin wollte, dass ich schlafe, damit ich die Behandlung nicht spüre. Das gelang mir dann auch problemlos. Diese Fähigkeit ist ein Geschenk.

Sie haben Ihren Entscheid, die Karriere beendet zu haben, also nie bereut?
Nein, nie. Aber die ersten Skirennen nach meinem Rücktritt waren trotzdem nur sehr schwer zu ertragen. Ich konnte am TV fast nicht zuschauen. Einfach, weil alles noch so nahe
war. Mittlerweile fällt es mir leichter. Ich freue mich darauf, dass es Ende November im Weltcup weitergeht. Da fiebere ich richtig mit, besonders, wenn meine Geschwister im Einsatz sind. Ich weiss nun aber auch, was meine Eltern durchmachten, wenn ich die Piste runterfuhr und ich mich nicht nur einmal in die Netze schmiss. Vor dem Fernseher fühlt man sich hilflos.

Was haben Sie noch keine Sekunde vermisst, seit Sie zurückgetreten sind?
Den Kraftraum. Das Intervalltraining. Das Velofahren auf Mallorca in der Vorbereitung. Nach den Verletzungen gab mir das zwar Halt, insbesondere das Wissen, dass mein Knie diese Strapazen wieder aushält. Aber gegen Schluss meiner Karriere hatte ich es gesehen mit all den Gewichten, die ich stemmen musste. Seit ich aufhörte, war ich nie mehr in einem Kraftraum.

Bereitet der Skisport gut vor auf das Leben danach?
Klar ist der Spitzensport eine gute Lebensschule. Man lernt, mit Niederlagen umzugehen und manchmal von der Öffentlichkeit hart kritisiert zu werden. Diese Erfahrung macht man sonst als Gleichaltrige kaum.

Wer Spitzensport betreibt, so heisst es oft, der lebt in einer künstlichen Welt.
Künstlich ist die Welt des Profiskisports nicht, aber abgeschirmt. Wenn man nur mal schaut, wie viel Rücksicht die einzelnen Athletinnen aufeinander nehmen. Jede weiss genau, wie sie die andere auf die Palme bringen könnte, und versucht das zu vermeiden. Die Trainer, dein Umfeld, deine Eltern schirmen dich bestmöglich ab, damit du dich ganz auf deinen Sport konzentrieren kannst. Das ist mir so richtig bewusst geworden, als ich hier an der ETH Zürich mein Studium aufnahm. Da kommst du in einen Vorlesungssaal mit 450 Studenten, wo es ganz schön ruppig zu und her gehen kann. Beispielsweise wenn die Plätze eingenommen werden. Es hat alles seine Vor- und Nachteile.

Inwiefern?
Ich habe den Skisport geliebt, bin aber froh, dass ich nicht mehr so exponiert bin. Jede Handlung war öffentlich, jedes Resultat, jede Krise, die du als Athlet durchgemacht hast. Hier an der ETH Zürich interessiert sich niemand dafür, wie du an einer Prüfung abschneidest – ausser dir selbst. Ich finde das nach all den Jahren im Rampenlicht ganz angenehm, dass ich in der Masse verschwinden kann. Zugleich bist du aber auch zu hundert Prozent selber verantwortlich für dein Tun, niemand nimmt dir alles ab wie im Skisport.

Eine Wegbegleiterin von Ihnen war Lara Gut. Wird sie den Gesamtweltcup verteidigen?
Es sieht ganz danach aus. Ihr Sieg in Sölden war eine Machtdemonstration. Und beeindruckend. Schliesslich trainiert sie ja alleine mit ihrem Betreuerteam und nicht mit der Mannschaft. Dass sie trotzdem das Niveau so hoch halten kann, ist stark. Ich glaube, sie fährt noch besser als vergangene Saison.

Erinnern Sie sich an die Zeit, als sie in den Weltcup kam?
Ich war damals gerade verletzt. Wir hatten zuvor aber Wunderdinge von ihr gehört. Dass auch sie dann ihre Zeit brauchte, bis sie den Gesamtweltcup gewinnen konnte, ist nichts als normal. Für die grosse Kristallkugel musst du unglaublich konstant sein. Ich habe das auch wegen meiner Verletzungen nie hingekriegt. Da ganz oben zu stehen, das ist nochmals eine andere Dimension, als einfach nur ein Weltcuprennen zu gewinnen. Da muss alles stimmen, was aber nur nach einem jahrelangen Aufbau möglich ist. Bei Tina Maze oder Anna Fenninger war es nicht anders.

Welche Fahrerin während Ihrer Karriere war die beste von allen?
Janica Kostelic. Sie räumte alles ab, obwohl sie im Durchschnitt zweimal pro Saison operiert wurde. Sie war früh vorne dabei und hörte bereits mit 25 Jahren auf. Und widerlegt eigentlich genau das, was ich vorhin sagte. (Lacht.)

Bei den Gisins war immer was los – auf und neben der Piste: Dominique, Michelle und Marc im Dezember 1994.

Bei den Gisins war immer was los – auf und neben der Piste: Dominique, Michelle und Marc im Dezember 1994.
Bei den Gisins war immer was los – auf und neben der Piste: Dominique, Michelle und Marc im Dezember 1994.

In eine sportlichere Familie kann man nicht geboren werden. Bereits mit anderthalb Jahren stand Dominique Gisin auf den Ski – auch weil die Eltern Bea und Beat ihr liebstes Hobby nicht aufgeben wollten. Die beiden liessen sich einst in Basel zu Sportlehrern ausbilden, heute führen sie in Engelberg ein Sportgeschäft. Dominique Gisins Geschwister Marc (28) und Michelle (22) wurden ebenfalls Skiprofis.

Dominique Gisin gewann in ihrer zehnjährigen Karriere drei Weltcup-Rennen, 2014 wurde sie Olympiasiegerin in der Abfahrt und Sportlerin des Jahres. Ihre Laufbahn ist aber auch reich an Rückschlägen, wovon neun Knieoperationen zeugen. 2015 trat sie zurück. Während der Ski-WM in St. Moritz vom 6. bis 19. Februar 2017 tritt sie bei RSI (Radiotelevisione svizzera) als Expertin auf.

Nebst ihrem Physikstudium ist die 31-Jährige heute als Botschafterin des Schweizerischen Roten Kreuzes tätig. Sie reiste dafür nach Nepal und Bolivien und kehrte tief beeindruckt zurück. «In einem bolivianischen Bergdorf legten sie mir beim Empfang einen Kranz um den Hals, der mit Brot, Gemüse, Früchten und vielem mehr behangen war und sicher 25 Kilogramm wog. Dabei haben sie selber kaum genug.»

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Andreas W. Schmid

Redaktor

Text:
Andreas W. Schmid
Foto:
Engelberg Titlis Tourismus / Oskar Enander
Veröffentlicht:
Freitag 18.11.2016, 15:49 Uhr

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