Donna Leon - hier in Ernen - liebt klassische Musik und liest fürs Leben gern. Und sie schreibt natürlich Krimis.

Donna Leon: «Sobald ich die Augen öffne, lese ich»

Kaum war der 25. Fall ihres Kommissars im Handel, war er an der Spitze der Bestsellerlisten. Donna Leon über Venedig, Ernen und ihr Orchester.

Die amerikanische Erfolgsautorin Donna Leon (73) bewundert und fördert Barockmusik. Jeden Sommer ist sie eine Woche im Musikdorf Ernen VS. Sie gibt dort einen Schreib- und Literaturkurs und besucht in der Barockkirche die Festivalkonzerte.

Sie sind oft in der Schweiz. Könnten Sie hier leben?
Was heisst könnten? Ich tue es! Ich bin seit einigen Jahren in einem kleinen Dorf im Kanton Graubünden angemeldet.

Was gefällt Ihnen hier?
Ich finde es schön, dass die meisten Bürger ihrer Regierung vertrauen. So zahle ich lieber hier Steuern als anderswo. Ich gehe davon aus, dass das Geld vernünftig verwendet wird und nicht in den Taschen korrupter Politiker landet.

A propos Politiker: Können Sie von hier aus an den US-Wahlen teilnehmen?
Ja, per Mail. Ich werde demokratisch wählen. Meine Mutter hat mir eingeimpft, dass republikanisch wählen. eine Sünde ist. Daran halte ich mich.

In Venedig sind Sie immer noch oft?
Nein, nur ab und zu im Winter. Venedig ist eine spezielle Welt: 55 000 Einwohner und 30 Millionen Besucher pro Jahr. Es bleibt eine der schönsten Städte, aber es ist nicht mehr wie es war. Die Bewohner ertragen die Menschenmassen erstaunlich gelassen. Ich selber bin viel unterwegs, auch mit meinem Orchester.

Sie haben ein Orchester?
In gewisser Hinsicht ist «Il Pomo d’Oro» mein Orchester. Ich unterstütze und begleite es, so wie ich früher «Il complesso barocco» begleitete, aus dem es hervorging. Ich kann mitbestimmen, mit welchen Solisten oder Sängerinnen wir zusammenarbeiten. Ich bin voller Stolz und Freude, dass wir 2016 drei Echo-Klassikpreise gewinnen.

Spielt «Il Pomo d’Oro» auchhier in Ernen?
Nein, das Barockfestival von Ernen ist das Werk der Geigerin Ada Pesch, die als Konzertmeisterin des Zürcher Opernorchesters hier mit ihrem Barockensemble auftritt. Das ist ebenfalls grossartig.

Wie kamen Sie nach Ernen?
Vor 13 Jahren bat mich Ada, mit der ich befreundet bin, ob ich während ihres Festivals einen Schreibkurs geben könnte. Seither komme ich hierher.

Machen Ihnen die Schreibkurse Freude?
Ja, sehr und auch die Konzerte. In den Kursen lesen und besprechen wir Bücher – etwa von Jane Austen. Es kamen von Anfang an 50 Leute, viele sind immer dabei. Die Kurse gebe ich zusammen mit der kanadischen Historikerin und Schriftstellerin Judith Flanders. Wir beide ergänzen uns, und alle zusammen haben wir richtig Spass.

Geschrieben wird nicht?
Doch sicher. Das ist – neben der Musik – das Beste an Ernen: Alle schreiben etwas, lesen es am Schluss vor und dann reden wir darüber. Das ist befriedigend, berührend und oft auch sehr lustig.

Ihr einziger Ring: Gold und Lapislazuli

Ihr einziger Ring: Gold und Lapislazuli
Ihr einziger Ring: Gold und Lapislazuli

Wollen die Teilnehmerinnen mit Ihnen auch über Ihren neusten Krimi reden?
Während der Kurse reden wir nicht über meine Bücher. Vielleicht sagt jemand sonst mal, mein neues Buch habe ihm oder ihr gefallen.

Haben Sie gern Komplimente?
Sicher, wer nicht? Doch von mir aus komme ich nie auf meine Bücher zu sprechen. Was sollte ich dazu sagen?

Vielleicht möchte jemand wissen, welches Sie Ihren besten Krimi finden.
Fragen beantworte ich, wenn ich kann. Aber welches Buch mein bestes ist, kann ich so wenig sagen, wie welche Oper von Händel für mich die beste ist.

Welches Buch bedeutet Ihnen viel?
Die beiden Bücher, die in der Oper spielen: «Venezianisches Finale»und «Endlich mein» sowie das letzte: «Ewige Jugend». Letzteres funktioniert, weil man mit dieser Frau, die ewig kindlich bleiben wird, wirklich mitfühlt. Man will herausfinden, was mit ihr geschah.

Welches Ihrer Bücher war am erfolgreichsten?
Was meinen Sie damit? Bei welchem ich beim Schreiben am meisten lachte oder welches Lesern am meisten Freude machte oder welches die höchste Auflage hat?

Die Auflage wäre nicht uninteressant…
Am meisten Exemplare sind wohl vom ersten, Venezianisches Finale, verkauft worden, das schon seit 23 Jahren im Handel ist.

Immer dabei: die Agenda.

Immer dabei: die Agenda.
Immer dabei: die Agenda.

Ihre Bücher sind immer an der Spitze der Bestsellerlisten. Sie haben Millionen von Büchern verkauft. Wofür geben Sie am liebsten Geld aus?
Je länger je mehr empfinde ich Besitztümer als Last. Meine besten venezianischen Freunde, Roberta und Franco, sind Juweliere, denen ich viele Schmuckstücke abgekauft habe, andere bekam ich geschenkt, doch nun habe ich ausser einer Goldkette und einem Ring (siehe rechts) keinen Schmuck mehr. Auch Bilder habe ich verschenkt und Teppiche und Keramiken aus dem Mittleren Osten, wo ich lange lebte. Ich kaufe nur noch Bücher.

Und Sie unterstützen Ihr Orchester?
Ja, das ist mir das Wichtigste – das sind enge Freunde, es ist fast eine Art Familie.

Und sonst?
Ich unterstütze zwei Tierschutzvereine, einen in England, der kleine Dachse aufzieht, denn ich liebe Dachse. Der andere Verein ist in der Schweiz. «New Graceland» setzt sich für Galgos ein, das sind Jagdhunde, die in Spanien als Rennhunde ein trauriges Dasein fristen und mit Glück gerettet, hierhergebracht, aufgepäppelt und an neue Besitzer vermittelt werden..

Schreiben Sie am nächsten Buch mit Kommissar Brunetti?
Das Buch, das nächsten Frühling herauskommt, ist geschrieben.

Was verraten Sie zu Ihrem nächsten Buch?
Kommissar Brunetti ist nur auf den ersten Seiten in Venedig, der Rest spielt in der Lagune. Das war eine neue Herausforderung, ich musste mich mit ökologischen und Landschaftsfragen befassen.

Sie prangen wieder aktuelle Missstände an?
Ja, sicher, das ist das, was mich antreibt.

Sie lesen viel?
Sobald ich die Augen öffne, lese ich.

Wie kommen Ihnen die besten Ideen zum Schreiben?
Manchmal beim Zeitungslesen, manchmal bekomme ich etwas Spannendes erzählt oder ich werde Zeugin einer Szene. (Wie damals in der Oper, als ein Zuschauer sagte, er könnte den Dirigenten umbringen und ich beschloss, ein Buch zu schreiben, in dem ein Dirigent umkommt. So entstand das «Venezianische Finale».

Wissen Sie schon, wie das Buch endet, wenn Sie mit Schreiben anfangen?
Nein, ich weiss, mit welcher Szene es anfängt, und dann entwickelt es sich.

Wie hat sich Kommissar Brunetti vom ersten bis zum 25. Fall entwickelt?
Er war von Anfang an so, wie er ist. Aber ich entdecke immer neue Facetten an ihm. Und seine Kindheit wird auch immer klarer. Gut kenne ich seinen Büchergeschmack: Er liest immer das, was ich gerade lese.

Wie steht es mit seiner Work-Life-Balance?
Er macht das, was er tut, gern. Er arbeitet wahrscheinlich mehr als er muss, aber mir geht es auch nicht anders.

Hat er schon einmal eine Pistole verwendet?
Nein, und das ist in Venedig nicht ungewöhnlich.

Waren Sie in Venedig schon auf der Questura?
Ja, ich haben dort einen guten Bekannten, dem ich auch Fragen zum Vorgehen der Polizei stellen kann.

Welches Ende planen Sie für Ihren Helden?
Wenn ich keinen Spass mehr habe, höre ich auf.

Ein Italienischer Autor wird Ihre Serie bestimmt nicht fortsetzen, da sie nicht wollen, dass Ihre Bücher auf Italienisch übersetzt werden.
Ja, ich will mich in Venedig weiterhin unerkannt bewegen können.
Und eine Fortsetzung wird es weder auf italienisch noch überhaupt geben. Allerdings könnte ich wohl kaum verhindern, wenn jemand partout über einen venezianischen Detektiv namens Brunello schreiben wollte...

1993 «Venezianisches Finale», ihr erster Brunetti-Krimi, erscheint auf Deutsch.

1969 Sie besucht Venedig zum ersten Mal und kehrt immer wieder zurück.

1981 Sie zieht nach Venedig, da sie in der Nähe, an einer US-Uni, Literatur lehrt.

2016 «Ewige Jugend» erscheint und sie gewinnt den «Premio Pepe Carvalho».

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Eva Nydegger

Redaktorin der Coopzeitung

Foto:
Thomas Abdenmatten
Veröffentlicht:
Montag 01.08.2016, 10:00 Uhr

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