Doris Leuthard freut sich auf Weihnachten: «Es ist mehr als nur ein Geschenkli-Auspack-Fest.»

«Lachen macht menschlich»

Doris Leuthard, Bundespräsidentin des kommenden Jahres, über die Sorgen der Schweizer und die Bedeutung von Weihnachten.

Doris Leuthard, Sie werden 2017 zum zweiten Mal Bundespräsidentin. Empfinden Sie nur Vorfreude oder haben Sie auch Respekt vor dieser Aufgabe?
Respekt ist auch dabei, weil ich mit dem Uvek ein grosses Departement mit vielen Geschäften habe. Mit dem Präsidium des Bundesrats wird das ein sehr intensives Jahr. Erst recht, weil im Bundesrat Grundsatzentscheide anstehen, deren Vorbereitung viel Zeit benötigt. Aber natürlich herrscht auch Vorfreude, denn es wird einige spannende Begegnungen geben.

Auf welche Gäste freuen Sie sich besonders?
Wenn alles klappt, wird der chinesische Präsident auf Staatsbesuch kommen. Da laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Für die Schweiz ist das ein herausragendes Ereignis, auch weil Xi Jinping bis jetzt in Europa noch nicht so präsent war.

Schon in Ihrem ersten Präsidialjahr hatten Sie einige besondere Begegnungen.
In jenem Jahr traf ich Staatspräsidenten wie Barack Obama, Angela Merkel oder Nicolas Sarkozy. Auch Silvio Berlusconi ist mir in besonderer Erinnerung geblieben …

… weil er auch mit Ihnen seine Spässe gemacht hat?
Silvio Berlusconi war bei meinen Begegnungen ein guter Debattierer und eine charmante Persönlichkeit. Das andere, was mit seiner Person zu tun hatte, geht mich ja nichts an. (Lacht.) Seitdem gab es diverse Wechsel. Angela Merkel ist die einzige Konstante. Es wird also zu neuen Begegnungen kommen.

Gibt es auch privatere Momente in solchen Begegnungen?
Eigentlich immer. Ich bin der Meinung, dass man keine entspannte, konstruktive Atmosphäre aufbauen kann, wenn man sich mit allen Mitarbeitern gleich an den grossen Tisch setzt. Ich treffe meine Gäste deshalb oft zu einem kurzen Vier-Augen-Gespräch und zeige ihnen zum Beispiel die Berge. Dies ermöglicht einen persönlicheren Zugang. Manchmal essen wir mit unseren Gästen auch ein Fondue, dann geht es schnell ein bisschen lockerer und unkomplizierter zu und her.

Ist Fondue nicht ein heikles Gericht, wenn man Gäste aus dem Ausland hat?
Viele Asiaten haben tatsächlich Mühe mit Fondue. Aber Xi Jinping soll es mögen, wie mir gesagt wurde. Man darf nicht unterschätzen, was es auslösen kann, wenn alle im selben Topf rühren und man gemeinsam ein solch traditionelles Mahl zu sich nimmt. Das ist besser, als von Termin zu Termin zu hetzen und nur über Politik zu reden.

«Ich lebe in einem Dorf, in dem ich nicht die Frau Bundesrätin bin, wenn ich einkaufe. Da hört man die Sorgen der Menschen.»

«Ich lebe in einem Dorf, in dem ich nicht die Frau Bundesrätin bin, wenn ich einkaufe. Da hört man die Sorgen der Menschen.»
http://www.coopzeitung.ch/Doris+Leuthard_+_Lachen+macht+menschlich_ «Ich lebe in einem Dorf, in dem ich nicht die Frau Bundesrätin bin, wenn ich einkaufe. Da hört man die Sorgen der Menschen.»

Im «Tages-Anzeiger» stand unlängst über Sie: «Trotz 10 Jahren im Amt zeigt Doris Leuthard kaum Abnützungserscheinungen.» Wie schaffen Sie das?
Es ist ein strenges, sehr komplexes Amt, in dem man viel arbeitet. Kommt hinzu, dass ich oft umstrittene Dossiers habe. Zum Glück habe ich tolle Mitarbeiter, die sehr motiviert sind. Wir debattieren viel, ziehen am Ende aber alle am gleichen Strang. Wichtig auch: Mein Mann trägt viel dazu bei, dass ich so wie jetzt arbeiten kann. Wir schauen zudem, auch bei engem Kalender gemeinsame Zeit verbringen zu können. Und schliesslich ist es ein Glück, dass ich wenig Erholungszeit benötige. Ich muss nicht zehn Stunden schlafen pro Nacht, um fit zu sein. Bei mir sind es eher sechs Stunden. Ich achte zudem auf kurze Erholungspausen während des Tages. Wichtig für mein Wohlbefinden sind auch Sport und Bewegung.

Sie gelten als die Bundesrätin, die Humor hat und auch mal gerne lacht.
Es gehört in unserem Departement zur Kultur, dass man auch mal herzhaft mit einander lachen kann. Wir haben so viele ernste, staubtrockene Dossiers, über die wir entscheiden müssen, dass solche Momente der Entspannung guttun. Lachen trägt dazu bei, die Situation gerade in heiklen Fragen zu entspannen. Lachen macht menschlich.

Zum Lachen zumute war Ihnen nach der letzten Abstimmung, als der schnelle Atomausstieg an der Urne verworfen wurde. Nun hat die Schweiz Zeit bis 2050, um die Energiewende zu realisieren. Reicht die Zeit?
Ja, davon bin ich überzeugt. Wir hatten schon mal eine Schweiz ohne Kernkraft. Nun gehen wir wieder in diese Richtung. Es braucht seine Zeit, um den Wandel zu bewerkstelligen. Neue Energieanlagen lassen sich nicht von heute auf morgen realisieren. Das erste Paket beruht auf den heute bekannten, marktfähigen Massnahmen und hat noch keine Technologiesprünge eingeplant. Diese kommen aber. Ich bin überzeugt, dass wir in ein paar Jahren Energiespeicher-Lösungen in grösserem Ausmass auf dem Markt haben. Das wird uns zur Erreichung unserer Ziele helfen.

Wie sparen Sie selber Energie?
Jeder kann seinen Teil dazu beitragen. Wir achten darauf, wenig Energie zu verbrauchen. Geheizt wird unser Haus mit einer Wärmepumpe und in der Übergangszeit mit einem Schwedenofen. Im Ferienhaus haben wir eine Photovoltaik-Anlage zur Stromproduktion installiert. Es lohnt sich auf jeden Fall, die eigene Lebenssituation genau anzuschauen. Viele Wohnungen haben einen überdimensionierten Wasserboiler, der ständig heizt. Auch bei der Beleuchtung, beim Standby-Modus oder der Einstellung der Heizung lässt sich Energie sparen. Oft sind es kleine Dinge, die aber in ihrer Summe viel Energie verbrauchen.

Und beim Verkehr?
Die Menschen werden immer mobiler. Energie sparen kann man mit dem Zug und mit verbrauchsarmen Fahrzeugen. Da verläuft die Entwicklung ziemlich rasant. Vor zehn Jahren hatten wir Acht- oder Neun-Liter-Autos. Heute verbrauchen sie noch sechs Liter. Das ist gut für den Klimaschutz.

«

Lieber ein Fondue mit den Gästen, als mit ihnen von Termin zu Termin zu hetzen.»

Coop hat Anfang November die erste Wasserstofftankstelle eröffnet. Sehen Sie das als Modell für die Zukunft?
Ja, das kann eine der Lösungen sein. Gerade bei den Fahrzeugen erwarte ich, dass die Nutzer aus verschiedenen Technologien auswählen können. Die Coop-Wasserstofftankstelle ist etwas Gutes, erst recht, wenn ein dichteres Netz die Preise senkt.

Eines der Probleme, das die Menschen beschäftigt, sind laut CS-Sorgenbarometer die immer teureren Preise im ÖV. Sie könnten doch sagen: Stopp, die Preise werden nicht noch weiter erhöht.
Nein, das könnte ich nicht. Ich könnte höchstens sagen: Stopp mit dem Ausbau der Infrastruktur. Wir haben in der ersten Etappe des Bahnpakets 3,5 Milliarden Franken vorgelegt, das Parlament hat es gar auf 6,4 Milliarden erhöht. Das schlägt sich in den Preisen nieder und es bahnt sich ein weiteres Milliardenpaket an. Es lohnt sich darum zu überlegen, wie wir die Infrastruktur besser auslasten können, zumal in der kleinräumigen Schweiz vielerorts der Platz für einen weiteren Ausbau beschränkt ist. Wo überall können wir Doppelstockzüge einsetzen? Warum nicht dafür sorgen, dass weniger Menschen zu den Stosszeiten unterwegs sind? Wenn sich die Passagierzahlen besser über den Tag verteilen, müssen wir die Infrastruktur weniger stark ausbauen. Die Preise sind aber ein wichtiges Thema: Wir müssen sie gut austarieren, damit Bahnfahren für jedermann bezahlbar bleibt.

Wie stellen Sie sicher, dass Sie nach all den Jahren in der Politik noch nahe genug am Volk sind?
Ich bin jede Woche im Zug unterwegs. Und ich lebe in einem Dorf, in dem ich nicht die Frau Bundesrätin bin, wenn ich einkaufe. Die Leute sprechen mich oft an. Da hört man die Sorgen der Menschen. Ich bin mir bewusst, dass ich in einer privilegierten Situation lebe, versuche aber mitzubekommen, was den ganz normalen Schweizer beschäftigt.

Was sind denn die grössten Sorgen der Schweizer?
Die steigenden Prämien der Krankenkassen zählen sicher dazu. Das ist ein Thema, auf das ich oft angesprochen werde. Eine Mittelstandsfamilie mit zwei Kindern, die nicht in den Genuss von Prämienverbilligungen kommt, hat es schwer. Ein grosses Thema ist auch die Angst um den Arbeitsplatz. Viele Menschen, die über 50 sind, haben das Gefühl, dass sie mit der Digitalisierung nicht mehr Schritt halten können. Die Gesellschaft muss sich auch um sie kümmern.

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?
Für mich als Katholikin ist das nicht nur ein Geschenkli-Auspack-Fest, sondern es hat eine religiöse Bedeutung. Es tut gut, diese Tage zu nutzen, um einfach mal nichts zu tun und Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen und sich zu erholen. Mit besinnlicher Musik und einem Buch. Wir feiern Weihnachten zu Hause.

Was gibt es zu essen?
Bei uns gab es früher traditionell immer Schinken, Schüfeli, Dörrbohnen und Kartoffelsalat. Das war lange unser Standardmenü. Dann kam die Fondue-chinoise-Zeit. Dieses Mal werde ich meine Mutter fragen, was ihr Lieblingsmenü ist und darauf Rücksicht nehmen.

Wie nutzen Sie die wenige freie Zeit, die Sie haben?
Ich kaufe gerne Bücher und Interia-Design-Hefte, die sich dann zu Hause stapeln. Abends vor dem Schlafengehen lese ich, komme aber nicht über zehn Seiten hi-naus (lacht). Deshalb bin ich froh, wenn ich mal ein paar Tage frei habe, um mit Freude lesen zu können.

Was lesen Sie?
Das kommt auf die Stimmung an. Manchmal brauche ich etwas fürs Herz, manchmal eher etwas für den Geist. Nestlé-VR-Präsident Peter Brabeck hat mir soeben sein Buch geschickt, das werde ich über Weihnachten sicher lesen. Und dann halt Bücher, die es einem erlauben, ein bisschen zu träumen.

Wie sieht es mit Sport aus?
Ich gehe jede Woche ins Pilates. Im Sommer schwimme ich und fahre Velo. Im Winter gehört Skifahren dazu.

Und zu welchem Typ zählen Sie? Sind Sie die Tempobolzerin, die bis zum Pistenschluss die Hänge runterbrettert, oder eher der Après-Ski-Typ?
Ich fahre gerne gemütlich Ski. Es gehört für mich auch dazu, dass man zwischendurch einkehrt. Aber ich bin nicht der Typ, der bereits nach der ersten Abfahrt etwas trinken geht. Ich bleibe unterwegs auch gerne mal einen Moment stehen, um die Aussicht zu geniessen.

Leuthard hat lieber richtige Freunde

Ein Foto noch aus dem alten Jahrhundert: 1999 wurde Doris Leuthard Nationalrätin der CVP – und hatte schon damals Grund zur guten Laune.

Ein Foto noch aus dem alten Jahrhundert: 1999 wurde Doris Leuthard Nationalrätin der CVP – und hatte schon damals Grund zur guten Laune.
http://www.coopzeitung.ch/Doris+Leuthard_+_Lachen+macht+menschlich_ Ein Foto noch aus dem alten Jahrhundert: 1999 wurde Doris Leuthard Nationalrätin der CVP – und hatte schon damals Grund zur guten Laune.

Doris Leuthard gilt als humorvolle Bundesrätin, doch einen Witz hatte sie nicht auf Lager, als die Coopzeitung sie am Sitz ihres Departements in Bern zum Gespräch traf. Vielleicht hatte sie einfach keine Lust auf solch vehemente Reaktionen wie im Sommer. Im «Donnschtig-Jass» hatte sie einen Witz erzählt: «Wissen Sie, weshalb die Bauern so wenig Achselhaare haben? Weil ihnen der Staat ständig unter die Arme greift!» Bei vielen Bauern kam der Witz nicht gut an. Leuthard findet das schade: «Man muss auch mal über sich selber lachen können.»

Die 53-jährige Bundesrätin, die seit einem Jahrzehnt in der Landesregierung mitwirkt und das Uvek (Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation) unter sich hat, hingegen besitzt diese Fähigkeit – und wurde 2012 zur Preisträgerin der Arosa Humorschaufel erkoren.

2017 wird Doris Leuthard als Bundespräsidentin amten. Ihr grösster Wunsch für das Jahr ist, «dass in der Schweiz nichts Schlimmes passiert, also weder ein Flugzeugabsturz noch ein terroristisches Ereignis oder auch sonst nichts Dramatisches.» Leuthard ist bei Social Media übrigens nicht dabei. «Dafür habe ich keine Zeit. Und ich habe lieber richtige Freunde.»

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Andreas W. Schmid

Redaktor

Text:
Andreas W. Schmid und Thierry Délèze
Foto:
Philipp Zinniker, Keystone
Veröffentlicht:
Montag 19.12.2016, 16:00 Uhr

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