Fabian Unteregger über seine zweistündigen Soloauftritte, die «volle Konzentration» verlangen: «Das ist Spitzensport».

Dr. Lustig: «Zuerst wollte ich Höhlenforscher werden»

Fabian Unteregger (39) ist Komiker, Arzt und diplomierter Lebensmittelingenieur – «kein Widerspruch», findet er.

Wir treffen Fabian Unteregger in einem Café im Zürcher Hauptbahnhof. «Einen kalten Whisky hätte ich gerne», erklärt er der verdutzt dreinschauenden Kellnerin, um gleich darauf zu relativieren: «Nein, nein, einen Grüntee bitte.» Für ihn ein kleiner Scherz (wir haben so etwas erwartet), für uns die perfekte Steilvorlage zur ersten Frage:

Fabian Unteregger, können Sie überhaupt ernst sein?
Problemlos und eigentlich die meiste Zeit.

Dann fragen wir einfach mal à la Roger Schawinski ... Fabian Unteregger, wer sind Sie?
Haha ... grossartig (in der Schawinski-Stimme). Also: Ich bin jemand, der es gerne ruhig hat und die Menschen beobachtet. Ich muss nicht im Zentrum stehen. In einer Gruppe nehme ich oft die Rolle des stillen Zuhörers ein.

Ernsthaft?
Ja. Ich bin ein sehr analytischer Mensch. Das hilft mir dabei, Situationen rasch zu erfassen. In einer Gruppe erkenne ich verschiedene Konstellationen ziemlich rasch. Aber ich benötige im Privaten keine Menschen um mich, um sie zu bespassen. Dafür habe ich mit Bühne, TV, Radio und sozialen Medien genügend andere Ventile. Mit dieser Antwort haben Sie jetzt nicht gerechnet, gäll (lacht)!

Nein. Aber dass Sie eine gute Beobachtungsgabe haben, ist klar. Ein Muss, um andere Menschen zu parodieren.
Ja, wobei das Fundament meiner Shows Stand-up-Comedy ist. Dafür benötige ich ein Mikrofon und einen Sack voller guter Pointen – mehr nicht. Die Parodien, Spontaneität, Instrumente sind Stilmittel, die ich darüberlege.

Doch sind es diese Parodien, die die Menschen lieben. Wie viele haben Sie davon auf Lager?
Mittlerweile waren bei SRF 3 über 50 Personen on air. Es zählt aber die Qualität und nicht die Quantität.

Gibt es ein «Lieblingsopfer»?
Boah, schwierig. Momentan ist ein Herr mit blonder Haarpracht, alternativen Fakten und einem nervösen Finger bei Twitter gut dabei.

Wer könnte das wohl sein?
Ein Tipp – es ist kein Schweizer (lacht). Donald Trump bietet sich zwar an, doch ist es nicht einfach, jemanden in einer Fremdsprache zu parodieren, weil die Parodie auch für einen US-Hörer erstklassig sein sollte. Als feststand, dass er der neue US-Präsident werden wird, war klar, dass ich ihn ins Sendegefäss «Zum Glück ist Freitag» auf SRF 3 einbaue. Zwei Tage danach hatte ich ihn auf dem Sender.

Jemand, den Sie dort gerne auf die Schippe nehmen, ist Roger de Weck, der Chef der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft – also auch der Boss von SRF 3. War er damit einverstanden?
Wir fragen keinen, den wir in die Sendung einbauen, ob er damit einverstanden wäre, wenn wir ihn am Radio nachahmen würden. Für mich zählt: C’est le ton, qui fait la musique. Und die Musik muss gut sein. Die Originale, die meine Liveshow besucht haben, sind allesamt sehr gut gelaunt nach Hause gegangen.

Aber die Redaktion von SRF 3 hatte doch sicher Bedenken?
Nein, das war völlig problemlos. Herr de Weck hat einen guten Sinn für Humor. Er verfügt ja über einen speziell guten Blick für Doppeldeutigkeiten (schmunzelt).

«

Der Mensch nimmt Schmerzen weniger wahr, wenn er lacht.»

Gibt es No-Gos?
Alles, was beleidigend ist.

Und bei den Personen selbst? Gibt es jemanden, den Sie nicht parodieren würden?
Sie meinen, weil dieser jemand ein Riesenarsch ist?

Genau.
Beispielsweise Mobutu Sese Seko, der ehemalige Präsident der Republik Kongo und Vorsteher einer der längsten und korruptesten Diktaturen Afrikas. Einer solchen Person würde ich sicher keine zusätzliche Plattform geben.

Sie sind nicht nur Komiker, sondern auch Arzt. Ist das nicht ein Widerspruch?
Warum?

Weil Sie als Komiker die Menschen zum Lachen bringen, wohingegen niemand einen Arzt aufsucht, weil es ihm gut geht.
Das ist so. Lachen hat unterschätzte Eigenschaften. Der Mensch nimmt zum Beispiel Schmerzen weniger wahr, wenn er lacht. Ich selbst arbeite derzeit jedoch nicht als Assistenzarzt, sondern betreibe parallel zur Comedy noch aus Freude Grundlagenforschung an einer Uniklinik.

Und was genau untersuchen Sie?
Die Stimme respektive die Anatomie des Kehlkopfes. Darüber weiss man extrem wenig. Ich mache jetzt mal «uuhh», gehe von der Bauch- in die Kopfstimme über. Was passiert dabei anatomisch? 

Keine Ahnung!
Und da sind Sie nicht der Einzige. So ging mir das vor drei Jahren auch noch. Wir wissen noch viel zu wenig über die funktionelle Anatomie und Steuerung des Kehlkopfs. Wir bringen hier Licht ins Dunkle. 

Welcher Berufswunsch war zuerst da? Komiker oder Arzt?
Lustigerweise beides zur gleichen Zeit. Zuallererst wollte ich aber Höhlenforscher werden, womit ich jetzt nicht auf eine Arztfachrichtung anspiele (lacht).

Während des Studiums mussten Sie sich auch im Spital Ihre Sporen abverdienen. Hat Ihnen Ihr Humor geholfen, mit bedrückenden Situationen umzugehen?
Es ist ja nicht so, dass im Spital alles negativ und traurig ist. Da gibt es viele Situationen mit Unterhaltungswert. Es gibt Leute, die mit Gegenständen Sachen veranstalten, die man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann. 

Eigentlich wäre Spitalclown der ideale Job für Sie.
Nein. Denn als Arzt bist du nicht der Clown. Sofern jedoch ein Patient Humor hat, kann das gewissen Situationen die Schwere nehmen. Indem man etwas sagt, das ihn auf andere Gedanken bringt. Es gilt, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Aber klar, im Spital erlebt man krasse Emotionen. Das geht von Angst, Trauer via Hilflosigkeit bis zu ganz tiefer Dankbarkeit und nicht zuletzt auch Freude. 

Was war Ihr bisher schwierigster Moment im Spital?
Da war ein Kubaner, der von einer unter Zeitdruck stehenden Ärztin seine HIV-Infektion bestätigt erhalten hat. Für ihn brach eine Welt zusammen. Es war meine Aufgabe, ihm zu erklären, dass aufgrund dieser Diagnose das Leben nicht zu Ende ist. Das war anspruchsvoll. Ich musste meine Worte auf die Goldwaage legen, ohne ihm dabei etwas vorzumachen. Etwa ein Jahr später kam dieser Mann an einer Veranstaltung mit einem Lachen im Gesicht auf mich zu, um Hallo zu sagen. Das hat mich sehr berührt. 

Und Ihr schönster Moment?
Im Spital in Lugano, als ich bei einer Geburt die Erstuntersuchung des Säuglings machen durfte. Überwältigend. Ging nicht ohne feuchte Augen. 

Wie schwierig ist es, nach solchen Emotionen am Abend in die Rolle des Komikers zu schlüpfen?
Interessanterweise gar nicht. Ich kann das gut trennen. Bei einer Show bin ich sehr konzentriert, stehe zwei Stunden alleine auf der Bühne, spiele dazu Klavier und Ukulele – das ist Spitzensport. Es ist mehr, wenn ich wieder zu Hause bin, oder am nächsten Tag, dass mich das, was ich im Spital erlebte, erneut beschäftigt. Aber hey ... The Show Must Go On!

Dr. med. Fabian Unteregger

http://www.coopzeitung.ch/Dr_+Lustig_+_Zuerst+wollte+ich+Hoehlenforscher+werden_ Dr. Lustig: «Zuerst wollte ich Höhlenforscher werden»

«Das war ein sauhartes Stück Arbeit. Es hing oft an einem seidenen Faden», so Fabian Unteregger zu seinem kürzlich erworbenen Doktortitel der Medizin. Drei Jahre sei er dran gewesen und nun ist er «überglücklich, dass es doch noch geklappt hat».

Als Comedian ist er aktuell mit seinem Soloprogramm «Doktorspiele» unterwegs.

www.fabianunteregger.ch

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